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Im Gespräch: Kroatiens Notenbankchef Vujcic : „Wir wollen den Euro so schnell wie möglich“

  • Aktualisiert am

Kroatiens Notenbank-Gouverneuer Boris Vujcic will den Euro Bild: dpa/picture-alliance

Kroatiens Notenbankchef Boris Vujcic treibt die Euroeinführung in seinem Land voran. Aber erstmal wolle er sehen, dass die Problemstaaten der Eurozone Reformen umsetzten.

          Herr Vujcic, will Kroatien rasch nach dem EU-Beitritt den Euro einführen?

          Es ist noch zu früh zu sagen, wann das sein wird. Derzeit verfehlen wir einige Beitrittskriterien, Inflation und Haushaltsdefizit sind zu hoch. Wir müssen aber sicher sein, dass wir die Bedingungen erfüllen können, vor allem dass der Schuldenstand stabil unter der erlaubten Höchstgrenze von 60 Prozent des Bruttoinlandsprodukts liegt oder zumindest auf dem Weg dorthin ist. Und dass die Wirtschaft strukturell für die Herausforderungen der Währungsunion gewappnet ist. Aber wir wollen der Eurozone so schnell wie möglich beitreten.

          Warum diese Eile? Kroatien ist mitten in der Rezession und könnte mit einer Währungsabwertung die Exportwirtschaft stärken.

          Eine Abwertung kommt für uns nicht in Frage. Unser Geldsystem basiert schon heute großteils auf dem Euro. Mehr als 70 Prozent der Ersparnisse der Kroaten laufen auf Euro, die meisten langfristigen Kredite werden in Euro ausgegeben oder sind an den Eurokurs gekoppelt. Eine Abwertung würde die Finanzstabilität in Gefahr bringen und die Rezession verstärken, das können wir uns nicht erlauben. Und unsere Geschichte zeigt nicht, dass Abwertungen unseren Exporten nützen.

          Warum halten Kroaten so viele Euro?

          Das ist historisch bedingt. Schon zu Zeiten des kommunistischen Jugoslawiens hielten die Bürger ihr Geld vor allem in D-Mark, die die Touristen ins Land brachten oder die von Gastarbeitern in Deutschland überwiesen wurden. Fremde Währungen zu halten war seit 1965 erlaubt, als Staatschef Tito die Grenzen öffnete. Denn die jugoslawische Wirtschaftspolitik war schlecht, es gab immer wieder Abwertungen der Währung. Sparen in eigener Währung lohnte sich da nicht. Und weil die Menschen in D-Mark sparten, mussten die Banken ihre Kredite auch in D-Mark begeben, um die Risiken zu minimieren. Später wurde aus der D-Mark der Euro, und so ist das Land heute euroisiert.

          Aber Kroatien ist nun schon seit 22 Jahren unabhängig, warum hat sich an diesem Verhalten nichts geändert?

          Wir haben es durch gezielte Maßnahmen geschafft, den Euroanteil an den Ersparnissen auf 65 Prozent zu senken. Das dauerte Jahre, auch weil wir langjährige Gewohnheiten ändern mussten. Mit der globalen Finanzkrise und der dadurch aufgekommenen Unsicherheit schoss der Anteil schnell wieder auf 80 Prozent hoch. Das jetzt noch einmal zu senken, würde zu lange dauern, der Erfolg wäre fraglich. Den Euro frühestmöglich einzuführen, bringt uns deshalb mehr Vorteile.

          Welche?

          Zum einen würde uns der Euro niedrigere Zinsen bescheren. Wegen der stark euroisierten Bankenbilanzen ist jetzt das Kursrisiko hoch, und das reflektiert sich in höheren Zinsen. Zum anderen würde die Euroeinführung mehr Planungssicherheit für die Investoren bedeuten und Auslandsinvestitionen erleichtern, weil keine Gefahr bestehen würde, dass wir doch irgendwann unsere Währung abwerten und damit den Wert der Investition mindern. Und schließlich würden die Kursschwankungen beendet. Unsere Währung Kuna pendelte zum Euro in den vergangenen 20 Jahren innerhalb von 15 Prozent, normalerweise sind es aber nur 3 bis 5 Prozent in einem Jahr.

          Würden Sie überhaupt der Eurozone in ihrem jetzigen Zustand beitreten wollen?

          Da wir eh frühestens in vier bis fünf Jahren beitreten können, stellt sich diese Frage derzeit nicht. Bis dahin müssen die Probleme im Euroraum gelöst sein, sonst bekommen wir große Probleme. Es ist daher fast schon ein Luxus, derzeit draußen zu sein und beobachten zu können.

          Was muss sich bis dahin ändern?

          Die Euroarchitektur ist nicht vollständig. Es fehlt die Bankenunion, und sie verlangt in Teilen auch die Fiskalunion. Ebenso wichtig sind Strukturreformen in Europa, vor allem in den Ländern, die an Konkurrenzfähigkeit verloren haben und die Schulden nicht im Griff haben.

          Ist das kroatische Bankensystem stabil genug für einen Eurobeitritt?

          Ja, wir haben hohe Eigenkapitalanforderungen vor der Finanzkrise eingeführt.

          Sind Sie ein Kämpfer für eine harte Sparpolitik in den Euroländern?

          Austerität ist nötig, sie muss aber im richtigen Tempo vollzogen werden. Wir sehen derzeit keine großen Sparanstrengungen in Westeuropa, sondern nur in den Ländern, die sich unter den Rettungsschirmen befinden. Auch Deutschland spart wenig, hat aber auch vorher die Ausgaben nicht so stark ausgeweitet. Wir können nicht fordern, die Austeritätspolitik zu beenden, wo sie noch in vielen Ländern gar nicht richtig stattgefunden hat.

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