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Razzia in der Fleischindustrie : Illegale Leiharbeiter sollen auch bei Tönnies beschäftigt sein

  • Aktualisiert am

Schweinehälften hängen in einem Kühlraum eines Fleischverarbeitungsbetriebs. Bild: dpa

800 Beamte der Polizei durchsuchen derzeit Wohn- und Geschäftsräume zweier Unternehmen, die illegal Menschen aus Osteuropa eingeschleust haben sollen. Die Arbeitskräfte sind offenbar auch bei Tönnies im Einsatz.

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          Die Bundespolizei führt seit den frühen Morgenstunden in fünf Bundesländern Durchsuchungen im Zusammenhang mit der illegalen Einschleusung von Arbeitskräften für die Fleischindustrie durch. Rund 800 Beamte seien in Sachsen-Anhalt und Niedersachsen im Einsatz, sagte ein Sprecher der Bundespolizei Mitteldeutschland am Mittwoch. Weitere Durchsuchungen gebe es in Berlin, Sachsen und Nordrhein-Westfalen. Ein Schwerpunkt der Razzia liege auf Weißenfels in Sachsen-Anhalt sowie Twist und Garbsen in Niedersachsen.

          Mehr als 60 Wohn- und Geschäftsräume werden nach Angaben der Bundespolizei durchsucht. Im Detail habe es sich dabei um bislang 49 Arbeiterunterkünfte in Weißenfels gehandelt sowie drei in Bernburg. Außerdem seien je drei Wohn- und Geschäftsobjekte in Garbsen und Papenburg sowie je ein Objekt in Twist, Bonn, Bassum, Chemnitz und Berlin durchsucht worden. Die betroffenen Betriebe sollen in den vergangenen sechs Monaten mindestens 82 Personen aus Osteuropa mit gefälschten oder verfälschten Dokumenten nach Deutschland geholt haben.

          Der Bundespolizeiinspektion Magdeburg lagen demnach seit Anfang 2020 erste Erkenntnisse vor, dass Personen mit gefälschten Dokumenten illegal nach Deutschland eingeschleust werden sollen. Der Grenzpolizei seien zu diesem Zeitpunkt vermehrt rumänische Dokumente aufgefallen, die augenscheinlich gefälscht waren. Ein Abgleich mit den Behörden in Rumänien habe gezeigt, dass die auf den Dokumenten ausgewiesenen Personen nicht existierten. Seit April 2020 führe eine Sonderkommission Ermittlungen dazu durch. Zuständig sind die Staatsanwaltschaft Halle sowie deren Zweigstelle in Naumburg.

          Tönnies will kooperieren

          Wie dessen Leiter Oberstaatsanwalt Hans-Jürgen Neufang auf Anfrage der F.A.Z. mitteilte, haben die betroffenen Unternehmen nach aktuellem Kenntnisstand illegal eingeschleuste Arbeitskräfte an einen fleischverarbeitenden Großbetrieb in Weißenfels vermittelt: „Und das ist Tönnies.“ Man gehe davon aus, dass ein „guter Teil“ der Belegschaft des Zerlegebetriebes einer nähere Überprüfung nicht standhalten werde. Neufang betonte aber, dass sich die Ermittlungen nicht gegen das Unternehmen richten: „Es besteht überhaupt kein Anfangsverdacht gegen Tönnies.“ Die Arbeiter hätten allesamt gültige Papiere gehabt und die notwendigen Bescheinigungen, etwa vom Gesundheitsamt. Ihm sei keine Pflicht eines Arbeitgebers bekannt, die Identität seiner Arbeitnehmer zu überprüfen. Neufang schloss nicht aus, dass weitere Standorte des größten deutschen Fleischverarbeiters betroffen sind, und auch andere Zerlegebetriebe. „Das wird sich im Zuge der Ermittlungen herausstellen.“

          Nach Angaben eines Sprechers der Bundespolizei sei nicht ausgeschlossen, dass im Zuge der Ermittlungen auch die fleischverarbeitenden Betriebe durchsucht werden, bei denen die Arbeitskräfte tätig waren oder sind. Aktuell stünden aber die Zeitarbeitsunternehmen im Fokus. 

          Tönnies hatte am Morgen mitgeteilt, nicht von den Razzien betroffen zu sein, weder in Weißenfels noch an anderen Standorten gebe es bisher Durchsuchungen. Im Gespräch mit der F.A.Z. sagte ein Unternehmenssprecher, bislang hätten die Behörden keinen Kontakt mit Tönnies aufgenommen: „Wir haben keine Informationen, ob und wenn ja, in welchem Maße Dienstleistungsunternehmen, mit denen wir zusammen arbeiten, von den Durchsuchungen betroffen sind.“

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