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Honorarerhöhung : Wettbewerb um die Apotheker

  • -Aktualisiert am

Nettes Geschenk: Honorarerhöhung für Apotheken in Höhe von 100 Millionen Euro Bild: dpa

Die wirtschaftliche Lage der Pharmazeuten hat sich verbessert. Denn Gesundheitsminister Gröhe erhöht die Honorare. Doch eine Klage trügt den Schein der guten Laune.

          Die Apotheker hatten es dem Gesundheitsminister ein bisschen krummgenommen, dass der in den vergangenen Jahren ihre Jahrestagung gemieden hatte. Doch der Ärger wird verflogen sein, wenn Hermann Gröhe an diesem Mittwoch in München vor den Deutschen Apothekertag tritt. Denn der CDU-Politiker hat ein hübsches Geschenk im Gepäck: den am Vormittag vom Kabinett verabschiedeten Arzneimittelgesetzentwurf. Darin ist für die knapp 16.000 Apotheken eine Honorarerhöhung von 100 Millionen Euro eingeplant. Wenn das kein nettes Mitbringsel ist.

          Nicht, dass die Erhöhung der Honorare für selbstgefertigte Rezepturen oder die zusätzliche Vergütung des Dokumentationsaufwands für Betäubungsmittel nicht gerechtfertigt wäre. Sie ist sogar überfällig. Ob das auch für das ebenfalls in dem Gesetzentwurf vorgesehene Verbot von Rabattverträgen für speziell angerührte Arzneien zur Krebstherapie gilt, muss man dagegen bezweifeln. Denn das Argument, die Versorgungsverträge der Kassen mit bestimmten Pharmazien schränkten die freie Wahl des Apothekers durch den Patienten ein, klingt besser, als es in Wirklichkeit ist. Erstens gibt es nur wenige Apotheker, die diese Dienste überhaupt anbieten, zweitens werden sie in enger Kooperation mit dem behandelnden Arzt ausgesucht. Mit der freien Apothekenwahl ist es in dem Fall schon heute nicht ganz so weit her. Der heftige Widerstand der Apotheker gegen die preissenkenden Rabattvereinbarungen dürfte also weniger der Sorge um den Patienten gelten als der Furcht um das eigene Einkommen.

          Gröhe kann die Apotheker also gleich mit zwei geldwerten Botschaften erfreuen. Für Ordnungs- und Wettbewerbspolitik ist Gröhe ja auch nicht zuständig. Die sind das Metier des Wirtschaftsministers. Doch Sigmar Gabriel hat das Gesetz mitgezeichnet und sich nicht gegen das Verbot der Rabattverträge gestellt. Dass die Apotheker auf den SPD-Vorsitzenden nicht gut zu sprechen sind, hat daher einen anderen Grund. Auf ihr Verlangen nach einer Anhebung der 2013 auf 8,35 Euro festgelegten Gebühr, die sie für jede ausgegebene Pillenschachtel und Salbentube bekommen, hat Gabriel schon im vergangenen Jahr mit einer fiesen Hinhaltetaktik reagiert. Zunächst müsse man ein Gutachten dazu abwarten. Das soll erst im Herbst nächsten Jahres vorliegen – also nicht mehr vor der Wahl.

          Gesetzgeber gibt Takt vor

          Gröhe wird damit ohne viele Worte im Vorwahljahr eine wichtige parteipolitische Botschaft los: Es ist vor allem die Union, die sich um die Apotheker kümmert. So kann er die Seele der Pharmazeuten streicheln, die sich und ihre tragende Rolle im Gesundheitswesen viel zu wenig gewürdigt sehen. Immerhin aber hat sich ihre wirtschaftliche Lage entspannt. Seit 2012 geht es bergauf. Auch im ersten Halbjahr haben die Apotheken ihren Gewinn ausgeweitet. Sie partizipieren an den wachsenden Gesundheitsausgaben.

          Im strikt regulierten Apothekengeschäft gibt der Gesetzgeber den Takt vor. Dem geschickt wirtschaftenden Kaufmann bleibt dennoch viel Raum, um sich zu behaupten. Nicht allen gelingt das, wie die stete Zahl der Apothekenschließungen zeigt. Aber das gehört zum Bild eines freien Berufs dazu. Es sind die kleinen Pharmazien mit weniger als einer Million Euro Umsatz und jene in den Randlagen der Städte, die sich schwertun. Ohne striktes Kostenmanagement und modernes Marketing kann ein Apotheker nicht überleben. Die Änderungen der Besitzverhältnisse zeigen das deutlich. Die Zahl der Apotheker, die nur eine Apotheke betreiben, sinkt, die Zahl derer, die noch bis zu drei Nebenstellen ihr Eigen nennen, steigt. Haben die Pharmazeuten das wirtschaftspolitisch falsche Verbot von Fremdbesitz und die Kettenbildung nur verteidigt, um es durch Kleinketten selbst auszufüllen

          Apotheker genießen großes Vertrauen

          In der Politik rührt niemand am geltenden Recht. Die Apotheker genießen bei den Leuten großes Vertrauen. Mit ihnen legt sich Politik so ungern an wie mit den Ärzten. Immerhin hat sich die Kommunikationsweise der Apotheker entspannt. Unter Führung ihres Verbandspräsidenten Friedemann Schmidt wird mehr auf Information als auf Konfrontation gesetzt. Ob die Apotheker den konstruktiven Kurs bei der Präsidentenwahl im Dezember honorieren werden?

          Bis dahin sollte auch Klarheit in einer Angelegenheit herrschen, die die Szene zunehmend nervös macht. Kommenden Mittwoch will der Europäische Gerichtshof die Frage klären, ob ausländische Versandapotheken deutschen Kunden einen Bonus zahlen dürfen, wenn sie ihr Rezept dort einlösen. Wieder versucht der niederländische Versandhändler Doc Morris den Apothekenmarkt aufzumischen. Die Chancen, dass es diesmal klappen könnte, stehen nicht ganz schlecht.

          Sollte der Gerichtshof den Bonus erlauben, droht deutschen Apothekern auch bei den rezeptpflichtigen Arzneien, die mehr als 80 Prozent des Marktes ausmachen, ein verschärfter Wettbewerb durch den Versandhandel. Dann dürften Forderungen nach dessen Verbot wieder auf den Tisch kommen. Der Applaus, den Gröhe vom Apothekertag mitnimmt, ist nur eine Anzahlung der Apotheker auf weitere Unterstützung.

          Andreas Mihm

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

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