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Hochauflösendes Fernsehen : Leuchtender als jemals zuvor

Vor 40 Jahren kam die Farbe. Jetzt kommt die Schärfe ins Fernsehen. HDTV ist ein Milliardengeschäft - und eine Geschichte der Pleiten. An der Technologie kann es nicht liegen, es waren unterschiedliche wirtschaftliche Interessen.

          3 Min.

          Für den ARD-Vorsitzenden Peter Boudgoust ist dieses Wochenende, der Freitag, einen dicken Eintrag in die Geschichtsbücher wert. In Vancouver haben die Olympischen Winterspiele begonnen. Das ist interessant, doch das Fernsehen lenkt den Blick des Publikums lieber auf die neue Technik: Die Öffentlich-Rechtlichen senden das Geschehen auf Schnee und Eis jetzt durchgehend knackig-scharf im neuen Übertragungsstandard HDTV: "Leuchtender als jemals zuvor erstrahlt das Olympische Feuer in diesem Jahr für viele Fernsehzuschauer", dichten die ARD-PR-Menschen und ihr Chef Boudgoust setzt noch einen drauf: "Seit der Erfindung des Farbfernsehens ist dies die größte technische Innovation." Der Branchenverband Bitkom spricht von einer "neuen Ära".

          Thiemo Heeg

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Viel Lärm um eine Technologie, die zwar Milliardengeschäfte verspricht, deren Geschichte aber einer Pech-und-Pleiten-Serie gleichkommt. Diskutiert wird über HDTV seit Jahrzehnten. 1990 gründete sich eine "Deutsche HDTV-Plattform" als Lobbyorganisation der Wirtschaft. 2006 sollte die Fußball-WM den großen Durchbruch bringen. Es wurde eher ein Eigentor daraus. Wer sich damals in freudiger Erwartung einen großen Flachbildschirm zulegte, schaute - obwohl tatsächlich in HD-Qualität übertragen wurde - noch immer in die Röhre. Technische Probleme und ein Streit um die Kosten verhinderten, dass die breite Masse in den Genuss der neuen scharfen Technik kam. Selbst zur Berliner Funkausstellung im Herbst 2009 war in den Schlagzeilen noch mehr von Frust, Chaos und "trüben Aussichten" die Rede als vom Spaß am hochauflösenden Fernsehen ().

          Wer einmal HDTV genossen hat...

          Auf den ersten Blick unverständlich, denn an der Technologie kann es nicht liegen. Sie ist ausgereift. Wer einmal HDTV auf einem großen Flachdisplay genossen hat, mag nur ungern zur Unschärfe zurückkehren. "High Definition Television" bringt bis zu fünfmal mehr Bildpunkte auf den Bildschirm als traditionelle Fernsehsysteme wie das digitale SDTV und das analoge PAL. Mehr Bildpunkte (Pixel) bedeuten mehr Details und mehr Schärfe.

          Doch es waren unterschiedliche wirtschaftliche Interessen, die eine raschere Einführung behinderten. Warum auch sollte ein Gerätehersteller seine Produktion teuer umstellen, wenn noch nicht hochauflösend gesendet wird? "Ohne Programme bleibt auch der hochwertigste Bildschirm dunkel und nutzlos", konstatierte vor fünf Jahren treffend ein Statusbericht der Industrie. Andererseits: Warum sollte ein Fernsehsender hochauflösend senden, wenn noch keine Empfangsgeräte zur Verfügung stehen? Und wer, bitte schön, macht den ersten Schritt?

          Mitte des Jahrzehnts kam der Zug dann doch in Fahrt. Der schlanke Flachbildschirm löste immer mehr die voluminöse altmodische Fernsehröhre ab. Und da man schon dabei war, machte man die Geräte gleich "HD ready" - tauglich für die große und scharfe Zukunft. Die Kunden griffen zu: Die Statistik des Branchenverbandes gfu erzählt seither von unbändigen Wachstumsraten. 2005 standen in den Wohnzimmern zwischen Rügen und Freiburg knapp eine halbe Million hochauflösende TV-Geräte. 2006 wurden schon mehr als zwei Millionen verkauft. 2009 standen in Deutschlands Haushalten um die 20 Millionen hochauflösende Fernseher, und am Ende dieses Jahres sollen es rund 28 Millionen Stück sein.

          Die Fußball-WM als Nachfragetreiber

          Nach den Olympischen Spielen dürfte die Fußball-Weltmeisterschaft der nächste große Nachfragetreiber sein. Immerhin können die Zuschauer mit dem Start des HDTV-Regelbetriebs der Öffentlich-Rechtlichen 18 Programme in hochauflösender Qualität empfangen: Neben ARD/ZDF und Arte die privaten Programmfamilien um RTL und Pro Sieben Sat.1 sowie sieben HDTV-Kanäle des Bezahlfernsehsenders Sky, früher Premiere.

          Allerdings: Bis das Bild hochauflösend auf dem Bildschirm erscheint, bedarf es eines ausführlichen Studiums der Thematik. Beispielsweise ist über das teuer eingeführte digitale Antennenfernsehen DVB-T derzeit (und in absehbarer Zukunft) keinerlei HDTV-Empfang möglich - sondern nur über Kabel, Satellit oder Internet. Dafür benötigt der Liebhaber scharfer Bilder freilich noch eine sogenannte Set-Top-Box. Das ist ein Gerät zum Empfang des hochauflösenden TV-Signals. Mit einem "HD-Ready"-Gerät allein gibt es allenfalls das Programm in der bisherigen (Un-)Schärfe.

          Alles klar? Selbst Branchenverbände wie der Bitkom geben unumwunden zu, dass viele Zuschauer noch ziemlich ahnungslos hinsichtlich der HDTV-Tücken sind. Egal. Hauptsache ist doch, dass HDTV "im Zentrum Europas endgültig den Massenmarkt" erreicht hat, wie der Verband gfu resümiert. Wahrscheinlich leuchtender als jemals zuvor.

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