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Hugendubel, Thalia & Co : Abschied vom Buch

Das soll eine Buchhandlung sein? Thalia in Darmstadt Bild: Röth, Frank

Kaum einer kauft mehr Bücher bei Hugendubel, Thalia & Co. In ihrer Not verhökern die Großbuchhändler allerlei Krimskrams. Amazon triumphiert.

          Die Literaturhandlung ist liquidiert, die Händlerin hadert: „Wir mussten schließen.“ Im Berliner Westen hat der Buchmarkt sein jüngstes Opfer zu beklagen, die Nachricht klingt wie ein Roman: Tod im Tauentzien. Die Meile am Kudamm ist seit April um einen Buchladen ärmer, dem Laden gingen die Leser aus. Die Konkurrenz investiert Millionen in das, was der Markt verlangt. Markt ist, was die Masse verlangt. Und der Masse hat die Buchhändlerin nichts zu bieten. Nicht mehr.

          Hendrik Ankenbrand

          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

          Nina Hugendubel heißt die Frau, sie führt ein wankendes Imperium. Um die 50 Buchläden gehören dazu, top gelegen in Deutschlands Innenstadtpassagen. In dieser Geschichte geht es um den Tod der Buchhandlung, doch es ist nicht die kleine Lesestube, die stirbt. Es geht um viergeschossige Kaufhäuser, an deren Kassen Deutschlands Leser einst Schlange standen wie im Aldi. Auf 4500 Quadratmeter stapelten sich im Hugendubel am Kudamm die Bestseller. Im Hugendubel in Kassel, geschlossen im Februar, drängten sich Ratgeber und Glücksbücher auf 1500 Quadratmetern. Der Hugendubel am Münchener Salvatorplatz, Schließungstermin Mai, fällt mit 600 Quadratmetern fast bescheiden aus.

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          Allerdings ist es das Stammhaus der Kette, hier hat vor 120 Jahren Heinrich Hugendubel den Grundstein des Bücherreichs gelegt. Vor drei Dekaden wagten sich Hugendubels Erben aus dem Münchener Stammmarkt heraus, rollten von Süden die Republik mit Großfilialen auf. Der Hamburger Konkurrent Thalia kam von Norden. Die Ketten haben den Buchkauf revolutioniert, geherrscht, den halben Markt unter sich aufgeteilt. Ein dichtes Netz an schicken Glaspalästen spannt sich durchs Land, drinnen finden sich gemütliche Schmökerecken, Kunden weniger. Und immer weniger Bücher.

          Dabei ist die Leselust groß wie selten. Jeder zweite gibt an, gern zum Buch zu greifen. Allein, es hilft den Ketten wenig. Denn Händlerin Hugendubel hat entsetzt beobachtet: „Unsere Kundschaft muss Zeit sparen.“ Die vielbeschäftigten Deutschen ordern im Netz: Fünf Jahre, und jedes zweite Werk verkaufe sich online, fürchten die Händler. „Das Buchgeschäft ist toll!“, jubelt Amazon-Geschäftsführer Ralf Kleber und demütigt vom Podest des Siegers die analoge Konkurrenz: „Es muss ja nicht unbedingt jeder online kaufen.“

          Aber bald wohl jeder zweite. Die Höhe des Erlöses in Deutschland hütet Amazon zwar wie ein Staatsgeheimnis, doch von den 4 Milliarden Euro, die der Online-Händler hierzulande schätzungsweise erzielt, dürften bis zu 3 Milliarden auf den Umsatz mit Medien entfallen. Dank Buchpreisbindung vor allem auf Bücher, und das Geschäft wächst rasant. Ein Marktanteil von einem Drittel - das Gesetz spricht von Beherrschung - könnte also bald drin sein, heißt es aus vielen Verlagen doch gar, jedes zweite Buch verkaufe sich über den Online-Händler. Das Kartellamt, das sich jüngst in einer Entscheidung zur Fusion im Großhandel die Amazon-Zahlen angeguckt hat, wiegelt ab, nennt die Marktmacht noch „unproblematisch“.

          Was für eine Wendung: Bücherketten als Sanierungsfall

          Noch verdient ja auch die größte Kette Thalia eine knappe Milliarde. Aber damit wird es bald vorbei sein. 15 der gut 300 Buchhandlungen stehen vor dem Aus, der Rest wird geschrumpft. Was für eine Wendung: Bücherketten als Sanierungsfall - dabei galten die Kaufhäuser jahrzehntelang als Totengräber des Literaturbetriebs. Wie Ufos landeten die ersten Lesekaufhäuser in den Achtzigern in den Innenstädten. Als ihre Expansion an Fahrt aufnahm, roch es für Verleger und Mittelständler gewaltig nach Kulturrevolution: Wenn nicht mehr der kundige kleine Buchhändler die selbst erlesene Lyrik und Prosa empfehle und statt seiner elektronische Kassen die Verkaufsschnelligkeit einzelner Titel ins Lager funkten, regiere bald das Diktat der Umschlagsgeschwindigkeit, jammerten die Feuilletons. Gewinnmaximierung als Tod der Vielfalt: Das Ende ambitionierter Literatur schien nah.

          Doch die Mär vom Siechtum der Kleinen ist eine solche geblieben. 5000 Buchhandlungen stehen in der Republik, denn dass die Deutschen für den neuen Christian Kracht bei Amazon ordern, schadet den Spezialisten wenig.

          Die Ketten aber müssen die hohen Mieten durch Masse einspielen oder schließen. Und so macht die rheinische Mayersche ihre Essener Filiale Ende Mai dicht, geplante Neueröffnungen in Düsseldorf und Detmold fallen weg. „Bei den großen Neueröffnungen in den letzten Jahren hätte mancher den Mietvertrag nach den neusten Marktentwicklungen wohl gleich am liebsten zurückgegeben“, kommentiert Nina Hugendubel das Desaster: „Wir gucken bei jedem Laden: Stimmt die Flächengröße noch?“

          40 Prozent des Umsatzes will Thalia mit Krimskrams erzielen

          Vorbei ist die Zeit, in denen die Ketten nach Belieben den Verlagen ihre Rabattforderungen diktierten. Auch Amazon wird nicht geliebt, doch die Vermarktungsmacht des Riesen wissen die Verlage zu schätzen. Kein Wunder, dass der Branchenprimus Random House (Bertelsmann) keine Not verspürt, seine Vertreter mit den Romanen unterm Arm auf Goodwilltour zu schicken. Jede dritte Buchhandlung ist von seiner Besuchsliste gestrichen. Man wolle jetzt öfter „telefonisch kommunizieren“, höhnt es aus München.

          Jedes Unglück hat seine Gefährten, und so kehren nun Vertreter ganz anderer Waren in den einstigen Bücherhäusern ein. Was sie zurücklassen, türmt sich hinterm Eingangsportal: Schmuserollen, Kressetöpfe, ein Würstchen-Grill für 29,95 Euro. 40 Prozent des Umsatzes will Thalia mit Krimskrams erzielen. Bei Hugendubel soll der Tinnef „nicht mehr als ein Drittel“ beisteuern. Und die Baby-Töpfchen seien wieder aus den Regalen verbannt, beteuert Nina Hugendubel. Thalia gelobt, „buchaffin“ zu bleiben. Und bietet vor den Esoterik-Regalen das Badeöl feil, dass es duftet, als werde sauniert.

          Das riecht nach Treppenwitz, gehört Thalia doch zum börsennotierten Douglas-Konzern, der die gleichnamige Parfümeriekette unter seinem Dach vereint und der Buch-Krise geschuldet nun kräftig abschreiben muss. „Es muss uns besser gelingen, das Potential unserer loyalen stationären Kunden auf die anderen Kanäle zu übertragen“, gibt sich Thalia-Geschäftsführer Michael Busch selbstkritisch. Nur wie? E-Books? Die bilden hierzulande noch eine Nische, haben aber in Amerika schon die Taschenbücher überholt. Nur: Zwei von drei E-Books verkauft Amazon, das in Amerika gerade an der Seite der Regierung die Verlage zwingt, zu den alten Kampfpreisen von knapp 10 Dollar zurückzukehren. Sollte in Deutschland die Buchpreisbindung für E-Books fallen, wäre dies wohl das Ende der Ladenketten.

          Noch aber steht das Preisdiktat, doch auch so läuft die Konkurrenz beim Versand klassischer Druckware der technisch ausgefeilten Amazon-Seite hinterher. Zwar sind die Thalia-Verkäufer angehalten, sollte ein Buch fehlen, dem Kunden die kostenlose Lieferung nach Hause zuzusagen. Doch für den Ladenbetreiber ist das wohl ein Minusgeschäft. Kundenservice, verteidigt sich Geschäftsführer Busch, stehe „ebenso im Vordergrund wie Kostendeckung“ und spricht von „Mischkalkulation“: Besser Geld verlieren als Käufer.

          Sparen sollen lieber die Verlage bei der Zahl neuer Titel, die sie auf den Markt werfen. 100000 sind es pro Jahr. „Aus der rein ökonomischen Perspektive dürfte die Anzahl höchstens ein Drittel betragen“, fordert Nina Hugendubel - 90 Prozent der Einnahmen werde von 10 Prozent der Bücher eingespielt. Doch ein ökonomisches Gesetz über das optimale Buchprogramm existiert nicht. Wer weiß schon, was zum Bestseller wird? Und selbst wenn es nur noch solche gebe, machten sich die Läden möglicherweise erst recht überflüssig. Für den neuen Kracht braucht es kein Beratungsgespräch, ist das Werk doch längst gewürdigt.

          Bei Exoten-Titeln sieht die Lage allerdings nicht besser aus: Gegen die Weiten der Amazon-Lager sind die Läden winzig. Und fehlt Amazon ein Werk, bietet ihn ein spezialisierter kleiner Buchhändler über die Seite an. Da geißelt Amazon-Vorkämpfer Kleber den Ruf nach weniger Titeln gern als undemokratisch: „Der Leser soll entscheiden was er liest, nicht irgendeine Wirtschaftlichkeitsrechnung!“

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