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Neue Umfrage : Das Sexismusproblem der Wirtschaftswissenschaften

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Die designierte Präsidentin der AEA, Janet Yellen, ist besorgt angesichts der weitverbreiteten Diskriminierung in den Wirtschaftswissenschaften. Bild: Reuters

Die wichtigste Organisation der Volkswirtschaftslehre hat eine Studie zu Belästigung und Diskriminierung im eigenen Fach veröffentlicht. Frühere Notenbank-Präsidenten äußern sich bestürzt.

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          Die American Economic Association (AEA), eine der größten Vereinigungen von Wirtschaftswissenschaftlern auf der Welt, hat hunderte Fälle öffentlich gemacht, in denen sich Akademiker sexuell oder ethnisch diskriminiert fühlten. Die Ergebnisse einer entsprechenden Umfrage, die die AEA im November 2018 initiiert hatte, zeigen, dass sexuelle Übergriffe und Ungleichbehandlung gegenüber Frauen und ethnischen Minderheiten unter Ökonomen verbreitet sind.

          So berichteten 48 Prozent der weiblichen Befragten, aber nur 3 Prozent der Männer, dass sie Erfahrungen mit Diskriminierung und unfairer Behandlung aufgrund ihres Geschlechts gemacht hätten. 63 Prozent der Frauen gaben an, von Kollegen nicht respektiert worden zu sein. 22 Prozent hätten ungewollte sexuelle oder romantische Annäherungen von anderen Ökonomen erlebt, sechs Prozent berichteten, dass Kollegen körperlich übergriffig geworden seien. Nur vier Prozent der Frauen und 16 Prozent der Männer glaubten, dass „Diskriminierung in den Wirtschaftswissenschaften heute selten ist“.

          Auch wer nicht weiß ist, hat der Umfrage zufolge häufig einen schweren Stand: 29 Prozent aller Ökonomen, die einer ethnischen Minderheit angehören, berichten von Diskriminierung aufgrund ihrer Hautfarbe. 23 Prozent haben sich schon einmal gar nicht erst auf eine Stelle beworben oder sie nicht angenommen, weil sie Diskriminierung fürchteten. Homosexuelle Ökonomen erleben ebenfalls mehr Diskriminierung als heterosexuelle.

          Das Ausmaß wird wohl noch unterschätzt

          Die AEA gilt als wichtigste Organisation der Volkswirtschaftslehre. Sie gibt die renommierteste Zeitschrift des Fachs, das American Economic Review, heraus, und veranstaltet jedes Jahr eine große Konferenz, in deren Rahmen die meisten Vorstellungsgespräche amerikanischer Wirtschaftsfakultäten stattfinden. Sie hat auch außerhalb der Vereinigten Staaten viele Mitglieder.

          Der ehemalige amerikanische Notenbankchef Ben Bernanke, der Präsident der AEA ist, und seine designierte Nachfolgerin Janet Yellen, äußerten sich in der „New York Times“ bestürzt. „Die Zahlen sind sehr besorgniserregend. Was wir in dieser Umfrage sehen, ist eine inakzeptable Kultur“, sagte Yellen.

          Bernanke sagte, die Diskriminierung sei „schlecht für die Wirtschaftswissenschaften. Es ist sehr unfair für diejenigen, die Diskriminierung erleben, weil die Volkswirtschaftslehre ein faszinierendes Feld ist und wir wollen niemanden ohne guten Grund ausschließen. Wir bringen anscheinend talentierte Leute davon ab, Ökonomen zu werden.“

          Die AEA hatte bewusst auch diejenigen angeschrieben, die die Wissenschaft möglicherweise aufgrund von Diskriminierung inzwischen verlassen haben. Dennoch unterschätze das Ergebnis das Ausmaß wahrscheinlich, weil viele ehemalige Ökonomen eben nicht zu Wort kommen, äußerte die Ökonomin Lisa Cook gegenüber der „New York Times“.

          Junge Wissenschaftler fordern Veränderungen

          Die AEA hatte mit der Umfrage auf mehrere Hinweise reagiert, dass Ökonomen und Ökonominnen selbst nicht vor dem sexistischen und rassistischen Verhalten immun sind, dessen Auswirkungen sie sonst oft untersuchen. Die Wirtschaftswissenschaften stehen bei der Vielfalt ihrer Studierenden und Wissenschaftler anders da als andere Sozialwissenschaften: Zwei Drittel aller Doktortitel der Volkswirtschaftslehre in den Vereinigten Staaten gehen an Männer. Und nur etwas mehr als 1 Prozent der Professoren sind schwarz und 2,5 Prozent lateinamerikanischer Abstammung.

          Inzwischen wächst aber eine neue Generation von Wissenschaftlern heran, die das nicht länger hinnehmen will. Im Dezember unterschrieben fast 300 Doktoranden und Forschungsassistenten einen offenen Brief, in dem sie Veränderungen im Umgang mit sexueller Belästigung forderten, unter anderem durch die Einführung eines Verhaltenskodex und eines Meldesystems für unangemessenes Verhalten.

          Damit reagierten sie auf Enthüllungen sexueller Belästigung durch Harvard-Professor Roland Fryer. Fryer war ein aufstrebender Star der Wirtschaftswissenschaften und Mitglied der AEA-Führung. Ende des vergangenen Jahres trat er von diesem Amt zurück, nachdem die Universität Harvard öffentlich gemacht hatte, dass er sich vier Frauen gegenüber sexuell unangemessen verhalten habe.

          Die Anschuldigungen schlugen hohe Wellen in der Wissenschaftsgemeinschaft. Sie brachten das Thema, kurz nach dem Aufkommen der #MeToo-Bewegung, auf die Tagesordnung der jährlichen Konferenz der AEA im Januar.

          Bei Männern zählt die Forschung, bei Frauen Attraktivität

          Auch die ökonomische Forschung zu Geschlechtervorurteilen wendet sich mehr der eigenen Disziplin zu. Alice Wu von der Universität von Kalifornien in Berkeley fand schon im Jahr 2017, dass in einem populären Ökonomen-Webforum in schockierend sexistischer Sprache über Frauen gesprochen wurde. Ging es um männliche Kollegen, überwogen Kommentare zu ihrer Forschungsleistung, bei weiblichen Volkswirtinnen hingegen ging es öfter um ihre Sexualität und Attraktivität.

          Eine Studie von Erin Hengel von der Universität Liverpool zeigt zudem, dass Artikel von Frauen in ökonomischen Fachzeitschriften deutlich besser geschrieben sind. Frauen werden an höheren Standards gemessen als Männer und ihre Artikel müssen besser sein als die ihrer männlichen Kollegen, um den strengen Prüfprozess zu überstehen, folgerte sie. Dieser dauert bei Frauen im Durchschnitt drei bis sechs Monate länger als bei Männern. Da verwundere es nicht, dass nur vier Prozent der 2015 veröffentlichten Artikel in den Top-Zeitschriften von reinen Frauen-Teams geschrieben wurden.

          Die AEA will nun Maßnahmen ergreifen, um die Situation zu verbessern. Sie will formelle Grundsätze zu Belästigung und Diskriminierung verabschieden, deren Unterstützung zur Bedingung für alle werden soll, die in Zukunft an AEA-Veranstaltungen teilnehmen wollen.

          Außerdem soll eine Ombudsperson Vorwürfe entgegennehmen, dokumentieren und den Betroffenen helfen. Anwärter für AEA-Ämter sollen genauer überprüft werden und eine Amtsenthebung im Falle von Verstößen gegen den Verhaltenskodex soll einfacher werden.

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