https://www.faz.net/-gqe-6vrmv

Holzindustrie : Die Palettenmacher

  • -Aktualisiert am

Moderne Klassiker: Europaletten sorgen für einen reibungslosen Warenfluss Bild: Setzer, Claus

Viele Waren werden auf Euro-Paletten transportiert. In einem kleinen Ort in Baden-Württemberg gibt es gleich drei Hersteller. Aufgrund der hohen Rohstoffpreise bringt selbst Sägemehl inzwischen Geld.

          3 Min.

          Elf Bretter, neun Klötze und etwa 90 Nägel. Mehr braucht es nicht zur Herstellung einer Euro-Palette. Das Transportmittel gibt es nun schon seit etwas mehr als fünf Jahrzehnten. Euro-Paletten sind schon fast ein Klassiker, ohne die heute kaum noch jemand beim Warentransport auskommt. Ein kleines Zentrum der deutschen Palettenherstellung befindet sich in Baden-Württemberg - im oberschwäbischen Rot an der Rot.

          Auf den ersten Blick wirkt der kleine Ort an der Schwäbischen Barockstraße mit seinen etwas mehr als 4000 Einwohnern etwas verschlafen. Er fällt auf durch schmucke und liebevoll renovierte Häuser. Aber auf einmal taucht an der Landstraße ein Hinweisschild mit mehreren Unternehmensnamen auf. In Rot an der Rot gibt es drei mittelständische Hersteller von Paletten. Sie heißen Lämmle, Rau und Sailer. Der vierte im Bunde stellt sie nicht mehr selbst her, sondern handelt inzwischen nur noch mit Paletten. Der Grund: Im Februar 2010 ist im örtlichen Holzwerk Schilling die Produktion abgebrannt, berichtet Michael Laupheimer von der Holzwerk Schilling KG. Die eigene Palettenfertigung sei nicht mehr aufgebaut worden. Doch das Holz, das der Betrieb mit seinen rund 90 Mitarbeitern zusägt, wird unter anderem auch zur Produktion von Paletten verwendet.

          Selbst Sägemehl bringt Geld

          Schilling ist das größte Sägewerk im Bunde. Es liefert auch Dielen oder Holzbriketts: Im nahe gelegenen Schwendi werden davon 15 Tonnen am Tag hergestellt. Selbst der vermeintliche Abfall, das Sägemehl, bringt Geld. „Vor acht oder neun Jahren war das noch kein Rohstoff“, sagt Laupheimer, der bei Schilling für den Einkauf von Rundholz zuständig ist.

          Eigentlich sind die vier Unternehmen Konkurrenten. Doch die Familien kennen sich seit Jahren und sind befreundet. In Rot an der Rot macht das Quartett gemeinsam Werbung. So unterstützen sie die örtliche Damenmannschaft im Fußball. Auf den blauen Trikots steht der Schriftzug „Paletten aus Rot“, wie Dieter Lämmle, von der Lämmle Holzverarbeitung GmbH berichtet. Das Familienunternehmen mit 140 Mitarbeitern stellt jedes Jahr 500.000 Paletten her; sie sind in 250 verschiedenen Größen zu haben. Während die Euro-Palette aus Nadelholz besteht, wird in der Getränkeindustrie eher auf Hartholz gesetzt. „Dort müssen die Paletten besonders stabil sein“, sagt Lämmle. Das Unternehmen mit einem Jahresumsatz von 15 Millionen Euro stellt auch Wintergärten, Obstkisten sowie Spezialkisten für den Transport von Maschinen her.

          Klassiker für den reibungslosen Warenfluss

          Während der Wirtschaftskrise vor zwei Jahren habe der Einbruch im Bereich Paletten rund 30 Prozent betragen. Der Verpackungsbereich sei hingegen erst ein Jahr später von der Krise getroffen worden. Doch der Mittelständler produziert nicht nur den Klassiker für die Warenwirtschaft, sondern er bietet auch Lagerhaltung für externe Unternehmen an.

          Alle vier Unternehmen haben mal als Sägewerke angefangen. Die umliegenden Wälder lieferten einst den Rohstoff. Heute wird das Holz auch noch aus dem süddeutschen Raum bezogen. Die rund 150 Betriebe der Holzpackmittel-, Paletten- und Exportverpackungsindustrie werden nach Angaben des Branchenverbandes in diesem Jahr einen Umsatz von rund 1,3 Milliarden Euro erwirtschaften, wie Verbandsgeschäftsführer Siegfried von Lauvenberg berichtet. Die in der Statistik erfassten Betriebe zählen zusammen rund 6900 Mitarbeiter. Für 2012 rechnet der Branchenverband mit einer Stagnation des Geschäfts. Die Konkurrenz der deutschen Palettenhersteller sitzt in Osteuropa, vor allem in Polen, in Tschechien oder auch in Weißrussland. Die Betriebe in Deutschland, in der Statistik sind nur Unternehmen mit mindestens 20 Mitarbeitern erfasst, haben in diesem Jahr ihre Produktion um 10 Prozent auf 87 Millionen Paletten steigern können. Geht es der Wirtschaft gut, wird der Klassiker für den reibungslosen Warenfluss benötigt.

          „Der private Waldbesitzer orientiert sich am Staatswald“

          Noch sind die Hersteller gut ausgelastet. Doch Anton Sailer, dessen Betrieb mit 20 Mitarbeitern sich auf Sonderpaletten spezialisiert hat, berichtet, dass es schon vereinzelt den einen oder anderen Kunden gibt, der vorsichtiger bei der Bestellung von Ware geworden ist. Bis zum Sommer habe sich der Mittelständler vor Aufträgen nicht retten können. „Sie kommen weiterhin, aber nicht mehr in den Mengen.“ Sailer produziert eher Ware auf Abruf. Sein Kollege vom Rau Palettenwerk GmbH Co KG setzt hingegen auf die klassische Lagerhaltung. In dem Unternehmen steht nicht die klassische Euro-Palette im Vordergrund, sondern die Einwegpalette oder Palette für die chemische Industrie. Einen Unterschied macht dabei die Stärke der Bretter aus.

          Allen vier Unternehmen macht der hohe Holzpreis zu schaffen. Holz sei ein Rohstoff, wie Stahl oder Öl, sagt Sailer. Er und seine Kollegen klagen auch, dass zu wenig Holz eingeschlagen wird. Und die Kommunen und das Land würden ihre Monopolstellung ausnutzen, wenn es um den Holzpreis gehe. Der Preis werde von den Waldbesitzern diktiert, klagen sie unisono und fügen hinzu: „Und der private Waldbesitzer orientiert sich am Staatswald.“

          Wenig ausländische Konkurrenz

          Rund 500 Millionen Euro-Paletten sind Schätzungen zufolge zurzeit auf der ganzen Welt im Umlauf. Die Euro-Palette kostet bei einem Mittelständler etwa 9 Euro das Stück. Ein Massenhersteller kann eine Palette für 8 Euro herstellen. Billigware kann das Quartett aus Rot an der Rot nicht anbieten. Denn den Preis des Werkstoffes können sie nicht beeinflussen. Importe aus waldreichen Ländern Osteuropas seien keine Alternative, sagt Konstantin Rau. Denn durch das hohe Gewicht sind die Transportkosten dafür ziemlich hoch.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Wieder unterwegs, aber es gibt zu wenig Impfstoff: im „Impfexpress“ in Frankfurt am Main.

          Impfkampagne : Es ist zum Verzweifeln

          Schlange stehen, Engpässe, Impf-Tohuwabohu und nun doch die Impfpflicht. Man möchte laut rufen: Der Staat ist um des Menschen willen da, nicht der Mensch um des Staates willen.
          
              Will eine Impfpflicht einführen: Olaf Scholz kommt zum Bund-Länder-Treffen im Bundeskanzleramt an

          Corona-Politik : SPD und Union gehen getrennte Wege

          Noch regiert die große Koalition. Bei den Verhandlungen über neue Corona-Maßnahmen zeigen beide Partner den Willen zu einer allgemeinen Impfpflicht. Doch es wird auch klar, dass sie sich in Kürze trennen.
          Besonders schwere Fälle können nicht mehr verlegt werden, weil der Transport aufwändig ist.

          Patienten-Transporte : „Die Leute können nicht mehr“

          Erst half Deutschland seinen Nachbarländern – nun ist das Gegenteil der Fall: Corona-Patienten müssen ins Ausland verlegt werden. Nicht nur Bayern will auf internationale Hilfe setzen.
          Beratungszimmer vor dem Sitzungssaal im Bundesverfassungsgericht

          Urteil zur Bundesnotbremse : Karlsruhes Richtschnur für die Corona-Politik

          Erstmals äußert sich das Bundesverfassungsgericht zu den schwersten Grundrechtseingriffen in der Geschichte der Bundesrepublik – und sagt, dass sie alle zulässig waren. Für die Ampel-Parteien kommt der Richterspruch zur rechten Zeit.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.