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Arbeitszeit wichtiger als Geld : Warum der Metall-Abschluss spannend ist

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Die Metall-Arbeitnehmer haben ihre wichtigsten Ziele durchgesetzt Bild: dpa

Arbeitgeber und IG Metall haben sich auf einen Tarifabschluss geeinigt, der über das übliche Lohngefeilsche hinausgeht. Beide Seiten könnten von der höheren Flexibilisierung der Arbeitszeiten profitieren.

          Die Wirtschaft brummt und Fachkräfte sind rar: Die IG Metall hat nach Einschätzung von Experten die günstigen Rahmenbedingungen genutzt und im ewigen Pilotbezirk Baden-Württemberg einen Tarifabschluss erreicht, der über das sonst übliche Lohngefeilsche hinausgeht. Denn neben Gehaltszuschlägen am oberen Rand stehen das Recht auf vorübergehende Teilzeit für alle und ein sozialpolitischer Zuschlag für bestimmte Beschäftigtengruppen auf der Haben-Seite der Gewerkschaft. Angesichts voller Auftragsbücher verbuchen die Arbeitgeber neben der langen Laufzeit vor allem die mögliche Ausweitung des Arbeitsvolumens als Erfolg.

          Von Wissenschaftlern und Volkswirten werden die Abmachungen zur Arbeitszeit durchaus als zukunftsweisend bewertet. Künftig kann jeder Metaller ohne Lohnausgleich bei 28 Wochenarbeitsstunden vorübergehend kürzer treten und zum verabredeten Zeitpunkt in spätestens zwei Jahren wieder in Vollzeit zurückkehren. „Das ist eine absolute Neuerung in Tarifverträgen und bringt endlich auch Drive in die politische Diskussion“, meint der Tarifexperte der gewerkschaftlichen Böckler-Stiftung, Thorsten Schulten. In Berlin haben sich Union und SPD das liegengebliebene Thema aus der vergangenen Legislatur auf Wiedervorlage gelegt und in den Groko-Verhandlungen bereits abgehakt.

          Mit einigen komplizierten Kniffen können die Arbeitgeber künftig das Arbeitsvolumen ihrer Belegschaften mindestens halten, wenn nicht sogar ausbauen, wie Gesamtmetall-Hauptgeschäftsführer Oliver Zander erklärt. Zwar wurden die Höchstquoten für 40-Stunden-Verträge nicht aufgehoben, doch die IG Metall hat neue Schlupflöcher zugelassen. Besonders interessant: Nach einem neuen Modell zur Durchschnittsarbeitszeit kann die fehlende Arbeitsleistung jedes Teilzeitbeschäftigten auf solche Mitarbeiter verteilt werden, die gerne mehr als 35 Stunden arbeiten wollen.

          Die neue Beweglichkeit soll nicht nur für Schönwetterperioden geeignet sein. „Die Arbeitszeit kann mit diesem Lösungsmodell entsprechend den Bedürfnissen beider Seiten sowohl teils verkürzt als auch verlängert werden“, begrüßt Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer den Abschluss in der wichtigsten deutschen Industriesparte mit rund 3,9 Millionen Beschäftigten. „Mit der höheren Flexibilität bei der Arbeitszeit ist die Metall- und Elektroindustrie für zukünftige Herausforderungen durch den demografischen Wandel und die Digitalisierung gut gewappnet“, sagt auch Achim Wambach vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung in Mannheim.

          Wirtschaftlich stellt der Abschluss durchaus sportliche Anforderungen an die Unternehmen, die sich über die Laufzeit auf eine jährliche Steigerung des Personalaufwands von 3,45 Prozent einrichten müssen. „In Summe kommt dieser Tarifabschluss die Mittelständler zu teuer“, klagt der Maschinenbauverband VDMA. Allianz-Chefvolkswirt Michael Heise sieht eine erhebliche Kostenbelastung, die die preisliche Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen mindere. Positiv sei aber die lange Laufzeit. „27 Monate lang ist unsere Industrie befriedet“, befindet Gesamtmetall-Chef Rainer Dulger. Die wirtschaftlichen Belastungen könne man den Mitgliedern in der guten konjunkturellen Lage durchaus plausibel machen.

          Selbstbestimmte Arbeitszeit als Megathema

          Noch unklar sind die Kosten für die von der Gewerkschaft durchgesetzten Sonderregeln für Schichtarbeiter, Eltern junger Kinder und pflegende Familienangehörige. Unter engen Voraussetzungen können sie statt einer für 2019 erstmals vorgesehenen Sonderzahlung acht zusätzliche Tage frei nehmen - zwei Tage mehr als der eigentliche Gegenwert der Zahlung.

          „Metall hat weiterhin eine Signalfunktion für andere Abschlüsse, die tendenziell etwas höher ausfallen werden als zu Jahresbeginn erwartet“, schreibt der Deka-Chefvolkswirt Ulrich Kater. Die übrigen Gewerkschaften haben die selbstbestimmte Arbeitszeit als künftiges Megathema längst entdeckt. „Auch in anderen Tarifbereichen wird die Gestaltung der Arbeitszeit eine besondere Rolle spielen. Das wird der große Verteilungskonflikt der nächsten Jahre“, sagte DGB-Chef Reiner Hoffmann gerade in einem „Spiegel“-Interview. Verdi bereitet entsprechende Forderungen vor.

          Die aktuelle Vorreiterrolle darf seit dem Bahn-Tarifabschluss 2017 die kleine Verkehrsgewerkschaft EVG für sich beanspruchen. Ihre Mitglieder können seit diesem Jahr entscheiden, ob sie 2,6 Prozent mehr Geld, eine Stunde weniger Wochenarbeitszeit oder sechs Tage mehr Urlaub haben wollen. Für die letzte Option entschieden sich laut EVG satte 56 Prozent und 42 Prozent wollten die Lohnerhöhung. Einen eigenen Weg sind bereits die Chemie-Tarifpartner gegangen, die einen Branchenfonds eingerichtet haben, aus dem Zuschüsse etwa für Schichtarbeiter finanziert werden, die ihre Arbeitszeit verkürzen.

          Währungspolitisch liege der Abschluss noch im grünen Bereich, sagen Volkswirte. Er werde keine Lohn-Preis-Spirale in Gang setzen, schreibt Carsten Brzeski von der ING Diba. Auch der Europäischen Zentralbank mit ihrem Inflationsziel einer moderaten Teuerung von knapp unter 2 Prozent werde der Abschluss gerade recht kommen, glaubt sein Deka-Kollege Kater.

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