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Hosea-Che Dutschke : Wie lebt es sich als Sohn von Rudi Dutschke?

Wie aufs Stichwort steckt die Sozialdezernentin von Aarhus ihren Kopf zur Tür in Dutschkes Büro hinein, seine Vorgesetzte. Es gibt etwas zu besprechen: Die Lokalzeitung berichtet auf der Titelseite über sinkende Zufriedenheit der Pflegebedürftigen in der 330.000 Einwohner zählenden Stadt am Kattegat. Das beeinträchtigt ein wenig die Stimmung im Rathaus. Im großen Saal probt ein Chor für den Festakt zum Abschluss des Jahres, in dem Aarhus sich Europäische Kulturhauptstadt nennen durfte, auf dem Programm steht „Freude, schöner Götterfunke“. Und im Topf einer Zimmerpflanze in Dutschkes Büro stecken zwei kleine Deutschlandfähnchen, Mitarbeiter haben sie bei der Weihnachtsfeier am Vorabend dort platziert.

Müssen Sie jetzt in eine Krisensitzung?

Nein, aber eine kleine Krise ist es gerade schon für uns. Wir haben Pflegeheime, da ist die Zufriedenheit der Bewohner prima. Aber in der häuslichen Pflege ist sie im Vergleich zum Vorjahr zurückgegangen.

Woran liegt es?

Wir mussten in der Pflege in den vergangenen Jahren zwei Prozent sparen. Einige Mitarbeiter sind unzufrieden, und wenn sie unzufrieden sind, setzt sich das bei den Leuten fort, die sie pflegen sollen. Das können wir nicht von einem Tag auf den anderen lösen, aber in ein paaar Monaten hoffentlich schon.

Wie soll das gehen, ohne ihnen mehr Geld zu bezahlen?

Man muss ihren Frust ernst nehmen. Ich war in den vergangenen Wochen draußen und habe mit den Leuten geredet. Wir haben ein neues IT-System, das hat auch zu mehr Arbeit und etwas Ärger geführt.

Ihre Chefin gehört zur Dänischen Volkspartei, das sind in Dänemark die Rechten. Wie kommen Sie mit ihr zurecht?

Das klappt gut. Der Stadtrat ist in der Mehrheit rot, aber in Dänemark gehört es dazu, dass auch die Opposition einen Platz im hauptamtlichen Magistrat bekommt. Und mit der Volkspartei ist es so: Sie ist rechts, wenn es um Einwanderer geht. Aber wenn es um den Wohlfahrtsstaat geht, will sie nichts privatisieren und schon gar nicht die Steuern senken.

Haben Sie als Verwaltungsbeamter in einer Krise überhaupt Gestaltungsmöglichkeiten? Ein Mitspracherecht?

Nicht unbedingt in der Öffentlichkeit, man soll ja nicht blöd sein. Aber man kann schon die richtigen Signale geben und auf diese Weise Einfluss nehmen. Ich war einer der Gründer der „Vereinigung für meinungsfreudige Bürokraten“ in Dänemark. Weil ich glaube, dass wir eine bessere Gesellschaft schaffen, wenn wir auch unsere Meinung sagen.

Aber die Machtverteilung ist klar.

Logo. Das ist natürlich ein Dilemma. Du hast in der Verwaltung immer einen Vorgesetzten, einen Politiker, der möglicherweise sagt: Halt die Schnauze! Und wenn mir der Stadtrat sagt, du bist draußen, dann bin ich draußen.

Warum hat Ihr Vater die Bürokratie überhaupt so scharf kritisiert?

Er wusste, dass Macht korrumpiert und mehr Macht mehr korrumpiert. Und damit hat er ja auch ewig recht. Deshalb versuchen wir, die Verwaltung so transparent wie möglich zu halten, offen zu sein für jede Art von Kritik. Meistens funktioniert das, manchmal nicht.

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