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Hosea-Che Dutschke : Wie lebt es sich als Sohn von Rudi Dutschke?

Der Vater Rudi Dutschke war ein fulminanter Redner, eine Sportskanone noch dazu. Mit dem Megafon in der Hand wurde er zur Ikone der Studentenbewegung. Einmal soll er mit seiner Frau Gretchen, einer Amerikanerin, eine Ladung Sprengstoff für einen Anschlag auf ein amerikanisches Kriegsschiff im Kinderwagen durch Berlin geschoben haben, den Säugling Hosea-Che zur Tarnung obendrauf. Der Anschlag wurde nie verübt, das Dynamit ist verschwunden – falls es je existiert hat. Am Gründonnerstag 1968 fuhr Dutschke mit dem Fahrrad zu einer Apotheke, um Nasentropfen für seinen Sohn zu besorgen. Dort schoss der Hilfsarbeiter Josef Bachmann mit einem Revolver dreimal auf ihn und verletzte ihn lebensgefährlich. Danach verließ die Familie Deutschland, fand 1971 nach einer Odyssee kreuz und quer durch Europa Zuflucht in Dänemark. Rudi Dutschke wurde Dozent an der Universität in Aarhus.

Wie war Ihre Kindheit in Dänemark?

Wir wohnten zuerst auf einem Bauernhof, in einem Dorf an der Ostsee. Das war idyllisch, mit vielen Tieren. Es war eine Kommune, drei oder vier Familien mit vielleicht einem Dutzend Kinder.

Wie ging es in dieser Kommune zu?

Nicht so, wie manche sich das vorstellen. Man musste jedenfalls nicht immer nackt herumlaufen, um ein politisches Signal zu senden. Später sind wir in die Stadt gezogen, in eine normale Wohnung. Aber wir hatten einen mit Blumen bemalten Mercedes, das war mir und meiner Schwester ein bisschen peinlich. Und das Essen war manchmal komisch. Ich erinnere mich an Sachen wie Weizenkleie und biodynamische Leber.

Legte Ihr Vater darauf Wert?

Nein, das war ganz klar meine Mutter. Rudis Prinzip war da sehr pragmatisch: Man braucht eben etwas zu essen, um Politik machen zu können.

Hatte er Zeit für die Familie?

Anfangs waren wir fast immer zusammen, er musste nach dem Attentat ja erst einmal gesund werden. Später fuhr er öfter nach Deutschland, die Politik nahm wieder mehr Zeit in Anspruch, es ging um die Gründung der Grünen. Dann war der Rest der Familie allein. Aber wenn er da war, dann war er sehr präsent. Ich erinnere mich an viele Fußballspiele im Park. Das Schachspielen hat er mir auch beigebracht.

Wissen die Dänen Bescheid über Rudi Dutschke?

Mein Sohn hat im Gymnasium sogar einen Text von ihm durchgenommen! Insgesamt wissen die Jüngeren aber weniger darüber als Leute über fünfzig.

Ihre Mutter ist mit Ihren jüngeren Geschwistern 1985 nach Amerika gezogen. Warum sind Sie hier geblieben, mit gerade einmal 17 Jahren?

Ich war verliebt, hatte gerade die Frau kennengelernt, mit der ich heute noch zusammen bin. Das war wichtiger. Und mit dem dänischen Bafög konnte ich mir eine eigene Wohnung leisten.

Wie eng ist Ihr Verhältnis zu Mutter, Schwester und Bruder heute?

Meine Schwester Polly lebt mit ihrer Familie hier in Aarhus, wir sehen uns häufig. Sie ist Leiterin eines Pflegeheims, ich bin also gewissermaßen ihr Vorgesetzter. Mein Bruder Marek mit seiner Familie und meine Mutter wohnen in Berlin, wir sprechen oft miteinander. Weihnachten wollen wir dieses Jahr alle zusammen hier in Aarhus feiern.

Sind die Dänen wirklich so glückliche Menschen, wie es immer heißt?

Sie sind auf jeden Fall glücklicher als die Deutschen. Sie vertrauen einander mehr, nur so kann der Wohlfahrtsstaat funktionieren. Und das liegt auch daran, dass die Bürokraten so tüchtig sind und dass es nicht jede Woche Skandale gibt.

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