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Howard Schultz : „Das Zwei-Parteien-System ist kaputt“

Starbucks-Gründer Howard Schultz (Archivfoto) Bild: AP

Der langjährige Starbucks-Chef Howard Schultz will das politische System in Amerika aufmischen. Er verachtet Donald Trump, aber auch die Demokraten sind ihm zu weit links. Kann jemand wie er Präsident werden?

          Howard Schultz hat seine politische Heimat sein Leben lang bei der Demokratischen Partei gesehen. Aber als der langjährige Vorstandsvorsitzende der Kaffeekette Starbucks vor einigen Wochen ankündigte, vielleicht bei den nächsten amerikanischen Präsidentschaftswahlen antreten zu wollen, sagte er überraschend, er wolle dies weder für seine Stammpartei noch die rivalisierenden Republikaner tun, sondern als unabhängiger Kandidat. Das bescherte ihm eine reichlich unterkühlte Reaktion im Demokratischen Lager. Denn dort wird nun befürchtet, Schultz könnte bei den nächsten Wahlen Stimmen vom Kandidaten der Partei abziehen – und somit Donald Trump zu einer weiteren Amtszeit als amerikanischer Präsident verhelfen.

          Roland Lindner

          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          Als Schultz am Samstag auf der Digital-Messe „South by Southwest“ in Austin die Bühne betritt, wartet also einiges an Überzeugungsarbeit auf ihn. Und seine Strategie ist es offenbar, sich als jemand zu präsentieren, der das politische System in Amerika aufmischt, allerdings gerade nicht mit radikalen Positionen, sondern als Kandidat der Vernunft in der politischen Mitte. „Das Zwei-Parteien-System ist kaputt, dysfunktional und braucht eine große Reparatur,“ sagt er.

          Die Kritik der vergangenen Wochen scheint ihn wenig beeindruckt zu haben, er klingt weiterhin, als komme noch immer nur eine Kandidatur außerhalb der etablierten Parteien in Frage. „Die Demokraten haben mich verlassen,“ sagt er und beklagt, wie weit die Partei in diesen Tagen nach links rücke und ein Extrem mit dem anderen zu ersetzen versuche. Es spreche Bände, dass der frühere New Yorker Bürgermeister Michael Bloomberg, ebenfalls einer mit moderaten Positionen, kürzlich angekündigt habe, nicht in das Rennen um die Kandidatur der Demokraten einzusteigen, weil er hier keinen Platz für sich sehe.

          „Wir brauchen echte Lösungen und keine Fantasien“

          Zum linken Rand der Demokratischen Partei gehören die Senatoren Elizabeth Warren und Bernie Sanders, die beide schon ihre Kandidatur angekündigt haben, außerdem die gerade in den Kongress gewählte Alexandria Ocasio-Cortez. Von ihnen kommen zum Beispiel Forderungen nach Reichensteuern oder einer deutlichen Ausweitung staatlicher Leistungen für Ausbildung oder Gesundheitsversorgung. Dahinter mögen ja gute Absichten stecken, meint Schultz, aber sie seien nicht realistisch. „Wir brauchen echte Lösungen und keine Fantasien.“ Eine solche Agenda würde Amerika nach seiner Meinung nicht nur in eine „schreckliche, schreckliche Position“ bringen, sondern auch die Aussichten bei den nächsten Wahlen schmälern. „Ich glaube, wenn Trump gegen Elizabeth Warren oder Bernie Sanders antritt, wird er wiedergewählt.“

          Das ist auch für Schultz ein Horrorszenario, denn für den gegenwärtigen Präsidenten hat er offenbar nur Verachtung übrig. Wegen Trump habe Amerika das Vertrauen seiner Verbündeten verloren. Er sei „der Inbegriff von allem, das in diesem Land falsch läuft“, und ihm fehlten Charakter, Moral und Mitgefühl. Im Weißen Haus müssten Ehre und Würde wiederhergestellt werden. Womöglich um die Bedenken der Demokraten ihm gegenüber zu zerstreuen, versucht Schultz auch den Eindruck zu erwecken, ihm sei eine Abwahl des Amtsinhabers wichtiger als seine eigenen politischen Ambitionen. „Ich werde nichts tun, das Donald Trump zur Wiederwahl verhilft.“ Sollten Umfragen vor der Wahl darauf hindeuten, dass Trump wegen ihm gewinnen könnte, wäre er bereit, sich zurückzuziehen.

          Schultz wehrt sich allerdings gegen die weit verbreitete Auffassung, dass seine Kandidatur zwangsläufig Trump zu Gute kommen würde, und nennt das ein „falsches Narrativ“. Mit ihm auf dem Wahlzettel gebe es eine „gute Chance“, dass Trump auch in Bundesstaaten wie Texas verliere, die traditionell ein Revier der Republikaner sind. Es gebe viele Wähler aus dem traditionellen Lager der Republikaner, denen Trump zuwider sei und die gerne eine Alternative hätten.

          Aber diese Menschen würden sich gewiss nicht für einen Kandidaten vom linken Rand der Demokraten wie Bernie Sanders entscheiden, wenn das ihre einzige andere Option sei, sondern dann doch Trump wählen. Für solche Wähler könnte es also auf Kosten von Trump gehen, wenn er im Rennen sei. Und Schultz findet, er könnte in dem Rennen eine echte Chance haben, auch wenn sich unabhängige Kandidaten bei amerikanischen Präsidentschaftswahlen üblicherweise sehr schwer tun. Viele Amerikaner stimmten mit seinen Positionen überein und fühlten sich von keiner der beiden großen Parteien mehr vertreten.

          Am Ende wird Schultz danach gefragt, ob er das gewisse Etwas und „Kamera-Charisma“ für einen Wahlkampf hat. Ist er jemand, der die Wähler mitreißen kann? So wie einst Barack Obama mit seinem Slogan „Yes We Can“ oder auch Trump mit „Make America Great Again“. Kann jemand, der als Stimme der Vernunft und Mann der Mitte antritt, Menschen dazu bringen, T-Shirts mit seinem Konterfei zu tragen? Schultz findet er habe das Zeug dazu – und verweist auf seine vormalige Karriere: „Ich verstehe ein bisschen was davon, eine Marke aufzubauen.“

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