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Neue Berechnungen : Renten steigen 2020 sprunghaft – und dafür im Wahljahr 2021 kaum

Zwei Spaziergänger mit Sonnenhut stehen im Barockgarten Großsedlitz in Heidenau. Bild: ZB

Eine Revision statistischer Daten zu den Löhnen in Deutschland hat brisante Folgen für Rentner. Sie zeigt aber auch: Beschäftigte haben vom jüngsten Aufschwung stärker profitiert als bislang bekannt.

          Den 21 Millionen Rentnern in Deutschland winkt im kommenden Jahr eine besonders kräftige Rentenerhöhung – aber dafür wird es wohl ausgerechnet im Wahljahr 2021 nur eine Mini-Rentenerhöhung für sie geben. Ursache ist ein Sondereffekt aufgrund der turnusmäßigen Revision der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung (VGR) in diesem Jahr, mit der die statistischen Werte zur Lohnentwicklung in den vergangenen Jahren etwas nach oben korrigiert wurden. Da diese auch in die Berechnung der Rentenanpassungen einfließen, bahnt sich dort nun ein „Jojo-Effekt“ an, mit zunächst beschleunigten und dann verlangsamten Rentenerhöhungen. Ein ähnlicher Sondereffekt hatte 2014 schon einmal hitzige politische Debatten darüber ausgelöst, ob die Regierung kurzfristig die Rentenformel ändern solle, um Erwartungen der Rentner nicht zu enttäuschen.

          Dietrich Creutzburg

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Jessica von Blazekovic

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Eine am Dienstag veröffentlichte Analyse des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW) schätzt den nun bevorstehenden Sondereffekt erstmals näher ab. Demnach dürfte sich die reguläre Rentenerhöhung zum 1. Juli 2020 durch die Statistikänderung außerordentlich um zwei Prozente erhöhen. Ergäbe sich also unter normalen Umständen ein Plus von 3 Prozent, würden die Renten tatsächlich um rund 5 Prozent erhöht. Mit der nächsten Rentenrunde zum 1. Juli 2021 würde der Sondereffekt dann aber durch eine verringerte Erhöhung wieder ausgeglichen. Sollte sich regulär wieder ein Plus von 3 Prozent ergeben, würde sie also auf rund 1 Prozent gekürzt.

          Im aktuellen Fall hat das Statistische Bundesamt aufgrund neuer Datenerhebungen festgestellt, dass die Entwicklung der Löhne und Gehälter in den vergangenen Jahren im gesamtwirtschaftlichen Durchschnitt etwas günstiger war als bisher vermutet. Die Werte wurden für 20 Jahre rückwirkend nach oben korrigiert. Im Durchschnitt ergebe sich eine um 0,1 Prozentpunkte höhere jährliche Zuwachsrate der Bruttolöhne und -gehälter je Arbeitnehmer sowie eine höhere Lohnquote, führt das IfW aus. Die Revision der VGR findet alle fünf Jahre statt.

          Die Revision hat negative Seiten

          Da die Bruttolohnsumme je Arbeitnehmer in die Rentenformel einfließt, führt dies nun an der Schnittstelle von alten und neuen Werten zunächst zu einem starken Rentenanstieg. Zugleich ist die Formel aber so konstruiert, dass sie technisch bedingte Ausschläge automatisch im Folgejahr wieder ausgleicht. Trotzdem bringt dies nun neuen Zündstoff in die ohnehin aufgeladene Rentendebatte. 2014 hatte der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) in Briefen an Arbeitsministerium und Kanzleramt verlangt, einen Ausgleich für die verringerte Rentenerhöhung zu schaffen. Damals hatte sich im Zuge einer Statistikrevision die Beschäftigtenzahl erhöht. Das senkte die Lohnsumme je Arbeitnehmer – und führte erst zu einer gekürzten Rentenerhöhung, danach zu einer umso stärkeren. 2015 stiegen die Renten nur um gut 2 Prozent, 2016 dann aber um 4,24 Prozent im Westen und 5,95 Prozent im Osten. Der Sondereffekt wurde damals mit etwa einem Prozentpunkt beziffert.

          Damals begründete der DGB seine Kritik allerdings auch damit, dass die Ausgleichsmechanik die Rentner durch den sogenannten Basiseffekt benachteilige: Wird die Erhöhung erst verringert und dann erhöht, kommt unterm Strich etwas weniger heraus als bei umgekehrter Reihenfolge. Diesmal hingegen dürften die Rentner von dem Sondereffekt im Ergebnis sogar profitieren – mit dem politischen Schönheitsfehler, dass ausgerechnet im Wahljahr die Rentenerhöhung kümmerlich ausfallen dürfte.

          Davon abgesehen aber, verbessert sich mit der Revision der VGR-Daten das ohnehin recht günstige Bild der Entwicklung in den Aufschwungjahren – auch hinsichtlich der Verteilung des Volkseinkommens: Der Anteil der Arbeitnehmerentgelte am Volkseinkommen betrage nach neuem Rechenstand 70,8 Prozent für 2018. Bisher war man von 69 Prozent ausgegangen. „Die Lohnquote erreicht nun wieder das Niveau der 1990er Jahre. Der Rückgang während der Lohnmoderation in den 2000er Jahren wurde somit wettgemacht“, sagte Stefan Kooths, Leiter des Prognosezentrums am IfW.

          Die Revision hat aber auch negative Seiten. So stelle sich nun das Verhältnis von Lohnkosten zu Arbeitsproduktivität und Preisen, die Lohnstückkosten, deutlich ungünstiger dar. Nach altem Datenstand lagen sie bis zuletzt klar unter ihrem langjährigen Durchschnitt, was als förderlich für den Beschäftigungsaufbau galt. Nach den neuen Daten aber gingen von der Lohnseite erstmals seit 15 Jahren keine positiven Impulse mehr auf die Arbeitsnachfrage der Unternehmen aus. „Damit ist auch das Risiko eines Stellenabbaus infolge der schwachen Konjunktur deutlich gestiegen“, sagte Kooths.

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