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Im Gespräch: Bildungsforscher Hurrelmann : Unternehmerisches Denken in der Bildung gefragt

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Hurrelmann: Durch Umbuchungen in den Haushalten Bildungsausgaben steigern? Gruselig. Bild: Archiv

10 Prozent des Bruttoinlandsprodukts in Bildung und Forschung investieren? Diese Vorgabe sei nur Symbolpolitik, kritisiert Klaus Hurrelmann von der Hertie School of Governance. Ein Jahr nach dem „Bildungsgipfel“ debattieren an diesem Freitag die Ministerpräsidenten darüber - Interview.

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          10 Prozent des Bruttoinlandsprodukts in Bildung und Forschung investieren? Diese Vorgabe sei nur Symbolpolitik, kritisiert Klaus Hurrelmann von der Hertie School of Governance. Ein Jahr nach dem „Bildungsgipfel“ debattieren an diesem Freitag die Ministerpräsidenten darüber.

          „Bildungsrepublik Deutschland“, so heißt das zweite Kapitel des Koalitionsvertrages. Gefällt Ihnen das?

          Klingt sehr schön. Aber der Begriff hat einen starken Marketing-Charakter. Leider liegen wir im internationalen Vergleich nur im Mittelfeld. Den Namen müssen wir uns erst noch erarbeiten.

          Wie sehr bestimmt die Haushaltslage die deutsche Bildungspolitik?

          Sie bestimmt den Rahmen. Wir haben die Maßstäbe dafür, ob die Bildungsausgaben ausreichen, im Wesentlichen aus dem internationalen Vergleich, er hat enorm zur Versachlichung der Debatte beigetragen. Bei der Menge des Steuergeldes, das wir in Deutschland für die Bildung aufwenden, schneiden wir nicht gut ab. Wenn unsere Wirtschaft weiter Spitzenleistungen bringen soll, können wir uns das auf Dauer nicht leisten.

          Bis 2013 will der Bund jährlich 3 Milliarden Euro mehr ausgeben, so sollen für Bildung und Forschung 10 Prozent des BIP ausgegeben werden. Wie ist diese Summe zu beurteilen?

          Sie hat stark symbolische Bedeutung. Ich kann die Pläne für Mehrausgaben nur begrüßen. Damit ist nicht gesagt, ob es in die richtigen Kanäle fließt. Das Geld zu haben ist das eine, es so geschickt zu verteilen, dass die Effekte auch steigen, das ist etwas anderes.

          Mehr Geld führt nicht gleich zu einem besseren Bildungssystem. Ist es trotzdem wichtig, sich ein Pauschal-Ziel zu setzen?

          Es ist von erheblicher Bedeutung. Das soll man nicht unterschätzen, es drückt eine Priorität aus. Aber das Geld muss dringend direkt dort ankommen, wo Bildung von Menschen stattfindet. Und das ist eine ganz hohe Kunst.

          Konkret: Was hat die Politik jetzt zu tun?

          Die Politik muss entscheiden, wie das Geld ohne Verlust an die Schulen, die Hochschulen, die Einrichtungen der Berufsbildung gelangt. Sie sind es, die damit so geschickt agieren müssen, dass die Bildungskompetenzen ihrer Klientel nachvollziehbar gesteigert wird. Wir wissen, dass eine autonome Schule oder Hochschule mit moderner Leitungsfunktion, die in einem festen Ordnungsrahmens im Wettbewerb mit anderen Schulen steht, mit ihrem Geld effizienter wirtschaftet als eine, die ihren Etat nicht kennt und nicht beeinflussen kann. Es müssen Anreize her: Die Schule muss belohnt werden, wenn sie die Fähigkeiten ihrer Absolventen optimal entwickelt hat. Wenn sie unabhängig davon, wie schwierig ihre Aufgabe ist, ihr Geld bekommt, leidet die Motivation der Lehrkräfte. Hier gibt es eine Parallele zum Gesundheitssystem. Wir brauchen einen Risikostrukturausgleich wie unter den Krankenkassen. Eine Schule mit schwierigeren Schülern bekommt mehr Mittel. Dann kriegen wir auch bessere pädagogische Ergebnisse.

          Halten Sie die aktuelle Debatte für oberflächlich?

          Ja, ganz klar. Und wenn dann auch noch überlegt wird, wie allein durch Umbuchungen in den Haushalten die Ausgaben gesteigert werden könnten, gruselig. Das wird leicht durchschaubar.

          Als der OECD-Bildungsbericht 2009 vorgelegt wurde, hat Ministerin Schavan das 10-Prozent-Ziel bekräftigt. Mehrausgaben von mindestens 25 Milliarden Euro seien dafür nötig, sagen Fachleute. Wo wird das Geld herkommen?

          Ich bin kein Finanzpolitiker. Aber entweder hat das Ziel Priorität oder eben nicht. Aber so zu tun, als wären höhere Bildungsausgaben wichtig und dann keine realistische Strategie dafür zu haben, wie das Geld aufgebracht wird, das wäre unglaubwürdig.

          Der Bund will laut Koalitionsvertrag „Maßnahmen ergreifen“, damit auch Länder und Private mehr Geld ausgeben - welche können das überhaupt sein? Im Grundgesetz steht ein Kooperationsverbot, die Länderhoheit in der Bildung ist in Stein gemeißelt.

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