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Im Gespräch: Otmar Wiestler : Krebsforscher fordert Gentests für alle

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„Ich bin überzeugt, dass wir in einigen Jahren die Risiken beim Einzelnen viel besser erfassen können”, sagt Krebsforscher Otmar Wiestler Bild:

Der Chef des Deutschen Krebsforschungszentrums, Otmar Wiestler, wirbt für flächendeckende Gentests zur Prävention von Krebs. In der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ forderte er Testverfahren, die das Erkrankungsrisiko aus Erbgut, Umwelt oder Lebensweise dokumentieren - für alle Gesunden.

          Otmar Wiestler, Chef des Deutschen Krebsforschungszentrums, wirbt für flächendeckende Gentests zur Prävention von Krebserkrankungen. Er fordert Testverfahren, die das Erkrankungsrisiko aus Erbgut, Umwelt oder Lebensweise dokumentieren. Getestet werden sollen alle Gesunden.

          Herr Professor Wiestler, warum können wir Krebs immer noch nicht heilen?

          Immerhin jeder zweite Krebspatient kann heute geheilt werden. Das mag Ihnen wenig erscheinen, ist aber ein erheblicher Fortschritt. In den siebziger Jahren konnten wir nur jeden vierten retten.

          Angesichts der vielen Milliarden Euro für die Krebsforschung finden wir das tatsächlich wenig.

          Krebs ist eine komplizierte Familie von Krankheiten. Es gibt über zweihundert verschiedene Krebsarten beim Menschen, die jedes Organ im Körper befallen können. Wir mussten daher erst einmal besser verstehen, wie aus einer gesunden menschlichen Zelle eine Krebszelle wird und welche Rolle die Gene dabei spielen.

          Das viele Geld hat die Forschung nicht beschleunigt?

          Kein Gebiet liefert so viele innovative Medikamente wie die Krebsforschung. Und um eines klarzustellen: So viel Geld fließt hierzulande gar nicht. Deutschland gibt jährlich 300 Millionen Euro aus. Allein das National Cancer Institute, unsere Partnerorganisation in Amerika, hat 5 Milliarden Dollar jährlich zur Verfügung. Die Entwicklung eines einzigen Medikaments erfordert im Schnitt 800 Millionen Dollar.

          Werden wir irgendwann keine Krebskranken mehr haben?

          Die Zahl der Krebserkrankungen wird altersbedingt sogar weiter ansteigen. Allerdings werden in den nächsten zehn bis zwanzig Jahren viel weniger Menschen an Krebs sterben. Für viele Krebsarten kommen neu gezielt wirksame Medikamente. Wir werden zwar den Krebs bis dahin nicht geheilt haben, aber wir werden ihn in eine langdauernde chronische Krankheit umwandeln, mit der man leben kann.

          Chronisch Kranke brauchen ihr Leben lang teure Medizin.

          Ja, das ist so. Viele können aber mit diesen Medikamenten ein erfülltes Leben haben.

          Gibt es schon Beispiele?

          Bei einer Form der Leukämie können durch das Medikament Glivec die Patienten von ihrer Krankheit befreit werden. Allerdings muss das Medikament tatsächlich lebenslang gegeben werden, weil der Krebs zurückkommt, wenn das Medikament abgesetzt wird. Wissenschaftler aus unserem Hause haben gerade eine Möglichkeit gefunden, wie man diesen Rückfall verhindern kann, so dass man das teure Medikament doch nur für eine bestimmte Zeit nehmen muss.

          Was ist zu tun, um den Krebs endgültig zu besiegen?

          Zunächst müssen wir die möglichen Krebsrisiken schon bei Gesunden erfassen.

          Sie können doch nicht die ganze Welt auf alle denkbaren Krankheitsrisiken scannen?

          Ich bin überzeugt, dass wir so in einigen Jahren Risiken beim Einzelnen viel besser erfassen und den Krebs frühzeitig erkennen können. Damit steigen die Heilungschancen dramatisch.

          Sie glauben an Prävention?

          Aber ja. Wenn die Diagnose Krebs heute gestellt wird, ist die Krankheit in vielen Fällen bereits zu weit fortgeschritten. Wer mit fünfzig Jahren eine Darmspiegelung machen lässt und es wird nichts Gravierendes gefunden, kann davon ausgehen, dass er in den kommenden 15 bis 20 Jahren keinen Darmkrebs bekommen wird. Vorsorge ist immer billiger als die spätere Behandlung.

          Wir hören Horrorgeschichten von Mammografien oder Prostata-Untersuchungen, die zu sinnlosen Operationen führen und nicht wiedergutzumachende Folgen haben.

          Tatsächlich haben wir ein Problem in der Qualität der Vorsorge. Wir müssen die Qualität verbessern, nicht die Vorsorge streichen.

          Aber es gibt doch auch noch das Kostenargument: Darmspiegelung für alle Bundesbürger? Das wird teuer.

          Stimmt. Deshalb brauchen wir Testverfahren für Gesunde, die das Erkrankungsrisiko aus Erbgut, Umwelt oder Lebensweise dokumentieren. Dort, wo das Risiko ist, können wir dann gezielt präventiv tätig werden.

          Ihr Plädoyer heißt also: Gentests für alle?

          Gentests sind ein möglicher Weg. Im Moment ist ein großes internationales Konsortium dabei, das gesamte Erbgut von 25.000 Krebspatienten aus aller Welt zu entschlüsseln, um herauszufinden, welche Erbgutveränderungen mit welchem Krebs zusammenhängen.

          Und Genanalysen sind billig?

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