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Neue Umfrage : Das Sexismusproblem der Wirtschaftswissenschaften

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Junge Wissenschaftler fordern Veränderungen

Die AEA hatte mit der Umfrage auf mehrere Hinweise reagiert, dass Ökonomen und Ökonominnen selbst nicht vor dem sexistischen und rassistischen Verhalten immun sind, dessen Auswirkungen sie sonst oft untersuchen. Die Wirtschaftswissenschaften stehen bei der Vielfalt ihrer Studierenden und Wissenschaftler anders da als andere Sozialwissenschaften: Zwei Drittel aller Doktortitel der Volkswirtschaftslehre in den Vereinigten Staaten gehen an Männer. Und nur etwas mehr als 1 Prozent der Professoren sind schwarz und 2,5 Prozent lateinamerikanischer Abstammung.

Inzwischen wächst aber eine neue Generation von Wissenschaftlern heran, die das nicht länger hinnehmen will. Im Dezember unterschrieben fast 300 Doktoranden und Forschungsassistenten einen offenen Brief, in dem sie Veränderungen im Umgang mit sexueller Belästigung forderten, unter anderem durch die Einführung eines Verhaltenskodex und eines Meldesystems für unangemessenes Verhalten.

Damit reagierten sie auf Enthüllungen sexueller Belästigung durch Harvard-Professor Roland Fryer. Fryer war ein aufstrebender Star der Wirtschaftswissenschaften und Mitglied der AEA-Führung. Ende des vergangenen Jahres trat er von diesem Amt zurück, nachdem die Universität Harvard öffentlich gemacht hatte, dass er sich vier Frauen gegenüber sexuell unangemessen verhalten habe.

Die Anschuldigungen schlugen hohe Wellen in der Wissenschaftsgemeinschaft. Sie brachten das Thema, kurz nach dem Aufkommen der #MeToo-Bewegung, auf die Tagesordnung der jährlichen Konferenz der AEA im Januar.

Bei Männern zählt die Forschung, bei Frauen Attraktivität

Auch die ökonomische Forschung zu Geschlechtervorurteilen wendet sich mehr der eigenen Disziplin zu. Alice Wu von der Universität von Kalifornien in Berkeley fand schon im Jahr 2017, dass in einem populären Ökonomen-Webforum in schockierend sexistischer Sprache über Frauen gesprochen wurde. Ging es um männliche Kollegen, überwogen Kommentare zu ihrer Forschungsleistung, bei weiblichen Volkswirtinnen hingegen ging es öfter um ihre Sexualität und Attraktivität.

Eine Studie von Erin Hengel von der Universität Liverpool zeigt zudem, dass Artikel von Frauen in ökonomischen Fachzeitschriften deutlich besser geschrieben sind. Frauen werden an höheren Standards gemessen als Männer und ihre Artikel müssen besser sein als die ihrer männlichen Kollegen, um den strengen Prüfprozess zu überstehen, folgerte sie. Dieser dauert bei Frauen im Durchschnitt drei bis sechs Monate länger als bei Männern. Da verwundere es nicht, dass nur vier Prozent der 2015 veröffentlichten Artikel in den Top-Zeitschriften von reinen Frauen-Teams geschrieben wurden.

Die AEA will nun Maßnahmen ergreifen, um die Situation zu verbessern. Sie will formelle Grundsätze zu Belästigung und Diskriminierung verabschieden, deren Unterstützung zur Bedingung für alle werden soll, die in Zukunft an AEA-Veranstaltungen teilnehmen wollen.

Außerdem soll eine Ombudsperson Vorwürfe entgegennehmen, dokumentieren und den Betroffenen helfen. Anwärter für AEA-Ämter sollen genauer überprüft werden und eine Amtsenthebung im Falle von Verstößen gegen den Verhaltenskodex soll einfacher werden.

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