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Spahns neue Testoffensive : „In Fernost haben wir riesige Kapazitäten für Schnelltests“

Mitarbeiter in einer Corona-Schnellteststation in Baden-Württemberg. Im Landkreis Böblingen können sich die Menschen zwei Mal die Woche kostenlos testen lassen. Bild: dpa

Der Chef des Diagnostika-Verbands VDGH, Martin Walger, über die Engpässe in Pflegeheimen und die langsame Zulassung durch das Bundesinstitut Bfarm.

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          Schnelltest sind in aller Munde, demnächst soll das wortwörtlich gelten: Für März hat Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) unentgeltliche Testungen an jedermann angekündigt und Selbsttest für einen Euro. Sind die Hersteller auf diesen Nachfrageboom eigentlich vorbereitet?

          Christian Geinitz

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin

          Ja, wir sind darauf eingestellt und ganz entspannt, dass die Branche das gut stemmen kann. Die Schnelltests sind ja schon seit längerem im Einsatz, denken Sie an die Pflegeheime und Krankenhäuser. Das Hochfahren der Produktion hat gut funktioniert, und wir haben viel gelernt.

          Aber gerade die Heime haben doch geklagt, dass keine Tests auf dem Markt waren?

          Richtig, das war am Anfang so. Das lag aber nicht an der  Produktion, sondern an den Engpässen in der Distribution. Normalerweise sind wir im B2B-Geschäft tätig, unsere Kunden sind Labore, die in Riesenmengen einkaufen. Jetzt sollte die Branche plötzlich an Hunderttausende Heime und ambulante Pflegedienste liefern, da hat es vorübergehend geknirscht.

          Was macht sie zuversichtlich, dass das nicht wieder passiert?

          Inzwischen hat sich das eingespielt, auch weil es Großabnehmer gibt, die das weiterleiten, etwa die Caritas, die Diakonie, in Berlin der Senat. Das kann man sich künftig auch für Schulen und Kindergärten vorstellen. Die Lieferung an Testzentren, Labore, Apotheken oder Ärzte läuft ebenfalls reibungslos und lässt sich weiter hochskalieren, wenn der Andrang zunimmt.

          Aber wenn im März auch noch die unentgeltlichen Laien-Selbsttests kommen?

          Bisher liefern wir so 30 bis 50 Millionen Schnelltests im Monat aus. Da kommen dann noch ein paar Millionen dazu, aber die Zahl wird sich nicht verdoppeln, das schaffen wir. Allerdings haben wir nicht in der Hand, wie viele Selbstanwender-Tests wann auf den Markt kommen.

          Henning Schacht (VDGH)
          Henning Schacht (VDGH) : Bild: VDGH

          Beim zuständigen Bundesinstitut BFarm warten derzeit 30 Hersteller auf eine Sonderzulassung von Laien-Schnelltests. Die ersten sollen im März erteilt werden…

          Schon, aber die Anforderungen sind enorm hoch. Die Anbieter suchen beim  BFarm ja die Sonderzulassung für Deutschland in der Pandemiezeit, weil die reguläre CE-Kennung für ganz Europa über den Tüv und über andere benannte Stellen kompliziert ist und lange dauert. Es macht ja keinen Sinn, wenn das BFarm dieselben Anforderungen stellt und genauso lange braucht. Das Institut muss jetzt dringend den Turbo einschalten, damit die Selbsttests möglichst schnell kommen.

          Wer stellt die Schnelltests her?

          Es gibt sehr viele Anbieter, auch das spricht dafür, dass die Nachfrage gedeckt werden kann. Bei uns im Verband sind 20 Hersteller vertreten. Antigen-Schnelltests sind nicht so komplex in der Herstellung wie Labor-Tests. Wenn bei PCR-Tests die Pipettenspitzen aus Malaysia fehlen, hat man gleich eine Knappheit.

          Wo werden Schnelltests produziert?

          Vor allem in Fernost, da stehen riesige Kapazitäten. Aber es gibt auch Unternehmen, die in Deutschland fertigen. Dafür gibt es neuerdings ein eigenes Förderprogramm des Wirtschafts- und des Gesundheitsministeriums. Die Antragsfrist läuft noch, bisher hat sich eine Handvoll Unternehmen beworben.

          Für die Schnelltests will Minister Spahn 9 Euro vergüten. Ist das ein fairer Preis?

          Das ist derselbe Preis, der bisher schon in der Testverordnung steht, etwa für die Pflegeheime. Damit können wir leben. Wichtig ist, dass die „Schnelltests für alle“ und die Laien-Selbsttests jetzt möglich schnell in die Testverordnung aufgenommen werden, damit es Verlässlichkeit in der Vergütung gibt. Und wichtig ist für uns natürlich auch, dass der Preis dann nicht plötzlich nach unten geschraubt wird.

          Das Ministerium arbeitet mit Herstellern an Rahmenverträgen, um ausreichend Test für Deutschland zu sichern. Ist das nötig?

          Aus unserer Sicht nicht zwingend, weil es ein ausreichendes Angebot an Schnelltests auf dem Markt gibt. Aber ich kann verstehen, dass die Politik sich hier absichern will – und idealerweise die Distribution unterstützt.

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