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Inflation und Energiekrise : IG Metall lehnt Lohnzurückhaltung ab

Acht Prozent mehr Lohn? Thorsten Gröger vertritt als Verhandlungsführer der IG Metall die Arbeitnehmer. Bild: dpa

In Bayern etwa verdienen Metallarbeiter im Schnitt schon mehr als 65.000 Euro im Jahr. Doch die Gewerkschaft sieht keinen Anlass zu Bescheidenheit und wagt einen Härtetest mit den Arbeitgebern.

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          Wegen hoher Energiekosten für die Unternehmen bahnt sich eine Rezession an – und zugleich eröffnet nun die IG Metall in den Kernbranchen der Industrie einen schwierigen Tarifkonflikt. „Es ist fünf vor zwölf. Der Inflationsdruck ist gewaltig, die Beschäftigten brauchen endlich eine spürbare Entlastung im Portemonnaie“, erklärte am Montag der IG-Metall-Bezirksleiter von Niedersachsen, Thorsten Gröger, zu Beginn seiner Verhandlungen mit den Arbeitgebern in der Region. Die Gewerkschaft tritt mit ihrer im Frühsommer beschlossenen Forderung nach 8 Prozent Lohnerhöhung an.

          Dietrich Creutzburg
          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Niedersachsen machte damit den bundesweiten Auftakt zur neuen Lohnrunde in der Metall- und Elektroindustrie. Insgesamt betrifft sie 3,8 Millionen Beschäftigte. Die Gespräche in den großen Bezirken Baden-Württemberg, Bayern und Nordrhein-Westfalen beginnen im Lauf dieser Woche. Zur Metall- und Elektroindustrie zählen etwa Autohersteller und -zulieferer, aber auch etwa der Maschinenbau, Eisengießereien und Medizintechnikhersteller. Insgesamt setzte der Wirtschaftsbereich zuletzt rund 1,1 Billionen Euro um.

          Dass die IG Metall trotz Rezessionssorgen nicht auf Bescheidenheit eingestellt ist, hatte ihr Vorsitzender Jörg Hofmann schon zuvor auf einer Demonstration in Leipzig klargemacht: „Jetzt ist nicht die Zeit für Zurückhaltung, jetzt ist die Zeit für eine kräftige tabellenwirksame Erhöhung der Entgelte und Ausbildungsvergütungen um 8 Prozent“, erklärte er. Schon in der Pandemie hätten die Metaller „Verantwortung und Solidarität“ mit den Betrieben in Form von Lohnzurückhaltung gezeigt. „Jetzt, wo die Belastungen immer weiter steigen – im Supermarkt, an der Zapfsäule, in der Kneipe, sollen die Kolleginnen und Kollegen den Kopf einziehen und sich in Bescheidenheit üben?“ Das würden sie nicht tun.

          „Fernab der aktuellen Realitäten“

          Für die bayerischen Metallarbeitgeberverbände nannte deren Hauptgeschäftsführer Bertram Brossardt die 8-Prozent-Forderung indes „nicht situationsgerecht und fernab der aktuellen Realitäten“. Er verwies auf einen „noch nie dagewesenen Mix aus schweren Krisen“ – von extrem steigenden Energie- und Rohstoffpreisen über Material- und Personalmangel bis hin zur weiter schwelenden Pandemie. Alle Beteiligten müssten aufpassen, jetzt „nicht den Wohlstand der vergangenen Jahrzehnte aufs Spiel zu setzen“.

          Laut einer Erhebung der Metall-Arbeitgeber in Bayern erwarten dort 22 Prozent der Unternehmen einen Produktionsstopp, falls sie kein Gas mehr bekommen sollten. 30 Prozent sähen ihre Produktion schon jetzt durch Materialmangel stark beeinträchtigt. Zugleich trat Brossardt der Darstellung der Gewerkschaft entgegen, dass die Metaller seit Jahren keine nennenswerten Tariferhöhungen bekommen hätten. „Seit 2018 stiegen die Tarifentgelte insgesamt um 9,3 Prozent“, betonte er.

          Zunächst hatte es damals ein Plus von 4,3 Prozent gegeben. Die Monatslöhne wurden in den späteren Tarifrunden zwar in der Tat nicht weiter erhöht. Allerdings führten die Tarifparteien in mehreren Schritten neue, jährlich fällige Einmalzahlungen ein – in Höhe von zusammen etwa zwei Dritteln eines zusätzlichen Monatslohns. Und mit Tariflöhnen von durchschnittlich 65.280 Euro im Jahr bewegten sich die Metaller in Bayern erkennbar auf Spitzenniveau.

          Keine neuen Pilotenstreiks bis Mitte 2023

          Allerdings gestehen auch die Arbeitgeber ein, dass es nicht allen Unternehmen gleichermaßen schlecht gehe: Je nachdem, ob sie in ihrem Geschäftsfeld genügend Material erhalten und inwieweit sie Preisschübe weiterreichen können, sei die Spanne diesmal besonders groß. „Wir brauchen für die hohe Unsicherheit und die heterogene Lage elastische Lösungen“, leitete Brossardt daraus als Auftrag an die Tarifpolitik ab. Er betonte aber auch, dass es Ziel der Metallarbeitgeber sei, trotz aller Unsicherheiten zügig zu einem „balancierten“ Tarifabschluss zu kommen.

          Im Oktober nehmen dann auch die Tarifparteien der Chemie- und Pharmaindustrie ihre Lohnrunde wieder auf. Sie hatten diese im April unter dem Eindruck der großen Unsicherheiten durch Putins Angriff auf die Ukraine vertagt. Gewissermaßen als Anzahlung auf den nun angestrebten regulären Tarifabschluss hatten die Arbeitgeber und die IG Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) damals eine Einmalzahlung von einheitlich 1400 Euro für alle 580.000 Beschäftigten vereinbart.

          In dem schon länger laufenden Tarifkonflikt zwischen der Lufthansa und deren Piloten gibt es indes nun zumindest eine vorläufige Einigung, die den Kunden bis Mitte 2023 neue Pilotenstreiks erspart. Wie beide Seiten am Montag mitteilten, werden die Grundvergütungen der Cockpit-Crews in zwei Stufen um je 490 Euro erhöht.

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