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Erneuerbare Ressourcen : Der Wald als Rohstofflieferant

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Nur von den Bergen noch rauschet der Wald: Eichendorff nutzte den Wald poetisch – heute ist er Anschauungsobjekt der modernen Ressourcenökonomik Bild: dpa

In Deutschland gibt es Urwald – unberührt und naturnahe. Vor allem weil Holz als Baumittel und Energielieferant eigentlich ausgedient hat. Doch jetzt wird der Wald als Rohstoffquelle wieder wichtiger.

          Gebäude aus Holz zu errichten gilt als ökologisch beispielhaft und fortschrittlich. Einen alten Baum zu fällen, rühmt sich niemand. Der Wald zwischen Ökonomie und Politik – er ist Rohstoffquelle, Schutzgegenstand und Objekt vielerlei Vereinnahmung. Das größte Glück für den deutschen Wald ist derzeit der niedrige Erdölpreis. Dieser Satz ist erklärungsbedürftig. Es ist so: Deutschland hat sich für eine Energiewende entschieden. Erneuerbare Energien sollen an die Stelle der fossilen treten.

          Auf den Äckern wächst nicht nur Brotgetreide, es wachsen auch „Energiepflanzen“ wie Mais, aus denen Strom gemacht wird. Doch Strom ist nicht alles. Auch auf Öl basierende Werkstoffe – Plastik, Bau- und Dämmstoffe, Fette – sollen eines Tages aus nachwachsenden Quellen kommen, auch aus Holz, aus dem Wald.

          Energiewende heißt: Es lebe das Holz!

          Dem Wald steht einiges bevor. „Nutzungsdruck“ heißt das Wort in der kühlen Sprache moderner Ressourcenökonomik. Je mehr Energie und Material aus Pflanzen und Bäumen gewonnen wird, desto höher der Nutzungsdruck. In den vergangenen 20 Jahren stieg er, heißt es in der „Waldstrategie 2020“ der Bundesregierung. Und schon in fünf Jahren drohe eine „Holzlücke“, erwartet das staatliche Biomasseforschungszentrum Leipzig.

          Dabei ist es derzeit sogar so, dass der Wald mehr Holz birgt, als man dachte. Das zeigt die kürzlich veröffentlichte Waldinventur, die der Staat nur alle zehn Jahre unternimmt. Sie zeichnet das Bild einer Gegenwart, in der der Nutzungsdruck historisch niedrig ist. Denn vom Mittelalter bis ins späte 19. Jahrhundert hinein wurde mehr Holz entnommen als nachwuchs.

          Die Menschen brauchten es zum Kochen, Heizen und Bauen. Der romantisch beseelte Eichendorff-Wald war nie eine Realitätsbeschreibung, sondern eine Projektion im Vorgefühl eines tiefgreifenden industriellen Wandels. Seit Jahrzehnten ersetzen Öl und Gas das Brennholz, Beton das Bauholz, man kocht mit Strom. Doch Energiewende heißt auch: Renaissance des Holzes.

          In Deutschland gibt es „Urwald“

          Der Wald gefällt heute allen: Agrarminister Schmidt (CSU), seinen grünen Widersachern aus den Ländern, den Umweltverbänden. Denn die Holzvorräte steigen. Die Bäume werden immer älter. Und es wächst mehr Laubholz nach als Nadelholz, erstmals seit lange vor dem Zweiten Weltkrieg. Das ist ökologisch von Nutzen. Es bringt den Böden mehr Nährstoffe, es fördert die Artenvielfalt von Vögeln, es erhöht die Stabilität der Wälder, wenn ein Orkan über sie hinwegfegt. Historisch betrachtet, entwickelt sich der Wald „zurück zur Natur“. Mehr Buchen wachsen nach anstelle von Fichten, die Jahrzehnte für die industrielle Nutzung bevorzugt gepflanzt wurden. Mehr Alt- oder Totholz bleibt stehen.

          Statt radikaler Einschläge entnehmen Förster und die zwei Millionen privaten Waldbesitzer einzelne Stämme, damit Licht an den Boden scheint und junge Bäume nachwachsen. Fünf Prozent des Waldes sollen als „Urwald“ bis 2020 ganz aus der Nutzung herausgenommen werden.

          Der oberirdische und der unterirdische Wald

          Doch das Paradox ist: Dieser Ökowald ist ein Wald aus dem Zeitalter von Kohle und Erdöl. Denn es ist so, dass Wald desto naturnäher und romantischer sein darf, je mehr Energie aus fossilen Trägern gewonnen wird. Dasselbe gilt für die Landwirtschaft.

          Der Energiehistoriker Rolf Peter Sieferle prägte den Begriff vom „unterirdischen Wald“ für Kohle und Öl, die letztlich nichts anderes sind als über Millionen Jahre angesammelte Sonnenenergie in Form von konserviertem Wald. Je mehr vom „unterirdischen Wald“ sozusagen abgeholzt wurde, desto weniger ging es dem oberirdischen an die Wipfel.

          Der Strukturwandel „hin zu mehr nachwachsenden Ressourcen“ (Ilse Aigner) könnte den naturnahen Wald eines Tages in Frage stellen, auch wenn die staatlichen Stellen in ihren Broschüren über Waldstrategien den Eindruck erwecken, Ökologie und Ökonomie widersprächen sich nicht. Wird das Erdöl und wird die Kohle signifikant teurer, wird das zu einem Nutzungsdruck auf Feld und Wald führen, der der Waldpolitik von Bund und Ländern wieder einen Dreh in Richtung Ökonomisierung geben dürfte. Das hieße: schnellwachsende Bäume statt Buchen, die meist erst mit 100 Jahren gefällt werden. Plantagen. Vielleicht sogar Düngung, im Labor biotechnisch optimierte Bäume.

          Bioanbau wird den Wald zurückdrängen

          Auf der Internetseite des Bioökonomierats des Bundes gibt es einen Film, der verrät, wofür Holz und pflanzliche Stoffe genutzt werden: Bioplastik, Stärke, Kleidungsfasern aus Milch, Autoreifen aus Löwenzahn, Dübel aus Rizinusöl. „Die wachsende Erzeugung und Nutzung biobasierter Rohstoffe kann zu einer zunehmenden Belastung der Ökosysteme führen“, heißt es in einem Expertenbericht.

          Noch ist ein Drittel der deutschen Fläche Wald, die Hälfte Agrarland. Dieses reicht gerade aus, um den Nahrungs- und Futtermittelbedarf des Landes zu decken und ein wenig mehr. Sollte Ökoernährung gewünscht sein, reichte die Fläche bei weitem nicht. Und dann kämen die pflanzlichen Rohstoffe erst hinzu. Beim Wald als Rohstofflieferanten ist von Chancen der sparsameren und effizienteren Holznutzung die Rede, Reststoffnutzung, von Pappelplantagen auf Ackerflächen, die den „Nutzungsdruck“ auf den Wald reduzieren sollen. Wird das ausreichen?

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