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HP/Compaq : Letzter Akt einer Seifenoper

  • -Aktualisiert am

Weist HP den Weg: Carly Fiorina mit Compaq-Chef Capellas Bild: dpa

Am Dienstag stimmen die Aktionäre von Hewlett-Packard über die Fusion mit Compaq ab. Es wird bis zum Schluss eine knappe Entscheidung.

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          „Too close to call“, hieß es am Abend der amerikanischen Präsidentschaftswahl aus zahlreichen Bundesstaaten - beide Kandidaten lieferten sich ein derartiges Kopf-an-Kopf-Rennen, dass die Wahlleiter bis zur letzten ausgezählten Stimme warten wollten, ehe sie verkündeten, an wen der jeweilige Staat gegangen war. Vieles deutet darauf hin, dass auch die Entscheidung über eine Fusion der Technologiekonzerne Hewlett-Packard (HP) und Compaq äußerst knapp ausfallen wird.

          Am Dienstag stimmen zunächst die Aktionäre des PC- und Druckerherstellers HP im kalifornischen Cupertino über die größte Fusion aller Zeiten in der Computerbranche ab. Da die Auszählung bis zu zwei Wochen dauern wird, ist auf der am Mittwoch in Houston stattfindenden Compaq-Hauptversammlung noch alles offen. Allerdings gehen Experten davon aus, dass die Compaq-Aktionäre, die 36 Prozent am künftigen Großkonzern halten würden, ohne großen Widerspruch der de-facto-Übernahme durch HP zustimmen werden. Der weltweit zweitgrößte Computerhersteller dürfte nach Ansicht vieler Investoren stärker von der Fusion profitieren, weshalb der Compaq-Aktienkurs nach der Bekanntgabe des Vorhabens auch deutlich zulegte.

          Erbitterter Widerstand

          Ganz anders sieht die Lage bei Hewlett-Packard aus. Der erbitterte Widerstand der beiden Gründerfamilien Hewlett und Packard, die zusammen auf 18 Prozent der benötigten Stimmen kommen, hat viele HP-Aktionäre in ihren Zweifeln an der Richtigkeit des Schritts bestärkt. HP-Board-Mitglied Walter Hewlett befürchtet, dass HP zusammen mit Compaq viel zu abhängig vom PC-Geschäft wird. Er empfiehlt deshalb, den Server-Bereich durch gezielte Käufe zu stärken und die Druckersparte zur Steigerung des Aktienwerts eventuell vom Konzern abzuspalten.

          Andere wie die Branchenexperten von Forrester Research halten die 21-Milliarden-Dollar-Fusion für den richtigen Schritt. „Ohne Compaq wird HP in die Mittelmäßigkeit abdriften“, glaubt Forrester-Direktor Charles Rutstein. Zusammen hätten die beiden Konzerne das Potenzial, etwas „wirklich Großes“ zu schaffen. Ohne Compaq bleibe HP nur die erstklassige Druckersparte und eine Reihe zweitklassiger Hardware-Bereiche.

          Hauptdarsteller im Medienstreit

          Damit spricht er Carly Fiorina aus der Seele. Die charismatische HP-Chefin hat ihre Reputation mit dem Gelingen der Fusion verknüpft. Sollten die Aktionäre den Schritt ablehnen, wird mit einem Rücktritt von Fiorina gerechnet. In den vergangen Monaten sei die ansonsten als in der Sache hart, aber stets freundlich geltende 47-Jährige zunehmend reizbar geworden, berichten Beobachter. Aus der Auseinandersetzung mit Hewlett sei eine „Seifenoper“ geworden, klagte sie kürzlich. „Ich habe noch nie eine Übernahme gesehen, die so viel Streit gestiftet hat“, sagte auch Jack Ehnes, Geschäftsführer des Pensionsfonds der kalifornischen Lehrer, der 0,2 Prozent der HP-Aktien hält.

          Das freut natürlich die Medien, die als Nutznießer der Schlacht gelten. Mitten in der Konjunkturflaute wurden in den vergangenen Wochen zahllose ganzseitige Anzeigen, minutenlange TV- Spots und blinkende Werbe-Banner geschaltet. Ähnlich wie beim Streit um die feindliche Übernahme von Mannesmann durch Vodafone in Deutschland, versuchten Befürworter und Gegner der Compaq-Übernahme die zweifelnden HP-Besitzer auf allen Kanälen von ihren Argumenten zu überzeugen. So traten vergangene Woche kurz nacheinander Fiorina und Hewlett, die beiden Hauptdarsteller der Seifenoper, im führenden Wirtschafts-TV-Sender CNBC auf, um für ihre jeweilige Position zu werben.

          Konkurrenz für IBM

          Fiorina wandte sich zuletzt direkt an die Mitarbeiter ihres Unternehmens: „Wir werden immer für das kämpfen, was richtig für die Firma ist“, schrieb sie in einer E-Mail. Zusammen mit Compaq könne sich die neue HP an die Spitze des Marktes für Server und IT-Dienstleistungen setzen und somit dem Marktführer IBM viel besser Konkurrenz machen. Das sieht die einflussreiche Beratungsgesellschaft „Institutional Shareholder Services“ (ISS) ähnlich. Diese empfahl ihren Kunden in der vorvergangen Woche eine Zustimmung zur Fusion, was Fiorina mit großer Erleichterung zur Kenntnis nahm. Denn zuvor überwogen die kritischen Stimmen deutlich.

          Laut ISS können HP und Compaq zusammen einen Jahresumsatz von 82 Milliarden Dollar erwarten und damit nah zum Branchenprimus IBM aufschließen. Daneben rechnet Fiorina mit Einsparungen von mehr als 2,5 Milliarden Dollar jährlich durch den Deal, dem 13.000 Stellen zum Opfer fallen dürften. Das neue Unternehmen wäre mit etwa 140.000 Beschäftigten in rund 160 Ländern präsent.

          Auch wenn das ISS-Plazet als wichtige Weichenstellung gilt, entschieden ist der Abstimmungskampf noch lange nicht. Zumal die Gegner nach wie vor die Nase leicht vorne haben. Allerdings haben sich erst rund 50 Prozent der Aktionäre öffentlich geoutet, viele Investoren gelten noch als unentschlossen. Ganz wie bei den Präsidentenwahlen dürfte die Entscheidung also bis zum letzten Moment spannend bleiben.

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