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ICE-Schwester in Russland : Der pünktliche Schnellzug

  • -Aktualisiert am

ICE auf Russisch: Der Sapsan fährt zwischen Moskau und St. Petersburg Bild: AP

Der hierzulande oft verspätete ICE hat eine Schwester in Russland - und die funktioniert dort sogar im kältesten Winter. Hersteller Siemens freut sich über gute Geschäfte.

          Auf die Minute pünktlich rollt der ICE aus dem Bahnhof. Gedämpfte Countrymusik umhüllt den Bahngast im Großraumabteil. Sein Jackett hängt an einem Kleiderbügel in der Garderobe. Die Schaffnerinnen fahren mit Wägelchen wie im Flugzeug durch den Gang und servieren kostenlos ein Menü, wahlweise Hühnchen, Fisch oder Fleisch. Draußen rauscht die verschneite Landschaft vorbei, minus vier Grad zeigt die Temperaturanzeige über den Köpfen bei Tempo 230. Es ist Sonntagabend, eine Zeit, die üblicherweise Passagiergedrängel garantiert. Der Zug ist zwar voll bis auf den letzten Platz, doch jeder, wirklich jeder hat seinen Sitzplatz. Nach drei Stunden und 49 Minuten ist die rund 600 Kilometer lange Reise unaufgeregt absolviert, und wiederum auf die Minute pünktlich rollt der Zug im Zielbahnhof ein. Neue Zeiten bei der Deutschen Bahn?

          Thiemo Heeg

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Nein, der ICE ist in Wirklichkeit ein Sapsan - russisch für Wanderfalke. Dass sich Deutsche beim Anblick des zwischen den Metropolen Sankt Petersburg und Moskau verkehrenden Sapsan so an die heimischen Hochgeschwindigkeitszüge erinnert fühlen, liegt daran, dass der Hersteller Siemens heißt. Der Sapsan ist gewissermaßen ein Schwesterzug des ICE, er basiert auf derselben Plattform, die der Münchener Elektronikkonzern wiederum Velaro nennt. Eine Marke, die auf der ganzen Welt fährt. Velarosmit ICE-Optik sind in Deutschland und Russland unterwegs, in Spanien und in China und bald auch in Großbritannien - als Eurostar, der durch den Eurotunnel verkehrt.

          Auslastung nahe 100 Prozent

          Russland ist für Siemens ein ganz besonders interessanter und wichtiger Bahnmarkt - das wird am Montag schon dadurch deutlich, dass Siemens-Chef Peter Löscher persönlich nach Moskau gereist ist, um seine Unterschrift unter einen 600 Millionen Euro schweren Vertrag zu setzen. „Es freut uns sehr, dass die RZD beim weiteren Ausbau des Hochgeschwindigkeitsverkehrs wieder auf Siemens setzt“, sagt Löscher. Die RZD, das ist die russische Bahngesellschaft, die seit genau zwei Jahren acht Sapsans zwischen Moskau und Sankt Petersburg verkehren lässt. Jetzt kommen acht weitere „Velaro RUS“ dazu, inklusive eines Wartungsvertrages für 30 Jahre.

          Die Neubestellung hat mit der hohen Nachfrage zu tun, und schon ein Blick in die Großraumabteile genügt, um Zweifel daran zu zerstreuen. Junge Leute, Anzugträger, Tabletnutzer belegen jeden Platz. Die Auslastung soll auch im Durchschnitt nahe der Marke von 100 Prozent liegen - ein Wert, von dem die Deutsche Bahn mit ihren rund 70 Prozent nur träumen kann. Und das, obwohl der Fahrpreis für russische Verhältnisse kaum bezahlbar erscheint. In der ersten Klasse kostet das Ticket 6560 Rubel - das kommt mit umgerechnet etwas mehr als 150 Euro an das Niveau der Deutschen Bahn heran, entspricht aber in etwa einem Drittel des Durchschnittsmonatslohns im Land. Wer jedoch schnell zwischen den beiden größten Städten des Landes unterwegs sein will oder muss, für den ist der Sapsan eine echte Alternative zum Flugzeug. In Moskau, so erzählen Kundige, kann allein die Anreise zum Flughafen drei Stunden dauern, wenn die Straßen verstopft sind.

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