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Im Gespräch: Frank Mattern : „Wir verdanken dem Euro ein Drittel des Wachstums“

  • Aktualisiert am

Frank Mattern, Deutschlandchef der Unternehmensberatung McKinsey Bild: Marcus Kaufhold

Die Währungsunion hat die deutsche Wirtschaft beflügelt, meint der Deutschlandchef der Unternehmensberatung McKinsey. Die Peripherieländer brauchten aber jetzt so etwas wie einen Marshallplan.

          3 Min.

          Herr Mattern, wie sehen Sie die aktuelle Debatte über die Eurokrise?

          Wir reden im Moment nur über die Rekapitalisierung von Banken und über Rettungspakete. Die Themen sind kurzfristig richtig zum Feuerlöschen, lösen aber nicht das grundlegende Problem: die geringere Wettbewerbsfähigkeit in der europäischen Peripherie und die daraus folgenden Leistungsbilanzsalden. Die Staatsschulden sind zu hoch, und es besteht ein Bedarf an Strukturreformen. Und wir haben zwar einen einheitlichen Währungsraum, aber immer noch eine jeweils nationale Regulierung.

          Die Wettbewerbsfähigkeit eines Landes kann man nicht innerhalb kurzer Zeit verändern.

          Das stimmt. Wir haben in Deutschland nach der Agenda 2010 mehrere Jahre gebraucht, bis die positiven Wachstumseffekte sichtbar wurden. Man darf nicht den Eindruck erwecken, es lasse sich jetzt eine kurzfristige Lösung für die Probleme der Peripheriestaaten finden.

          Haben die betroffenen Länder das verstanden?

          Ja, das haben sie. Jetzt kommt es darauf an, die Probleme auch zu lösen. In Ländern wie Irland und Spanien, auch Portugal, sind Verbesserungen angestoßen. In Griechenland ist die Lage sehr viel problematischer. Die Schlüsselfrage für die Eurozone lautet allerdings in Anbetracht der Größe des Landes: Was geschieht in Italien? Die wirtschaftliche Ausgangssituation des Landes ist gut, nun ist die italienische Regierung gefordert.

          Sie haben eine Untersuchung über die Eurozone erstellt und mit externen Experten besprochen. Sie gelangen darin zu einem sehr positiven Effekt des Euro für Deutschland.

          Wir kommen zu dem Ergebnis, dass die Währungsunion allein im vergangenen Jahr das deutsche Bruttoinlandsprodukt um 165 Milliarden Euro gestärkt hat. Das sind rund 6,6 Prozent des BIP. Über die vergangenen zehn Jahre verdankten wir rund ein Drittel des deutschen Wirtschaftswachstums dem Euro. Deutschland hat erheblich vom Euro profitiert.

          Das sind hohe Zahlen im Vergleich zu anderen Untersuchungen. Woher stammen diese Gewinne aus der Währungsunion?

          Sie stammen zu einem kleineren Teil daraus, dass Transaktionskosten und Kosten für die Währungsabsicherung innerhalb Europas weggefallen sind. Zudem hat der Handel in der Währungsunion nach Einführung des Euro deutlich zugenommen. Diese Effekte sind nachhaltig, andere sind es voraussichtlich nicht.

          Worauf zielen Sie ab?

          Der größte Teil des Gewinns von 113 Milliarden Euro stammt aus der Tatsache, dass die D-Mark an den Devisenmärkten stärker gewesen wäre, als es der Euro gewesen ist. Dadurch sind Wettbewerbsvorteile entstanden. Hinzu kommt ein Zuwachs an der deutschen Wettbewerbsfähigkeit durch Reformen im vergangenen Jahrzehnt. Diese Effekte lassen sich nicht einfach fortschreiben. Ein weiterer Punkt: Die historisch einmalig niedrigen Zinsen in den Peripherieländern Europas haben dort den Konsum und die Investitionen auf Pump gesteigert, wovon auch die Exportnation Deutschland profitiert hat. Jetzt sitzen die Staaten auf den Schulden, und die Zinsen steigen wieder. Man könnte von einer Art Geldillusion sprechen.

          Die Renditen für die Anleihen aus der Peripherie waren viele Jahre sehr niedrig, obgleich schon damals die hohen Staatsschulden und die niedrige Wettbewerbsfähigkeit bekannt waren. Wie erklären Sie das?

          Man hat wohl nie an die „No-bail-out-Klausel“ geglaubt - die Märkte gingen davon aus, dass die Währungsunion keinen Mitgliedsstaat pleite gehen lassen würde. Letztlich haben die Investoren viele Jahre nicht richtig auf die Risiken geschaut.

          Die Einschätzung des Euro geht in der deutschen Wirtschaft auseinander. Die Großunternehmen sehen ihn eher positiv, aber die Familienunternehmen äußern sich zurückhaltender.

          Wir haben hierzu noch keine endgültigen Zahlen. Aber mir scheint, dass die deutsche Exportindustrie in ihrer Breite vom Euro profitiert hat.

          Bild: F.A.Z.

          Nun gibt es das Argument, dass eine stärkere Währung vielleicht die Exporte beeinträchtigt, aber über niedrigere Importpreise Vorteile gebracht hätte.

          Das finde ich nicht überzeugend. Wir haben in Deutschland Veredelungsindustrien. Wir importieren Eisenerz und bauen daraus hochwertige Autos, die wir exportieren. Man sollte die Bedeutung der Importpreise nicht überschätzen.

          Was halten Sie von einer Rekapitalisierung der Banken in Europa?

          Es gibt sicherlich Banken, die zusätzliches Eigenkapital brauchen. Aber von einer flächendeckenden Rekapitalisierung nach Einheitskriterien halte ich nichts. Andere Banken sind ausreichend kapitalisiert. Man würde totes Kapital in Banken einschießen, die keines benötigen, weil keine zusätzliche Kreditnachfrage existiert. Dieses Kapital ließe sich gesamtwirtschaftlich sinnvoller verwenden. Es gibt auch keine Gefahr einer generellen Kreditklemme in Europa.

          Wie sehen Sie die Perspektiven der Eurozone?

          Wir sehen drei Szenarien. Das erste: Wir wursteln uns weiter durch, indem wir uns auf monetäre Feuerwehreinsätze konzentrieren. Das kann noch eine Zeitlang gutgehen, aber nicht auf Dauer. Das zweite Szenario sieht vor, dass die Peripherieländer ihre fundamentalen Probleme anpacken. Zur Unterstützung können wir uns einen Europäischen Währungsfonds oder eine Art Marshallplan für die Peripherieländer vorstellen. Das wäre gut investiertes Geld, dann hat die Eurozone eine solide Zukunft. Im dritten Szenario werden die fundamentalen Probleme nicht angepackt. Das führt irgendwann zum Auseinanderbrechen der Eurozone. Die damit verbundenen erheblichen wirtschaftlichen Kosten würden auch Deutschland schwer treffen. Daran können wir kein Interesse haben.

          Wie lautet Ihrer Prognose?

          Das sind keine ökonomischen Wahrscheinlichkeiten, sondern politische. Das können wir nicht berechnen. Es kommt jetzt darauf an, in den Ländern das Richtige zu tun.

          Das Gespräch führte Gerald Braunberger.

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