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Im Gespräch: Paul de Grauwe : „Gott sei Dank haben die Staaten Schulden gemacht“

  • Aktualisiert am
Paul de Grauwe: „Man kann ein Land nie dazu zwingen, Schulden zu begleichen.“

Paul de Grauwe: „Man kann ein Land nie dazu zwingen, Schulden zu begleichen.“ Bild: Marcus Kaufhold

Die Politiker sind nicht die Schurken, sagt Euro-Ökonom Paul de Grauwe: Schuld am ganzen Schlamassel sind die privaten Schuldner.

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          Herr de Grauwe, demnächst wird Griechenland ein Teil seiner Schulden erlassen. Ist das in Ordnung?

          Ja, denn anders geht es einfach nicht. Bisher hat man gesagt: Die Griechen sollen sparen. Aber deswegen schrumpft ihre Wirtschaft, und dann werden die Schulden nur noch drückender. Ich weiß, mancher will die Griechen gerne bestrafen, und sie hätten es verdient. Aber das würde nichts bringen - es hilft nur noch, ihnen organisiert Schulden zu erlassen, zum Beispiel die Hälfte. Und die Banken müssen dann ihre Verluste anerkennen.

          Aber was ist mit den anderen Ländern? Wenn Griechenland einen Schuldenerlass bekommt, warum sollten Irland, Portugal und Spanien ihre Schulden begleichen?

          Man kann ein Land nie dazu zwingen, Schulden zu begleichen, die sind ja souverän. Aber wenn es nicht bezahlt, wird das Leben bald unangenehm. Das Land verliert den Zugang zum Kapitalmarkt und kann auf Jahre hinaus kaum noch Kredite aufnehmen. Schauen Sie sich Argentinien an.

          Für Argentinien hat nach der Pleite niemand gezahlt, aber Griechenland bekommt weiter Geld von den Europäern und dem Internationalen Währungsfonds.

          Das stimmt schon. Aber vergessen wir nicht: Wenn Griechenland einen Teil seiner Schulden erlassen bekommt, wird es praktisch übernommen. Es wird doch heute schon zum Teil von Ausländern regiert. Ich glaube nicht, dass die Regierung das möchte.

          Die EU macht den Staatsbankrott ein bisschen weniger unattraktiv - also auch die Schuldenwirtschaft.

          Nein, überhaupt nicht. Eine Regierung kann es nicht mögen, wenn Ausländer das Land übernehmen.

          Paul de Grauwe: „Jahrelang hat sich niemand um die hohen Schulden gesorgt, auch die Märkte nicht.“
          Paul de Grauwe: „Jahrelang hat sich niemand um die hohen Schulden gesorgt, auch die Märkte nicht.“ : Bild: Marcus Kaufhold

          Trotzdem hat Griechenland jahrelang über seine Verhältnisse gelebt.

          Jahrelang hat sich niemand um die hohen Schulden gesorgt, auch die Märkte nicht, die die Kredite vergeben haben.

          Waren es nicht die Märkte, die Italien zum Sparen gebracht haben? Hat Italien sein Sparpaket nicht erst beschlossen, als die Zinsen gestiegen waren?

          Vor der Krise haben die Märkte die Regierungen dagegen überhaupt nicht diszipliniert. Sie haben die Regierungen nicht von riskanten Strategien abgehalten und auch nicht die Banken und die Privatleute. Da waren die Märkte eine Quelle der Unvernunft.

          Moment mal! Was haben die Banken und die Privatleute jetzt damit zu tun?

          Da waren es gar nicht die Regierungen, die sich so verschuldet haben. Sie waren noch die Vernünftigsten. In den meisten Ländern außer Griechenland ist die Verschuldung zurückgegangen. Schulden gemacht hat der Privatsektor, haben die Firmen und Privatleute, und als die Finanzkrise kam, mussten die Regierungen die Scherben aufsammeln. Ich sage: Gott sei Dank haben die Staaten die Schulden auf sich genommen!

          Die Griechen sagen ja immer: Nicht wir waren schuld, es waren die Politiker. Die Spanier müssten also sagen: Wir sind selbst schuld?

          Lassen Sie uns nicht die deutschen und französischen Banken vergessen, die die Kredite gegeben haben. Aber Schuldzuweisungen bringen jetzt nichts, man kann jetzt nicht alle bestrafen. Man muss aus diesem Chaos herauskommen.

          Wie wäre es mit sparen?

          Das geht nicht schnell genug. Im Moment haben die Investoren Angst um ihr Geld. Jetzt besteht die Gefahr, dass aus der Angst der Investoren tatsächlich eine Insolvenz wird, obwohl Spanien und Portugal im Prinzip noch Geld haben. Weil eben ihre Zinsen jetzt so hoch gestiegen sind. Die Märkte sind jetzt zu einer Quelle der Disziplin geworden. Aber sie sind zu schnell. So schnell können die Regierungen gar nicht sparen, wie es die Märkte verlangen.

          Lieber morgen sparen als heute - das haben wir schon oft gehört.

          Es geht nicht anders. Europa muss den gefährdeten Staaten helfen. Dem Markt vertraue ich nicht, dass er den Regierungen genug Zeit lässt.

          Vertrauen Sie den Regierungen? Wenn wir Italien helfen, braucht Berlusconi nicht mehr zu sparen?

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