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Hosea-Che Dutschke : Wie lebt es sich als Sohn von Rudi Dutschke?

Ihr Vater hat den Wohlfahrtsstaat als schlimmste Form des Kapitalismus verurteilt, weil er die Massen betäubt und den Umsturz verhindert.

Das war eine andere Zeit. Damals ging es darum, Autoritäten aller Art zu bekämpfen. Und da hat sich seit 1968 viel getan. Wäre das nicht so, würde ich vielleicht auch noch sagen, der Wohlfahrtsstaat muss zerbrochen werden.

Angeblich ist „Hygge“, die dänische Gemütlichkeit, das Glücksrezept.

Hygge kann schön sein. Aber es bedeutet auch, dass man sich um sich selbst dreht, den Rest der Welt draußen lässt. Deshalb haben so viele Dänen Angst vor dem Fremden. Das ist die dunkle Seite der Hygge. Mein Vater war Internationalist. Das ist das Gegenteil davon.

Hat er je Dänisch gelernt?

Nein, das konnte er nach dem Attentat wegen seiner Hirnschäden nicht mehr.

Aber Sie sind ein waschechter Däne?

Ich habe noch immer keinen dänischen Pass! Aber es gibt jetzt eine Möglichkeit, zusätzlich zur deutschen und amerikanischen auch noch die dänische Staatsbürgerschaft zu bekommen. Das muss ich demnächst beantragen.

Eine reine Formalie?

Man muss einen Einbürgerungstest bestehen, 40 Fragen zur dänischen Geschichte und Gesellschaft. Ich habe das mal zur Probe gemacht und hatte gleich 38 richtige Antworten. Bestanden.

Rudi Dutschke starb im Alter von 39Jahren an Heiligabend 1979, elf Jahre nach dem Anschlag. Er lag in der Badewanne, als einer der epileptischen Anfälle kam, die ihn seit dem Attentat plagten. Hosea Dutschke hat in einem Buch detailliert beschrieben, wie er den ertrunkenen Vater vergeblich wiederzubeleben versuchte. Das Buch war zugleich sein Beitrag zum bis heute dauernden Kampf um die Deutungshoheit über die Achtundsechziger: Die einen preisen sie als fortschrittliche Modernisierer, die anderen schmähen sie als selbstherrlich, rücksichtslos und gewaltbereit.

Was hat Sie dazu gebracht, Ihr Innerstes derart nach außen zu kehren und den Tod Ihres Vaters zu schildern?

Das musste raus. Es war ein Teil meiner Art, damit fertig zu werden. Und es soll natürlich auch anderen, die Ähnliches erlebt haben, helfen, mit ihrer Trauer und ihrer Wut umzugehen.

Wissen Sie, wie das der Sohn des 1967 erschossenen Benno Ohnesorg schafft, der wie Ihr Vater ein Märtyrer der Achtundsechziger wurde?

Wir kennen einander, zuletzt haben wir uns auf dem 75. Geburtstag meiner Mutter getroffen. Es gibt da viel Verbindendes. Die deutschen Sicherheitsbehörden wussten über den Ohnesorg-Attentäter genauso Bescheid wie über den Mann, der auf meinen Vater schoss. Da könnte man sagen, der Staat sei schuld an den Attentaten gewesen. Aber das hilft ja nicht weiter. Ich bin zwar immer noch kritisch, aber die Bitterkeit habe ich überwunden. Ich glaube, Lukas Ohnesorg ist bis heute skeptischer als ich.

Waren die Achtundsechziger Wohltäter oder Gewalttäter?

Sie haben viel Gutes gebracht. Für die Kindererziehung, die Emanzipation der Frauen, den Umweltschutz und die Dritte Welt. Auf der anderen Seite steht natürlich die Gewalt, der Terror der RAF, den viele mit ihnen verbinden.

Manch einer spricht vom Machtkartell der Altachtundsechziger, die ihre Vergangenheit schönfärben.

Nehmen wir Joschka Fischer. Er hat damals Steine geworfen, heute ist er beinahe ein Oligarch. Es kommt darauf an, wie stark einer die Macht will. Und was sie dann mit einem tut. Wo Rudi heute wäre, weiß ich natürlich nicht. Aber ich glaube, er wäre immer noch in der Opposition, in der Kritik.

Teilen Sie seine Fundamentalkritik am Kapitalismus?

Der Abstand zwischen Reich und Arm wird größer, das ist schlecht. Aber gleichzeitig geht es uns ja, grob gesagt, ganz gut in der Welt, die Zahl der Armen nimmt ab. Deshalb glaube ich nicht, dass wir den Kapitalismus niederkämpfen sollten.

Besitzen Sie Erinnerungsstücke, die Sie mit Ihrem Vater verbinden?

Wir haben keinen Rudi-Schrein, wenn Sie das meinen. Seine Baskenmütze hätte ich gerne, aber die ist verschwunden. Genauso wie seine Marx-Engels-Ausgabe, die bei einem Umzug in einer Kiste im Keller stehen geblieben sein muss. Aber ich habe immer noch einen gelben Intercity, einen Märklin-Zug, den er mir einmal geschenkt hat.

Die Dutschkes 1970: Gretchen, Polly-Nicole, Rudi und Hosea-Che (von links) .

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