https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/honorarkonflikt-mit-den-aerzten-theaterdonner-11889378.html

Honorarkonflikt mit den Ärzten : Theaterdonner

  • -Aktualisiert am

Im Konflikt mit den Ärzten geht es nicht allein um die Höhe der Honorare. Die Funktionäre vieler freier Verbände nutzen vielmehr die Chance, für ihre Organisationen zu werben. Dort wird ein großer Teil des Theaterdonners im angeblichen Honorar-Drama orchestriert.

          2 Min.

          Vor den Honorarverhandlungen mit den Krankenkassen am Samstag plustern sich die Ärztefunktionäre mächtig auf. 75 Prozent der niedergelassenen Mediziner seien zur Praxisschließung bereit, wollen deren Verbände glauben machen. Doch bei Lichte besehen, hat nur einer von drei Kassenärzten an der Abstimmung teilgenommen, und nur jeder vierte nennt die befristete Praxisschließung eine Option. Das ist im chronisch zerstrittenen Medizinerlager - allein den Briefkopf der „Ärzteallianz“ zieren fast drei Dutzend Verbände - eine Leistung. Doch ob die ausreicht, die Kassen erzittern zu lassen, damit sie doch noch 3,5 Milliarden statt 270 Millionen Euro über den Tisch schieben, darf bezweifelt werden. Elf Prozent Gehaltsplus wären auch im üppigen Tarifjahr 2011/2012 einsame Spitze.

          5500 Euro netto im Monat

          Überhaupt ist es die Frage, ob die Verbitterung an der Basis über angeblich zu niedrige Einkommen und unzumutbare Arbeitsbedingungen so groß ist, dass Ärzte Patienten vor der Türe stehen lassen werden. Das von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung errechnete monatliche Durchschnittsgehalt eines Arztes von 5500 Euro netto (einschließlich Privatabrechnungen) dürfte Patienten kaum veranlassen, beim Kleben von Protestplakaten an der Praxistür Hand anzulegen. Das Verlangen nach einem Inflationsausgleich ist berechtigt. Allerdings gelten für die Ärzte die gleichen Grundsätze wie für Krankenhäuser und Apotheker. Die Politik hat Zuwächse gekappt, bei der Pharmaindustrie sogar Zwangsabgaben zur Sanierung der Kassen eingeführt. Käme die Politik den Ärzten im Vorwahljahr entgegen, wären auch Apotheker, Krankenhausgeschäftsführer und Pharmamanager nicht weit. Das ist weder im Interesse von Gesundheitsminister Bahr (FDP) noch der Koalition.

          Bild: dpa

          In dem Konflikt, den die Kassen im Verteilungskampf um Beitragsgelder fahrlässig befeuert haben, geht es nicht allein um die Höhe der Honorare. Auffällig ist, dass der mitgliederstarke Verband der Hausärzte sich gar nicht erst beteiligt hat und sogar von Praxisschließungen abrät. Die Funktionäre vieler freier Verbände aber nutzen die lang ersehnte Chance, für ihre Organisationen zu werben. Dort wird ein großer Teil des Theaterdonners im angeblichen Honorar-Drama orchestriert. Denn im Alltag stehen die Verbände oft bis zur Unkenntlichkeit im tiefen Schatten der die Honorare verteilenden Kassenärztlichen Vereinigungen.

          In dem Konflikt, den die Kassen im Verteilungskampf um Beitragsgelder fahrlässig befeuert haben, geht es nicht allein um die Höhe der Honorare. Die Funktionäre vieler freier Verbände nutzen die Chance, für ihre Organisationen zu werben. Dort wird ein großer Teil des Theaterdonners im angeblichen Honorar-Drama orchestriert.

          Andreas Mihm
          Wirtschaftskorrespondent für Österreich, Ostmittel-, Südosteuropa und die Türkei mit Sitz in Wien.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Der deutsche Wirtschaftsminister Robert Habeck bei einer Panel-Diskussion auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos

          Weltwirtschaftsforum : Habeck wirbt für einen Öl-Höchstpreis

          Die großen Ölverbraucher-Staaten sollen sich auf einen Höchstpreis einigen, zu dem sie Öl kaufen – das schlägt der deutsche Wirtschaftsminister in Davos vor. Er ist nicht der einzige.
          Der Hafen der Matsu-Insel Nangan

          Taiwanische Matsu-Inseln : Wo China wie Russland angreifen könnte

          Die Matsu-Inseln gehören zu Taiwan, aber viele ihrer Bewohner sehen sich als Chinesen. China beansprucht sie für sich – und testet die taiwanische Regierung mit ständigen Territorialverletzungen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.