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Im Porträt: Helene Metz : Die Fernsehproduzentin

Alte Dame neben Flachbildschirm: Helene Metz in ihrem Zirndorfer Werk Bild: Rainer Wohlfahrt

Grundig, Saba und Nordmende sind längst untergegangen. Frau Metz baut immer noch ihre TV-Geräte in Deutschland. Als Nischenanbieter in der Oberklasse hält sich das fränkische Unternehmen tapfer.

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          Der Spruch gefällt ihr. „Metz mächad i ah.“ Das ist nicht arabisch, sondern derb-fränkisch. So tönte es in den achtziger Jahren allenthalben aus dem Radio. Fernseher wollte man damit verkaufen, Fernseher, die gut und teuer waren. „Kennen Sie den Spruch? Können Sie den auch übersetzen?“, forscht Helene Metz vorwitzig beim Gast nach und freut sich über den holprigen Versuch (“Metz hätte ich auch gern“). Seit 2003 steht „Always first class“ auf den Werbebroschüren. Zeitgeistig, englisch.

          Thiemo Heeg

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Man kann davon ausgehen, dass Frau Metz den modernen Slogan billigt, aber gewiss nicht liebt. Umso rätselhafter deshalb: Wie kann es sein, dass es in Deutschland einen TV-Hersteller gibt, mit einer 82 Jahre alten Geschäftsführerin, der noch nicht pleite ist?

          Noch drei Hersteller in Deutschland

          Die Firma Metz ist ein Unikum in der deutschen Wirtschaftswelt. Zu Zeiten des Wirtschaftswunders war sie eine unter vielen. Mehr als 70 Unternehmen gehörten in den fünfziger und sechziger Jahren zur deutschen Unterhaltungselektronik-Industrie.

          Flachbildfernseher aus Franken

          Im Jahr 2007 ist der Betrieb in Zirndorf bei Nürnberg einer von dreien (neben Loewe und Technisat), der noch TV-Geräte in Deutschland herstellt. Und Blitzgeräte. Eine Kombination, von der jede Unternehmensberatung ganz dringend abraten würde. Wo, bitte, sind da die Synergien, würde der junge Berater bohrend fragen, und Helene Metz verstünde ihn gar nicht, was nicht nur an seiner geringen Lautstärke und seinem schnellen Sprechtempo läge, sondern auch daran, dass da zwei Gedankenwelten frontal aufeinanderprallen.

          „Der eiserne Paul“

          Die Welt der Helene Metz ist die des Paul Metz. An den 1993 verstorbenen Unternehmenspatriarchen erinnern in der Firma großformatige Bilder an den Wänden. Sie zeigen einen Mann, der durchaus Wärme ausstrahlt, dem man freilich an den Augen ansieht, dass er ein Macher war. „Der eiserne Paul“ steht unter einem Foto-Ensemble mit Dampfmaschine, das im Büro seiner Frau einen Ehrenplatz gefunden hat, ein Geschenk zum 75. Geburtstag. „Ja, er war eisern“, sagt Helene Metz.

          Paul Metz gründete das Unternehmen 1938. Damals stellte er Transformatoren und Kurzwellensender her, nach dem Krieg produzierte er Radios und machte mit moderner Technik von sich reden. 1954 kam ein 4,9 Kilo schweres Kofferradio mit dem schönen Namen „Babyphon“ auf den Markt: ein Exportschlager, der sich in Amerika 50.000 Mal verkaufte. 1955 präsentierte Metz den ersten Fernseher, 1957 das erste Transistorenblitzgerät der Welt - Mecablitz heißt die Marke noch heute. Damit hatte das Unternehmen seine Produkte gefunden, die auch 50 Jahre später die Basis des Geschäfts bilden.

          Die ruhmreichen Fünfziger

          Zeitzeugen schildern Metz als begabten Tüftler. Aber das war er nicht alleine. „Er war ein Ingenieur, ein Techniker, der auch Verständnis für das Geschäft hatte“, sagt ein langjähriger Weggefährte.

          Verständnis für das Geschäft, das ist leicht im Aufschwung. Damals in den fünfziger Jahren gierten die Menschen nach Unterhaltung, nach Ablenkung. Und eine aufstrebende Industrie lieferte ihnen die Geräte dazu. Namen wie Körting, Saba und Telefunken rufen die Erinnerung wach an ruhmreiche Zeiten deutschen Unternehmergeistes. Und Legenden ranken sich um die Fabrikantenhelden von damals.

          Garagen-Geschichten aus Deutschland

          Helene Metz zieht ein Buch aus dem Regal und deutet auf ein Foto. „Ich hab immer den Herrn Mende bewundert.“ Der sei nach dem Krieg aus Dresden gekommen und habe in Bremen die Firma Nordmende gegründet. Und statt mit einem Schreibtisch habe er sein Geschäft mit einer Kiste begonnen. Ja, auch Deutschland hat seine Garagen-Geschichten, und das lange vor dem Aufstieg des Silicon Valley.

          Freilich fehlt all diesen Storys ein wichtiger Faktor: das Happy End. Traurig endet die Geschichte des Herrn Mende. Seine Söhne verkauften die Firma in den siebziger Jahren an den französischen Konzern Thomson-Brandt. Das Werk in Bremen wurde irgendwann geschlossen, die Marke wurde erst zur reinen Handelsmarke degradiert und verschwand dann irgendwann komplett.

          Das traurige Ende von Grundig

          Traurig endet die Geschichte des Herrn Grundig. Der verkaufte sein Unternehmen, das in seinen besten Zeiten rund 40.000 Mitarbeiter beschäftigte, zunächst an Philips. Der Konzern wurde damit nicht recht glücklich, reichte die Firma seinerseits weiter. Am Ende stand 2003 die Insolvenz, und heute lebt Grundig als Globalisierungs-Untoter: Mit Geräten „Made in Turkey“ und „Made in Asia“ statt „Made in Germany“. Wer nicht genau hinschaut, könnte denken, alles sei genau noch so wie früher.

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