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Demonstrationen in Hongkong : Zwischen Kommunisten und Milliardären

Die Demonstrationen in Hongkong dauern an. Bild: Reuters

Sie fühlen sich zerrieben: Hinter der Rebellion in Hongkong steht die Verzweiflung der Menschen über den Raub ihrer Chancen.

          3 Min.

          Am Wochenende dürften wieder Tränengasschwaden durch Hongkongs Straßenfluchten ziehen, während Demonstranten Katz und Maus mit der Polizei spielen. Die Demonstranten treten für eine größere Unabhängigkeit ihrer Stadt gegenüber dem chinesischen Mutterland ein. Provoziert wurden sie durch das brutale Vorgehen der Polizei und die Sprachlosigkeit der von Peking gesteuerten Politiker.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Ihrer Wut zugrunde aber liegt die wirtschaftliche Lage, in die sich die Sonderverwaltungszone Chinas manövriert hat: „Viele von uns sehen keine Zukunft mehr. Wir werden uns nie eine Wohnung leisten können. Wir sollen rund um die Uhr schuften. Dabei aber überholen uns die Festlandchinesen, die zuwandern, jeden Tag“, fasst der junge Mann, der sich Jack nennt, ihre Sicht auf die Welt zusammen. Er ist 24 Jahre alt und arbeitet in der Finanzbranche der Geld-Drehscheibe Asiens. Seinen vollen Namen will er im Gespräch mit dieser Zeitung nicht nennen.

          Die Sicht des Rebellen wird von nackten Zahlen unterstützt. Seit 2003 haben sich die Häuserpreise in Hongkong in etwa verdreifacht. Bilder jener, die in den berühmt-berüchtigten „Käfigwohnungen“ hausen, gehen seit Jahren um die Welt. In mehreren Ranglisten ist die Stadt der teuerste Immobilienstandort der Welt. Die Gehälter aber blieben im selben Zeitraum in etwa auf gleicher Höhe.

          Beträgt das monatliche Durchschnittseinkommen 17.500 Hongkong Dollar (2005 Euro), liegt die durchschnittliche Monatsmiete eines Einzimmerappartements bei 16.500 Hongkong Dollar. „Hongkong ist seit langem ein Schnellkochtopf“, warnt der unabhängige Ökonom Andy Xie. Einst musste er die Investmentbank Morgan Stanley verlassen, nachdem er dem Stadtstaat Singapur unterstellt hatte, vor allem dank des Aufsaugens von Schwarzgeldern aus Indonesien zu wachsen.

          Das soziale Gefälle ist enorm

          Die amerikanische Heritage Foundation hat Hongkong mehrfach zur „freiesten Wirtschaft der Welt“ ernannt. Was sich gut anhört, trägt Züge von Wildwest. Denn so, wie sie in Hongkong gelebt wird, kommt diese Freiheit mit enormen Risiken für die Mehrheit der gut 7 Millionen Menschen – das soziale Gefälle ist enorm. Im Mai vergangenen Jahres hielten die 21 reichsten Hongkonger 1,83 Billionen Hongkong Dollar (206,3 Milliarden Euro) – in etwa so viel, wie die gesamten Reserven des Verwaltungsgebietes. Sie profitieren von einer Gewinnsteuer von nur 16,5 Prozent – noch geringer als diejenige Singapurs und wesentlich niedriger als die des Durchschnitts der G-20-Länder (28 Prozent).

          Die Spekulationen, die den Immobilienmarkt unter Druck halten, werden von wenigen Superreichen und der Stadtverwaltung getrieben. Insofern betrachten viele aus der Mittelschicht die Tycoons und die Verwaltung als zwei Seiten einer Medaille, die dazu noch in den Händen der kommunistischen Diktatur in Peking liegt.

          In dieses Bild passt, dass die Superreichen zeitgleich mit der Stadtverwaltung vor dem wirtschaftlichen Abstieg warnen. Der Gleichklang bestätigt viele Demonstranten in dem Eindruck, einer von Peking gelenkten Front aus Partei und Geld entgegenzustehen. „In Singapur gibt es wenigstens eine Art Wahl und eine Regierung, die Probleme mildert“, sagt Jack. Die engen Verbindungen der Wirtschaftsführer nach Peking kennt in Hongkong jeder Schüler. Oft wird darüber gelächelt, dass sie die kommunistische Regierung beraten und dafür Zugangsrechte zum riesigen Markt in Festlandchina erhielten.

          Hong Kong als Finanzdrehscheibe

          Xie nimmt kein Blatt vor den Mund: „Sie sind das Problem. Sie müssen normale Geschäftsleute werden, ohne den politischen Einfluss und ohne die ganze Stadt zu steuern.“ Wenig spricht dafür, dass dies Wirklichkeit würde. Rund 60 Prozent der für China so wichtigen Auslandsinvestitionen laufen über Hongkong. Im Umkehrschluss nutzt Peking die Finanzdrehscheibe, um von hier aus seine Investitionen zu tätigen. Während die über die Stadt geleiteten Investitionen innerhalb von fünf Jahren um fast 90 Prozent zulegten, stiegen die aus Festlandchina „nur“ um 28 Prozent.

          Festlandchinesische Firmen stehen für ein Volumen von rund 9 Milliarden der insgesamt 11 Milliarden Dollar, die die Börse in Hongkong in diesem Jahr über Börsengänge erzielte. Hinter vorgehaltener Hand haben mehrere Unternehmen nun schon erklärt, sie würden geplante Börsengänge aufhalten. Auch beim Handelshaus Alibaba herrscht seit Wochen Schweigen zu seinem Mega-Börsengang über 20 Milliarden Dollar in Hongkong.

          Allerdings könnte auch dies schon durch die Handelsauseinandersetzungen getrieben sein und nun politisch gegen die Proteste gemünzt werden. Chinas Direktinvestitionen in Hongkong stehen bei gut 600 Milliarden Dollar – gut 70 Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung der Stadt.

          Bislang beschränken sich die Kommunisten auf unverhohlene Drohungen gegen die Rebellen und kosmetische Korrekturen ihres eigenen Kurses: Um erste Schäden aus den Auseinandersetzungen und derjenigen, die durch den Handelsstreit zwischen China und Amerika entstehen, zu mildern, hat die Verwaltung der Stadt 19,1 Milliarden Hongkong Dollar versprochen.

          Zuvor hatte Finanzverwalter Paul Chan die Wachstumserwartung Hongkongs für dieses Jahr von 2 bis 3 Prozent auf 0 bis 1 Prozent zusammengestrichen. Im zweiten Quartal lag die Wachstumsrate nur bei 0,5 Prozent im Jahresvergleich – der niedrigste Wert seit der internationalen Finanzkrise 2008.

          Allerdings überraschen die niedrigen Werte nicht wirklich: Denn auch der konkurrierende Finanzplatz Singapur hat seine Wachstumserwartung gerade im selben Maße zusammengestrichen – ganz ohne Aufruhr als Ursache. Auch wenn die Verwaltung Hongkongs dies anders darstellt, lässt sich in ihren Zahlen bislang weniger der Einfluss der Demonstrationen ablesen als die Folge des Handelskonflikts.

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