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Im Gespräch: Josef Hecken : „In Deutschland wird unnötig viel operiert“

Josef Hecken Bild: action press

Es gilt als ein Motiv für die Manipulationen im Organspendeskandal, dass Krankenhäuser Chefärzte auch nach der Zahl der operierten Fälle bezahlen. Läuft da etwas grundsätzlich falsch? „Eindeutig ja“, sagt der Vorsitzende des Gemeinsamen Bundesausschusses, Josef Hecken.

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          In Deutschland wird nach Worten des Vorsitzenden der Selbstverwaltung im Gesundheitswesen, Josef Hecken, zu viel und unnötig operiert. „Der Vergleich mit Ländern wie Frankreich und Italien zeigt, dass wir bei diagnostischen Verfahren wie auch einigen Operationen signifikant höhere Zahlen haben“, sagte Hecken der F.A.Z.

          Andreas Mihm

          Wirtschaftskorrespondent in Wien.

          Herr Hecken, der Organspendeskandal deckt Lücken auf. Brauchen wir ein strengeres Überwachungsregime?

          Nach allem, was wir heute wissen, waren das gezielte Manipulationen, kriminelle Machenschaften an einzelnen Universitätskliniken. Solche Missbräuche kann es immer geben, unabhängig davon, wer kontrolliert.

          Dann kann also aus Sicht der Selbstverwaltung im Gesundheitswesen alles bleiben, wie es ist?

          Die Deutsche Stiftung Organspende (DSO), die die Organspende organisiert, leistet gute Arbeit. Dennoch bleibt die Frage, ob eine Stiftung der richtige Rechtsrahmen dafür ist. Hier spielen viele Akteure auf unterschiedlichen Ebenen mit. Aus meiner Sicht ist es notwendig, dass die Verfahren von einer staatlichen Stelle gesteuert und überwacht werden, die auch über ein Sanktionsinstrumentarium verfügt und hoheitliche Kontrollrechte hat.

          Als ein Motiv für die Manipulationen wird genannt, dass Krankenhäuser Chefärzte auch nach der Zahl der operierten Fälle bezahlen. Läuft da etwas grundsätzlich falsch im System?

          Ich beantworte die Frage eindeutig mit Ja. Wir haben, und das ist klar belegbar, angebotsinduzierte Nachfrageausweitungen in mehreren Bereichen.

          Es werden Menschen operiert, obwohl das gar nicht notwendig wäre?

          Es sieht danach aus. Der Vergleich mit Ländern wie Frankreich und Italien zeigt, dass wir bei diagnostischen Verfahren wie auch einigen Operationen signifikant höhere Zahlen haben. Das wäre vertretbar, wenn sich Gesundheitszustand oder Lebenserwartung in den Ländern entsprechend unterschieden, die Deutschen also, vereinfacht gesprochen, länger leben würden. Das tun sie aber trotz mehr OPs und insgesamt teurerer Behandlung nicht.

          Welche Behandlungen meinen Sie?

          Es werden in Deutschland sehr viele Herzkatheter gelegt, sehr oft Knie und Hüfte operiert. Der Computertomograph wird flächendeckend eingesetzt, wir haben da exponentiell höhere Fallzahlen als unsere Nachbarländer. Das kann doch nicht allein daran liegen, dass die Deutschen so krank sind.

          Was schlagen Sie vor?

          Wir müssen die Ergebnisqualität stärker beachten. Das heißt: Therapiestandards festlegen und Krankenhäusern komplexe und gefahrgeneigte Operationen nur bezahlen, wenn sie bestimmte Mindestmengen machen. Ich bin der Überzeugung, dass mit Mindestmengen Qualität verbessert werden kann. Ich bin ein großer Anhänger des Instruments.

          Wenn der GBA Mindestmengen festlegt, wie 50 Knieoperationen im Jahr oder die Behandlung von mindestens 30 sehr früh geborenen Babys, dann klagen die Krankenhäuser dagegen.

          Im September verhandelt das Bundessozialgericht über die Mindestfallzahlen bei Knieoperationen. Ich werde selbst dorthin fahren und für die Mindestmengen werben. Immer wieder gibt es Hinweise, dass zu viele Knie ohne zwingende Indikation operiert werden, um das wirtschaftliche Ergebnis zu verbessern. Dann ist der Patient schlechter dran, als hätte er sich nicht operieren lassen.

          Fehlanreize gibt es auch in der Bedarfsplanung für niedergelassene Ärzte. Auf dem Land gibt es zu wenige, in den Städten zu viele. Der GBA soll das bis Jahresende ändern. Wie weit sind Sie?

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