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Im Gespräch: Daimler-Chef Dieter Zetsche : „Mercedes bläst jetzt zum Angriff in der Oberklasse“

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Darüber können Sie gern spekulieren. Wir sind jedenfalls zuversichtlich, durch die Aufspreizung den Absatz signifikant zu erhöhen. Bisher hat die S-Klasse einen Jahresabsatz in der Größenordnung von bis zu 80.000 Stück, und der Zuwachs wird im fünfstelligen Bereich liegen.

Doppelt so viele Modelle heißt dann auch doppelt so viel Absatz?

Das wäre extrem ehrgeizig, aber langfristig nicht abwegig. Wir sind seit eh und je führend in diesem Segment. Das soll auch so bleiben. Wir wollen nicht warten, bis uns die anderen den Schneid abkaufen.

Braucht Mercedes neue Werke und mehr Mitarbeiter für die zusätzlichen Stückzahlen in der Oberklasse?

Natürlich sorgt unsere Wachstumsstrategie trotz weiterer Effizienz-Fortschritte für zusätzliche Beschäftigung. Zusätzliche Kapazitäten werden zwar überwiegend außerhalb Europas entstehen, aber auch deutsche Standorte profitieren davon. Klar ist: Die S-Klasse wird weiterhin nur in Deutschland gebaut, in unserem Werk in Sindelfingen. Es wird eher bei anderen Baureihen Kapazitätsverschiebungen geben.

Ist das eine Frage der Qualität? Ich dachte, da gebe es keine Unterschiede mehr.

Die gibt es auch nicht mehr. Aber das eine sind die Fakten, das andere ist die Wahrnehmung.

„Ideen-Generator für die S-Klasse“: Dieter Zetsche neben dem Daimler-Konzeptauto F 125 auf der IAA in Frankfurt
„Ideen-Generator für die S-Klasse“: Dieter Zetsche neben dem Daimler-Konzeptauto F 125 auf der IAA in Frankfurt : Bild: dpa

In der Krise 2009 wurde an manchen Tagen keine einzige S-Klasse produziert, und man dachte schon, die Zeit der großen, teuren Autos sei endgültig vorbei. Das sehen Sie offenbar nicht so.

Nein, wir sind eine Wachstumsbranche. Aber man muss heute Autos anbieten, die mit Blick auf Emissionen oder Unfallschutz technologisch führend sind. Nur so kann man sich von der Konkurrenz absetzen. Für die künftige S-Klasse wird es einen Plug-in-Hybriden geben, mit einem Verbrauch von etwas über 3 Litern. Und in der Brennstoffzellen-Technologie sind wir so weit, dass die Brennstoffzelle schon in den Motorraum einer Reiselimousine passt. Man hat das auf der IAA in Frankfurt sehen können in unserem Forschungsfahrzeug F 125, das ja ein Ideen-Generator für die S-Klasse ist. Daraus können Sie ihre Schlüsse ziehen...

Apropos Krise: Wird es eine neue Rezession geben oder nicht? Was ist Ihre Prognose?

Unsere Auftragseingänge und Absatzzahlen sind auf einem sehr positiven Niveau. Ich mache nicht in Zweckoptimismus, aber alles, was wir derzeit sehen, gibt keinen Anlass, von einem Krisenszenario auszugehen. Damit das so bleibt, müssen Politik und Finanzbranche verloren gegangenes Vertrauen aufbauen und zügig Lösungen für die Schuldenkrise erarbeiten.

Absatzzahlen auf positivem Niveau? Für Deutschland und Westeuropa haben Sie im Oktober aber ein Minus ausgewiesen.

Das sind Sondereffekte, die mit einer Neuausrichtung unseres Vertriebs in Deutschland zusammenhängen. Ziel ist, relativ gesehen weniger Fahrzeuge an Autovermieter und Mitarbeiter zu verkaufen und dafür mehr an Endkunden. Das heißt, die Zahlen sind nicht vergleichbar. Im übrigen spüren wir in Südeuropa vor allem den Generationswechsel in der Kompaktklasse, das heißt die Kunden warten schon auf die neuen Fahrzeuge der A- und B-Klasse.

Während Sie vor Zuversicht strotzen, verliert die Aktie. Am Mittwoch sackte sie unter 30 Euro. Solche Kurse haben wir zuletzt 2009 gesehen, mitten in der tiefsten Krise.

Die Aktienmärkte reflektieren nicht immer das mittel- und langfristige Potential, sondern sind kurzfristig orientiert. Wir dagegen sind mit einer langfristigen Perspektive unterwegs und verjüngen gerade unsere gesamte Modellpalette. Deshalb haben wir gegenüber Investoren frühzeitig und offen kommuniziert, dass unsere Produktpalette in den Jahren 2011 und 2012 komplett erneuert wird, während unser Wettbewerb gerade die jüngste hat. Letztlich stellt sich nur die Frage, wann die Anleger auf unseren Zug aufspringen.

Eine letzte Frage noch: Gehen Sie am Sonntag zur Volksabstimmung über Stuttgart 21? Und was wünschen Sie sich für die Zeit danach?

Ich habe die Briefwahl hinter mir und muss sagen: Ich war fassungslos bei der Lektüre des Wahlzettels. Man muss schon vorher sehr genau wissen, was man ankreuzen will, denn was da zu lesen ist, das versteht man nicht. Ich hoffe, dass nach der Abstimmung Stuttgart 21 gebaut wird und das Thema an Stellenwert verliert. Am Ende wird die Mehrheit der Baden-Württemberger stolz sein auf ihren zukunftsorientierten Stuttgarter Bahnhof.

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