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Im Gespräch: Thilo Sarrazin : „Genug Druckerschwärze für Papiergeld gab es immer“

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„Europa könnte ganz gut ohne den Euro leben“: Thilo Sarrazin Bild: Pein, Andreas

In seinem Krisenbuch, das er an diesem Dienstag vorstellt, legt sich Thilo Sarrazin mit großen Teilen der politischen Szene an, die alles für die Stabilisierung des Euro tun will. Im Interview stellt er sich den Fragen der F.A.Z.

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          Herr Sarrazin, erst schafft sich Deutschland ab, und nun brauchen wir den Euro nicht mehr, zumindest überschreiben Sie so Ihr neues Buch. Warum treibt Sie die Lust am Untergang?

          Meine kritische, aber keineswegs untergangsaffine Sicht rührt aus den Erfahrungen, die ich als Beamter und Politiker gemacht habe. Es ist nun mal sehr schwer, aus demokratischen Strukturen Entscheidungen zu entwickeln, die langfristige Aspekte berücksichtigen.

          War das nicht schon immer so?

          Deshalb hat die Welt auch nie so gut funktioniert, wie es möglich gewesen wäre. Es gibt immer nur Inseln relativ guter Ordnung.

          Warum ist die gute Ordnung denn in Europa verlorengegangen?

          Das haben Sie jetzt so zugespitzt. Wissen geht mit den Menschen, die in Pension gehen oder sterben, zunächst verloren. Es muss immer wieder neu erworben werden. Das gelingt nur begrenzt. So scheint der liberale Ordnungsrahmen, der vor einem halben Jahrhundert bei der Gründung der EWG Pate gestanden hat, weitgehend in Vergessenheit geraten. Zudem geht der überlieferte Fundus an kultureller Gemeinsamkeit in den europäischen Bildungseliten zurück. Ersetzt wird er durch eine internationale Kultur, für die Facebook und große Sportereignisse stehen. Die verbinden auch, aber nicht europäisch.

          Warum ist das für den Euro wichtig?

          Das Projekt der gemeinsamen Währung wurde politisch gerechtfertigt mit dem Ziel eines vereinten Europas. Was aber soll der Inhalt einer künftigen Europäischen Nation oder eines Bundesstaates sein? Das prägende Element Europas sind die Nationalkulturen, die weitgehend mit den Sprachgrenzen identisch sind. Der Verlust einer gemeinsamen, verbindenden Sprache der Eliten, wie es das Lateinische für Europa einmal war, später auch Französisch oder Deutsch, ist da etwas Wesentliches. Das Englische ist nur ein bedingter Ersatz. Europa ohne England ist ein Gebilde, in dem alle Beteiligten, wenn sie miteinander reden, sich in einer Fremdsprache verständigen. Man kann natürlich einen Staat mit mehreren Sprachen bilden, aber die Spannungen nehmen zu.

          Was könnte denn die verbindende Klammer sein?

          Drei Elemente: Frieden und Freiheit; Arbeit für alle; Wohlstand. Nachdem die ethnischen Konflikte gelöst sind in Europa, ist der Frieden nicht mehr bedroht. Wir haben zudem eine Vielzahl von internationalen Institutionen, die das Zusammenleben der Nationen regeln. Der historische Irrtum war, die gemeinsame Währung könne als treibender Faktor genutzt werden, um die europäische Integration voranzutreiben.

          Sie analysieren die Geburtsfehler des Euro und die Erziehungsfehler. Der Euro war demnach keine gute Idee. Warum ist er dennoch geschaffen worden?

          Das treibende Motiv war der Wunsch des Bundeskanzlers Helmut Kohl, der versprach, die politische Union werde folgen. Das war ein Akt der politischen Irreführung.

          Kann denn politischer Wille auf Dauer die ökonomischen Fakten ignorieren?

          Die ökonomische Vernunft spricht dafür, dass wir zu einem System gebundener, aber abänderbarer Wechselkurse zurückkehren. Da wir den Franzosen unsere Art des Wirtschaftens nicht aufzwingen können. Aber die historische Erfahrung zeigt, dass man durchaus zehn, zwanzig, fünfzig oder auch siebzig Jahre gegen ökonomische Gesetzmäßigkeiten regieren kann. Letztlich war der ganze Sozialismus darauf ausgerichtet.

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