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Im Gespräch: Daimler-Chef Dieter Zetsche : „Mercedes bläst jetzt zum Angriff in der Oberklasse“

  • Aktualisiert am

Auf dem Weg zu den Luxusautos: Daimler Vorstandschef Dieter Zetsche auf der IAA in Frankfurt Bild: Helmut Fricke

Der Autohersteller bringt sechs neue S-Klasse-Modelle auf den Markt. Für das Spitzenmodell der Luxusklasse wird der Maybach geopfert, wie Daimler-Vorstandschef Dieter Zetsche der F.A.Z. verraten hat.

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          Herr Zetsche, am Samstag war Premierentag für die neue B-Klasse und damit der Start für Ihre Modelloffensive für Mercedes. Haben Sie sich zur Feier des Tages ins Getümmel gestürzt?

          Ja. Die Reaktionen waren nahezu euphorisch. Der Auftakt für unsere Modelloffensive hätte nicht besser sein können. Wir konnten neben zahlreichen Kaufabschlüssen auch sehr viele weitere Termine für Probefahrten vereinbaren. Zudem hatten wir schon vor diesem Wochenende 27.000 feste Bestellungen.

          In ersten Tests schneidet die B-Klasse schlechter ab als der VW-Golf. Das ist nicht gerade ein Kompliment.

          In dem eher fragwürdigen Test, auf den Sie anspielen, werden Äpfel mit Birnen verglichen. Wir haben aber in vielen internationalen Tests gewonnen. Jetzt haben wir einen Produktzyklus von sieben Jahren vor uns, in denen wir beweisen werden, dass wir mit der B-Klasse richtig liegen und mit den anderen Modellen in der Kompaktklasse auch.

          Sie haben auch neue Modelle im Luxussegment in Aussicht gestellt. Was erwartet uns da?

          Bis zum Jahr 2020 wollen wir der absatzstärkste Hersteller von Premiumfahrzeugen sein, das haben wir im September angekündigt. Die Kompaktklasse mit ihren fünf neuen Modellen wird einen signifikanten Beitrag dazu leisten. Damit ist es aber nicht getan: Mercedes bläst jetzt auch zum Angriff in der Oberklasse. Für das Renommee und den Charakter der Marke sind die luxuriösen Modelle besonders wichtig.

          Eine interessante Erkenntnis. Bisher heißt das teuerste Auto aus Ihrem Konzern ja gar nicht Mercedes, sondern Maybach.

          Ja. Wir haben intern ausgiebig diskutiert, welcher Weg im Luxussegment den größten Erfolg verspricht. Und wir sind zur klaren Überzeugung gelangt, dass die Absatzchancen für die Marke Mercedes besser sind als die von Maybach.

          Sie läuten also das Totenglöcklein für Maybach?

          Es wäre nicht sinnvoll, ein Nachfolgemodell für den jetzigen Maybach zu entwickeln. Er wird aber weiterverkauft bis die neue Generation der S-Klasse im Jahr 2013 anläuft. Die kommende S-Klasse ist ein in jeder Hinsicht so überlegenes Fahrzeug, dass sie die Maybach-Modelle ersetzen kann.

          „Wir sind eine Wachstumsbranche“: Dieter Zetsche bei der Verleihung des Goldenen Lenkrads
          „Wir sind eine Wachstumsbranche“: Dieter Zetsche bei der Verleihung des Goldenen Lenkrads : Bild: dapd

          Werden sich da überhaupt noch Käufer für den Maybach finden?

          Ja sicher. In anderen Fällen hat man sogar beobachtet, dass Spekulationen über das Ende einer Marke deren Begehrlichkeit gesteigert haben. Der Absatz ist in diesem Jahr im übrigen schon um 20 Prozent gestiegen, nachdem die Verkäufe in den zurückliegenden Jahren konstant in der Größenordnung von rund 200 Stück lagen.

          Bei solchen Stückzahlen kann der Maybach doch nur ein Verlustgeschäft gewesen sein.

          Vor der Markteinführung im Jahr 2002 wurde eine erkleckliche Summe investiert. Heute verdienen wir mit jedem verkauften Maybach gutes Geld. Trotzdem reichen selbst gute Verkaufszahlen in den nächsten zwei Jahren wahrscheinlich nicht aus, um das Gesamtinvestment auszugleichen.

          Gibt es denn für die Last-Minute-Käufer irgendein Schmankerl?

          Sie meinen eine Special Edition? Nein, das ist nicht sinnvoll bei einem Auto mit einer derartigen Individualisierung. Kein Maybach ist dem anderen gleich.

          Wie viele Mitarbeiter haben Sie denn in der Maybach-Manufaktur?

          Das sind etwa 150 bestens qualifizierte Mitarbeiter, die wir für unser Wachstumsprogramm im Luxussegment brauchen werden. Sie müssen sich keine Zukunftssorgen machen.

          Wie soll die neue Super-S-Klasse heißen, die den Maybach ersetzt?

          Das ist noch nicht sicher. Früher war ja zum Beispiel der 600 Pullman eine absolute Ikone. So etwas wäre eine Option.

          Ein neuer Mercedes für Superreiche macht aber noch keine Offensive.

          Richtig. Wenn ich von offensiver Volumenstrategie spreche, dann reden wir nicht über die absolute Spitze. Wir haben zwar im Preissegment über 300.000 Euro aktuell einen Marktanteil von rund 20 Prozent, hier reden wir aber über ein paar hundert Fahrzeuge. Wirklich nennenswertes Wachstum sehen wir in der Bandbreite zwischen 100.000 und 300.000 Euro. Für die neue S-Klasse-Generation ab 2013 entwickeln wir daher sechs Modelle statt wie bisher drei.

          Bisher haben Sie die normale S-Klasse, eine Langversion und ein Coupé. Ich schätze mal,  da muss auf jeden Fall ein Cabrio dazukommen.

          Darüber können Sie gern spekulieren. Wir sind jedenfalls zuversichtlich, durch die Aufspreizung den Absatz signifikant zu erhöhen. Bisher hat die S-Klasse einen Jahresabsatz in der Größenordnung von bis zu 80.000 Stück, und der Zuwachs wird im fünfstelligen Bereich liegen.

          Doppelt so viele Modelle heißt dann auch doppelt so viel Absatz?

          Das wäre extrem ehrgeizig, aber langfristig nicht abwegig. Wir sind seit eh und je führend in diesem Segment. Das soll auch so bleiben. Wir wollen nicht warten, bis uns die anderen den Schneid abkaufen.

          Braucht Mercedes neue Werke und mehr Mitarbeiter für die zusätzlichen Stückzahlen in der Oberklasse?

          Natürlich sorgt unsere Wachstumsstrategie trotz weiterer Effizienz-Fortschritte für zusätzliche Beschäftigung. Zusätzliche Kapazitäten werden zwar überwiegend außerhalb Europas entstehen, aber auch deutsche Standorte profitieren davon. Klar ist: Die S-Klasse wird weiterhin nur in Deutschland gebaut, in unserem Werk in Sindelfingen. Es wird eher bei anderen Baureihen Kapazitätsverschiebungen geben.

          Ist das eine Frage der Qualität? Ich dachte, da gebe es keine Unterschiede mehr.

          Die gibt es auch nicht mehr. Aber das eine sind die Fakten, das andere ist die Wahrnehmung.

          „Ideen-Generator für die S-Klasse“: Dieter Zetsche neben dem Daimler-Konzeptauto F 125 auf der IAA in Frankfurt
          „Ideen-Generator für die S-Klasse“: Dieter Zetsche neben dem Daimler-Konzeptauto F 125 auf der IAA in Frankfurt : Bild: dpa

          In der Krise 2009 wurde an manchen Tagen keine einzige S-Klasse produziert, und man dachte schon, die Zeit der großen, teuren Autos sei endgültig vorbei. Das sehen Sie offenbar nicht so.

          Nein, wir sind eine Wachstumsbranche. Aber man muss heute Autos anbieten, die mit Blick auf Emissionen oder Unfallschutz technologisch führend sind. Nur so kann man sich von der Konkurrenz absetzen. Für die künftige S-Klasse wird es einen Plug-in-Hybriden geben, mit einem Verbrauch von etwas über 3 Litern. Und in der Brennstoffzellen-Technologie sind wir so weit, dass die Brennstoffzelle schon in den Motorraum einer Reiselimousine passt. Man hat das auf der IAA in Frankfurt sehen können in unserem Forschungsfahrzeug F 125, das ja ein Ideen-Generator für die S-Klasse ist. Daraus können Sie ihre Schlüsse ziehen...

          Apropos Krise: Wird es eine neue Rezession geben oder nicht? Was ist Ihre Prognose?

          Unsere Auftragseingänge und Absatzzahlen sind auf einem sehr positiven Niveau. Ich mache nicht in Zweckoptimismus, aber alles, was wir derzeit sehen, gibt keinen Anlass, von einem Krisenszenario auszugehen. Damit das so bleibt, müssen Politik und Finanzbranche verloren gegangenes Vertrauen aufbauen und zügig Lösungen für die Schuldenkrise erarbeiten.

          Absatzzahlen auf positivem Niveau? Für Deutschland und Westeuropa haben Sie im Oktober aber ein Minus ausgewiesen.

          Das sind Sondereffekte, die mit einer Neuausrichtung unseres Vertriebs in Deutschland zusammenhängen. Ziel ist, relativ gesehen weniger Fahrzeuge an Autovermieter und Mitarbeiter zu verkaufen und dafür mehr an Endkunden. Das heißt, die Zahlen sind nicht vergleichbar. Im übrigen spüren wir in Südeuropa vor allem den Generationswechsel in der Kompaktklasse, das heißt die Kunden warten schon auf die neuen Fahrzeuge der A- und B-Klasse.

          Während Sie vor Zuversicht strotzen, verliert die Aktie. Am Mittwoch sackte sie unter 30 Euro. Solche Kurse haben wir zuletzt 2009 gesehen, mitten in der tiefsten Krise.

          Die Aktienmärkte reflektieren nicht immer das mittel- und langfristige Potential, sondern sind kurzfristig orientiert. Wir dagegen sind mit einer langfristigen Perspektive unterwegs und verjüngen gerade unsere gesamte Modellpalette. Deshalb haben wir gegenüber Investoren frühzeitig und offen kommuniziert, dass unsere Produktpalette in den Jahren 2011 und 2012 komplett erneuert wird, während unser Wettbewerb gerade die jüngste hat. Letztlich stellt sich nur die Frage, wann die Anleger auf unseren Zug aufspringen.

          Eine letzte Frage noch: Gehen Sie am Sonntag zur Volksabstimmung über Stuttgart 21? Und was wünschen Sie sich für die Zeit danach?

          Ich habe die Briefwahl hinter mir und muss sagen: Ich war fassungslos bei der Lektüre des Wahlzettels. Man muss schon vorher sehr genau wissen, was man ankreuzen will, denn was da zu lesen ist, das versteht man nicht. Ich hoffe, dass nach der Abstimmung Stuttgart 21 gebaut wird und das Thema an Stellenwert verliert. Am Ende wird die Mehrheit der Baden-Württemberger stolz sein auf ihren zukunftsorientierten Stuttgarter Bahnhof.

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