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IAW-Studie : Weniger Schwarzarbeit in Deutschland

Schattenwirtschaft Bild: dpa

Die Schattenwirtschaft geht zurück, weil die reguläre Wirtschaft besser läuft. Aber wie groß ist die Schattenwirtschaft? So groß wie das BIP zweier Bundesländer?

          Die relativ günstige Wirtschaftsentwicklung in Deutschland führt dazu, dass die Schattenwirtschaft in diesem Jahr weiter zurückgeht. Zu diesem Schluss kommen der Wirtschaftsprofessor Friedrich Schneider von der Universität Linz und das Institut für angewandte Wirtschaftsforschung in Tübingen in einer am Mittwoch veröffentlichten Studie. Nach Schneiders Modellschätzung werde die Schattenwirtschaft um 2,7 Milliarden Euro auf etwa 340,3 Milliarden Euro zurückgehen. Gründe dafür seien die gute Lage am regulären Arbeitsmarkt, die mehr Beschäftigungsmöglichkeiten eröffnet, die Senkung einiger Sozialabgaben wie des Rentenbeitrags sowie die Anhebung der Verdienstgrenze für Mini-Jobs von 400 auf 450 Euro. All dies macht reguläre Arbeit relativ zu Schwarzarbeit attraktiver. „Die Menschen haben gute Chancen, einen Arbeitsplatz in der regulären Wirtschaft zu bekommen. Für Schwarzarbeit fehlt ihnen dadurch schlicht die Zeit und die Motivation“, teilte IAW-Geschäftsführer Bernhard Boockmann mit.

          Philip Plickert

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Der Volkswirt“.

          Die Schattenwirtschaft, so wie sie Schneider schätzt, hätte aber immer noch etwas mehr als 13 Prozent Anteil an der Gesamtwirtschaft – oder etwa so viel wie das Bruttoinlandsprodukt von Hessen und Rheinland-Pfalz. Fast jeder siebte Euro würde damit am Fiskus vorbeigeschleust. In einigen südeuropäischen Ländern wie Italien oder Griechenland wird der Anteil der Schattenwirtschaft auf 20 bis 25 Prozent geschätzt.

          Große Geldscheine als Indiz

          Schneider versucht, den Umfang der Schattenwirtschaft mit indirekten Methoden zu berechnen. Seine Berechnungen beruhen auf dem Bargeldansatz: Die Menge der umlaufenden großen Banknoten, besonders der 100-, 200- und 500-Euro-Scheine, ist ein Indiz für den Umfang der Schattenwirtschaft inklusive illegaler Aktivitäten wie Drogenhandel oder Prostitution, wo üblicherweise bar gezahlt wird.

          Der Ökonom schätzt zuvor die Geldnachfrage für die offizielle Wirtschaft, die von Variablen wie dem Einkommen, dem Zinssatz sowie der Verfügbarkeit von Bargeldsubstituten, etwa Kreditkarten, abhängt. Dann vergleicht er diese Bargeldnachfrage mit der von der Bundesbank ausgewiesenen tatsächlichen Bargeldmenge. Die Differenz wird mit der Umlaufgeschwindigkeit multipliziert, daraus erhält Schneider die Wertschöpfung der Schattenwirtschaft.

          Hohe Steuer - viel Schwarzarbeit

          Allerdings ist nicht klar, ob die Umlaufgeschwindigkeit in der Schattenwirtschaft genauso groß ist wie in der offiziellen Wirtschaft. Andere indirekte Methoden versuchen dem Phänomen der Schwarzarbeit unter normalen Bürgern noch differenzierter auf die Schliche zu kommen. „Latente Schätzverfahren“ berücksichtigen die Ursachen, etwa die Steuerbelastung und die Regulierungsdichte für die offizielle Wirtschaft. „Je höher die Steuer- und Sozialabzüge und je größer die Bürokratie, desto eher werden Menschen in die Schwarzarbeit ausweichen.“

          Im Gegensatz zu Schneiders recht hoher Schätzung kommen andere Studien auf zum Teil sehr viel geringere Ausmaße der Schattenwirtschaft. Der Freiburger Wirtschaftsweise Lars Feld und Claus Larsen von der dänischen Rockwool Foundation haben vergangenes Jahr auf der Basis von repräsentativen Umfragen geschätzt, dass sich die Anzahl der schwarz geleisteten Arbeitsstunden von 2001 bis 2008 beinahe halbiert habe. Der Anteil der Schwarzarbeit relativ zur regulären Arbeit sei von 4,1 auf 2,3 Prozent gesunken. Diese Zahl sei aber der „untere Rand der Schätzungen“, sagte Feld der F.A.Z. Den markanten Rückgang der Schwarzarbeit erklärt Feld zum großen Teil mit den Reformen am Arbeitsmarkt, die geringfügige Beschäftigungen erleichtert und steuerlich entlastet haben.

          Jeder zehnte Deutsche hat schon schwarz gearbeitet

          Der Anteil der Schwarzarbeiter an der Bevölkerung bleibe aber eher konstant bei etwa 10 Prozent der Bevölkerung. Etwa jeder zehnte Deutsche hat sich in den Rockwool-Umfragen dazu bekannt, gelegentlich schwarz arbeite. Allerdings sinke die Zahl der undeklarierten Arbeitsstunden. Am meisten Schwarzarbeit gibt es demnach am Bau (rund 17 Prozent der Arbeitsstunden werden doch nach Umfrage-Angaben an der Steuer vorbei geleistet), gefolgt von der Landwirtschaft, im Transportgewerbe, in Hotels und Gaststädten sowie in Werkstätten.

          Obwohl die Schätzungen von Schneider und Feld/Larsen so weit auseinanderliegen, wollen die Forscher keinen direkten Widerspruch sehen. Auch nach Schneiders Schätzmethode geht der Anteil der Schattenwirtschaft seit 2003 stetig zurück. Jede Methode hat ihre Tücken und Schwächen. Zum Beispiel: Wie ehrlich antworten die Bürger in Umfragen? „Interviews werden zu eher geringeren Schätzungen führen, wogegen die indirekten Methoden es überschätzen“, sagte Larsen der F.A.Z.. Aus den Rockwool-Umfragen ergab sich zudem ein sehr großes Potential von Schwarzarbeit: Jeder vierte Befragte sagte, er würde gerne auch ohne Steuerbeleg arbeiten.

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