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Im Gespräch: Josef Hecken : „In Deutschland wird unnötig viel operiert“

Ich bin sehr zuversichtlich, dass wir das hinbekommen. Kassen und Ärzte haben sich in ihren Positionen schon sehr angenähert. Wir beraten über die Verkleinerung der Planungsbezirke, dadurch würde eine genauere Zuweisung der Arztsitze möglich. Entweder ein Arzt geht dorthin, oder er bekommt keine Zulassung. Entscheidet er sich für die bisher unterversorgte Region, bekommt er ein Paket finanzieller Anreize, von höherer Vergütung bis zu Ausnahmen beim Arzneimittelregress. Im Gegenzug wollen wir in den kommenden Jahren dafür sorgen, dass an anderer Stelle Arztsitze abgebaut werden. Da sind wir nah beieinander.

Die Kassenärzte hatten ausgerechnet, dass die neue Planung bis zu 20000 neue Arztstellen ergeben könnte. Jetzt bleibt es bei 150000 niedergelassenen Ärzten und Psychotherapeuten?

Es wird sicher einen Zuwachs in der hausärztlichen Versorgung geben, bei Haus- und Kinderärzten, bei Internisten. Geringe Zuwächse könnte es auch bei den spezialisierten Fachärzten geben.

Sie reden von Hunderten, aber nicht von Tausenden neuer Arztstellen?

Ich denke, mit der Umschreibung Hunderte kommen wir der Realität und dem Diskussionsprozess sehr nahe. Allerdings sind da die Psychotherapeuten nicht enthalten. Möglicherweise werden wir hier erst 2013 zu einer Klärung kommen. Das bedarf noch einer gründlichen Analyse der Versorgungsstatistik.

Die Länder sollen von den Vorgaben abweichen dürfen, um auf Probleme vor Ort besser reagieren zu können. Nach welchen Kriterien?

Ich will die Bedarfszahlen der Länder an der Morbidität ...

... also am Krankenstand der Bevölkerung ...

... festmachen. Daran arbeiten wir derzeit. Das Bundesversicherungsamt hat die Daten aus dem morbiditätsorientierten Risikostrukturausgleich. Das sind die offiziellen Daten über die Finanzzuweisungen an die Kassen. Damit kann man genau feststellen, wo die kranken Leute wohnen und wo deshalb mehr Ärzte benötigt werden. Darauf basierende Abweichungen der Länder sollten in die Bedarfsplanung aufgenommen werden.

Wichtig ist jetzt auch die Umsetzung des Arzneimittelrechts mit neuartigen Preisverhandlungen. Es gab Ärger mit der Pharmaindustrie.

Alle Beteiligten mussten sich auf ein komplett neues System einstellen. Am wenigsten übrigens die Pharmaindustrie, denn die kennt so was aus fast allen übrigen Ländern. Der GBA hat bewiesen, wie verantwortungsvoll er mit dem Thema umgeht. In der Hälfte der Fälle haben wir einen Zusatznutzen beschieden, in knapp 20 Prozent sogar einen beträchtlichen Zusatznutzen attestiert. Das ist im internationalen Vergleich ein sehr hoher Wert. Als weiteren Schritt zur Vertrauensbildung habe ich der Pharmaindustrie auch vorgeschlagen, dass wir künftig regelmäßig auftretende Probleme diskutieren und klären wollen. Klar ist auch, dass wir unterschiedliche Positionen vertreten. Die Auseinandersetzungen werden sicher noch schärfer, wenn wir nicht nur den Nutzen neuer, sondern auch eingeführter Arzneien überprüfen und auf der Basis für Preisverhandlungen mit dem Spitzenverband der Kassen sorgen werden.

Denn bei den Blockbustern mit Milliardenumsatz ist Geld für die Kassen zu holen. Wann rufen Sie die eingeführten Medikamente auf?

Der Bestandsmarkt hat tatsächlich eine zentrale Bedeutung. Deshalb werden wir das mit Ruhe und Verstand angehen. Wir benötigen belastbare, verlässliche, tragfähige Kriterien. Einfach die lukrativsten Blockbuster herauszufischen würde vermutlich vor Gericht keinen Bestand haben.

Das bedeutet?

Ich kann mir ein Modell vorstellen, das die restliche Patentlaufzeit und den erwarteten Umsatz miteinander kombiniert. Das kann dazu führen, dass neue Patente relativ vorne auf unserer Liste stehen, während ältere Mittel rausfallen. Dann würden alle gleichermaßen getroffen, das wäre gerecht. Aber das ist eine rechtlich sehr schwierige Angelegenheit. Wir reden über Hunderte von Millionen oder Milliarden Euro, da müssen die Kriterien absolut rechtssicher sein.

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