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Hohe Messlatte : Apple nach der Zäsur

Die Begeisterung für Apple-Produkte scheint ungebrochen Bild: AFP

Mit fortdauernder Stärke hat der amerikanische Elektronikkonzern Apple ein Jahr der Zäsur überstanden. Doch es ist freilich kein Naturgesetz, dass der Wettbewerb an Apple abprallt. Die Angreifer werden gefährlicher.

          3 Min.

          Der amerikanische Elektronikkonzern Apple blickt auf ein Jahr der Zäsur zurück. Der Tod des Mitgründers und langjährigen Vorstandsvorsitzenden Steve Jobs bedeutete für Apple den Verlust einer Lichtgestalt und Identifikationsfigur, wie sie wenige Unternehmen jemals haben. Im Konzern beginnt eine neue Zeitrechnung, umso mehr, als der in seinem Wesen nüchterne neue Vorstandschef Tim Cook wie ein Gegenentwurf zum kapriziösen Jobs erscheint. Die sich aufdrängende Frage, ob Cook das Zeug hat, den unter Jobs so lange gehaltenen Erfolgskurs fortzusetzen, dürfte sich erst in einigen Jahren beantworten lassen. Allen berechtigten Zweifeln zum Trotz hat Cook einiges auf seiner Habenseite, freilich liegt die Messlatte hoch.

          Roland Lindner
          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          In seinem operativen Geschäft hat Apple einmal mehr ein Glanzjahr erlebt. Dabei beschränkte sich der Konzern im Wesentlichen auf die Evolution seiner bestehenden Produkte - und stieß keine Türen zu ganz neuen Märkten auf wie 2010 mit dem Tabletcomputer iPad. Es gab aufgefrischte Versionen des iPad und des internetfähigen Handys iPhone, die bei ihrer Vorstellung nicht einmal viel Applaus von Experten bekamen. Sie wurden Apple beim Verkaufsstart dann aber doch aus den Händen gerissen.

          Die fortdauernde Stärke lässt sich an Kennzahlen vom Umsatz bis zum Aktienkurs ablesen, vielleicht aber am besten an den gehäuften Missgeschicken der Konkurrenz. Viele prominente Rivalen sind in diesem Jahr gestrauchelt, auch durch Zutun von Apple. Der Smartphone-Pionier Research in Motion musste zusehen, wie der einst begehrte Blackberry zum Ladenhüter wurde. Der Handyhersteller Nokia sah sich wegen schwindender Marktanteile in einen Verzweiflungspakt mit dem Softwarekonzern Microsoft getrieben und musterte sein Smartphone-Betriebssystem Symbian aus. Der Technologiekonzern Hewlett-Packard schockte mit einer Beinahe-Kapitulation bei Personalcomputern, weil der mittlerweile entlassene Vorstandschef Léo Apotheker meinte, der Vormarsch des iPad nehme der Sparte die Perspektiven. Und dann war da noch die gefloppte Kollektivattacke der Branche auf das iPad. Aus der Flut von Tablets, die als iPad-Rivalen angepriesen wurden, haben die meisten die Verbraucher kaltgelassen.

          Freilich ist es kein Naturgesetz, dass der Wettbewerb an Apple abprallt. Vielmehr werden die Angreifer gefährlicher. Der Internetkonzern Google hat mit seinem Betriebssystem Android demonstriert, dass man auch dem iPhone Marktanteile abnehmen kann. Android-Tablets waren nicht annähernd so erfolgreich, aber Google wird nicht lockerlassen und versuchen, an der bisherigen Dominanz des iPad zu rütteln. Ebenso ernst zu nehmen ist der Online-Händler Amazon, im Vertrieb digitaler Inhalte schon länger ein großer Rivale von Apple und jetzt mit dem Tablet Kindle Fire ein neuer iPad-Herausforderer. Das Amazon-Gerät mag unausgereift sein, verkauft sich aber offenbar glänzend.

          Apple ist zutiefst von der Überlegenheit seiner Produkte überzeugt, das ist gewiss auch unter Tim Cook so. Trotzdem war sich das Unternehmen in jüngster Zeit nicht zu schade, sich auf Preiswettbewerb einzulassen, etwa mit verbilligten älteren iPhone-Modellen. Das ist ein Defensivmanöver, aber solcher Pragmatismus, wie ihn Cook sicher mehr verkörpert als sein Vorgänger, muss Apple nicht schaden. Es gibt mehr Indizien, dass Cook andere Akzente setzt, die für Apple und seine Aktionäre positiv sein könnten. So forciert er offenbar das für Apple immer wichtigere Segment der Unternehmenskunden, das Jobs wenig interessierte. Er hat Aufgeschlossenheit bekundet, eine Dividende zu zahlen, was ein Traditionsbruch wäre.

          Trotz härteren Wettbewerbs ist kaum zu fürchten, dass Apple in naher Zukunft in eine Krise rutscht. Der Konzern ist eine gut geölte Maschine, nicht zuletzt dank des operativen Geschicks von Cook als langjähriger rechter Hand von Jobs. Es gibt genug potentielle Katalysatoren für weitere Wachstumsschübe. China etwa, wo Apple eigentlich noch am Anfang steht und trotzdem schon einen zweistelligen Milliardenumsatz macht. Oder neue Produktkategorien wie den angeblich im nächsten Jahr kommenden Apple-Fernseher, an dessen Entwicklung Jobs noch großen Anteil gehabt haben soll.

          Steve Jobs war nicht nur ein Visionär, er hatte auch die Gabe, Verhandlungspartnern und Verbrauchern seine Visionen aufzuzwingen. Weil er diese Qualitäten vereinte, gelang ihm ein ums andere Mal ein großer Wurf, von iPod über iPhone bis iPad. Misst man Tim Cook allein an diesem Anspruch, wäre er zum Scheitern verurteilt. Aber die Führungskultur bei Apple in der Ära nach Steve Jobs ist eine andere. Cook wird das Geschehen nicht dominieren wie Jobs vor ihm, sondern starke Figuren neben sich haben, vom Designguru Jonathan Ive über Softwarechef Scott Forstall bis zu Eddy Cue, dem Verbindungsmann zur Medienindustrie. Ob Cook und sein Team es schaffen werden, Apple wieder und wieder neu zu erfinden wie in der Jobs-Ära, ist fraglich. Fähige Verwalter des Erbes von Steve Jobs dürften sie aber sein - und allein das dürfte den Erfolg von Apple auf Jahre sichern.

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