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Hitzewelle : Die Hitze kennt nur wenige Gewinner

Zwar brummt der Eisverkauf und die Biergärten sind gut besucht. Doch nur wenige Branchen profitieren von den hohen Temperaturen. Auch für die Gastronomie ist die Hitze kein Konjunkturmotor.

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          Biergärten sind gut besucht, der Eisverkauf brummt, und die Freibäder freuen sich zumindest zum Teil über ausgezeichnete Besucherzahlen. Was nicht so erfreulich ist: Auf dem Spotmarkt steigt der Strompreis, auch wenn die Gründe dafür in der Branche nicht nur auf die Hitze zurückgeführt werden. Grundsätzlich profitieren ohnehin nur wenige von den hohen Außentemperaturen, so etwa der Eishersteller Langnese oder mancher Getränkekonzern wie zum Beispiel Danone.

          Carsten Knop

          Chefredakteur digitale Produkte.

          Doch für die gesamte Gastronomiebranche ist die Hitze kein Konjunkturmotor. Und die Dürre hat zum Beispiel in Italien die Obst- und Gemüsepreise um bis zu einem Drittel in die Höhe getrieben. Hersteller von Klimageräten wie etwa das amerikanische Unternehmen Carrier registrieren zwar mehr Anfragen von Privatleuten als sonst üblich. Doch ist die private Nachfrage nach Klimaanlagen in Deutschland eher gering und nicht mit der in den Vereinigten Staaten vergleichbar. Die meisten Menschen haben Sorgen vor der Umweltbelastung durch den Einsatz der Anlagen - und gehen zur Abkühlung lieber in den Biergarten.

          "Selbstverständlich machen die Gastwirte, die über bewirtschaftete Außenflächen verfügen, ein gutes Geschäft", sagt deshalb der Sprecher des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga) in Berlin. "Doch gibt es ja auch viele Gaststätten, die solche Flächen eben nicht haben, oder zum Beispiel auch Kaufhausrestaurants und Discotheken. Die profitieren von den hohen Temperaturen nicht, im Gegenteil." Fraglich sei, ob die gut besetzten Biergärten den Umsatzverlust bei den anderen Anbietern in der Gastronomie auch nur annähernd kompensieren könnten.

          Verschiebung des Freiluft-Zapfenstreichs überfällig

          Die Branche brauche letztlich keine Sonne, sondern eine Aufhellung der konjunkturellen Lage. Hotels und Gaststätten treffen die Sparanstrengungen von Unternehmen und privaten Haushalten besonders hart. "Und ein Bier, das nicht getrunken wird, oder ein Hotelbett, das nicht belegt ist, kann nicht zu einem späteren Zeitpunkt verkauft werden. Da unterscheidet sich die Branche zum Beispiel von der Autoindustrie, die darauf hoffen kann, daß Käufe einfach verschoben werden."

          Gleichwohl: Die Biergärten sind dem Verband wichtig genug, daß er jede Initiative unterstützt, die sich für deren längere Öffnung einsetzt. So begrüßte es der Dehoga unlängst ausdrücklich, als der Rechtsausschuß des Berliner Abgeordnetenhauses eine Bundesratsinitiative für längere Öffnungszeiten von Biergärten auf den Weg brachte. "Die Berliner Abgeordneten haben die Zeichen der Zeit erkannt. Eine Verschiebung des Freiluft-Zapfenstreichs auf 24 Uhr ist überfällig", sagt Dehoga-Präsident Ernst Fischer.

          Der Stromindustrie fehlt das Kühlwasser

          Wer länger als im Biergarten feiern, zapfen und auch dabei noch Strom sparen will, kann unterdessen auf die "neuste Innovation im Kölsch- und Altbiermarkt" zurückgreifen: Der Dortmunder Getränkekonzern Brau und Brunnen bietet für seine beiden Marken Sion Kölsch und Schlösser Alt seit wenigen Wochen ein selbstkühlendes Faß, den sogenannten "Cool Keg", an. Ohne Vorkühlen erreicht das Bier im Faß innerhalb von 30 bis 45 Minuten eine optimale Trinktemperatur und hält diese über mindestens zwölf Stunden. Außer dem Cool Keg braucht der Biertrinker weder Kühlmittel noch Strom. Gekühlt wird das Faß mit der Hilfe des Minerals Zeolith, das unter Vakuum Eiswasser entstehen läßt.

          "Das Cool Keg ist inzwischen ausverkauft", sagt ein Sprecher von Brau und Brunnen. Grundsätzlich laufe das Geschäft sowohl beim Bier als auch bei alkoholfreien Getränken zur Zeit erfreulich; genaue Zahlen könne das Unternehmen aber erst in rund zwei Wochen nennen. Leider kühlt das Cool Keg nur geringe Mengen Flüssigkeit. Denn auch den Atomkraftwerken in Frankreich fehlt es an Kühlwasser, den Wärmekraftwerken in Italien ebenfalls. Beide Länder mußten die Stromproduktion drosseln. Stromerzeuger mit Wasserkraftwerken an Stauseen könnten von der Lage profitieren: Die Seen, die normalerweise den Sommer über mit Wasser gefüllt und im Winter für die Stromproduktion genutzt werden, eignen sich besonders für die Deckung des Spitzenbedarfs. Indem etwa in der Schweiz Schleusen geöffnet werden, kann der Markt sofort mit zusätzlicher Elektrizität versorgt werden. Apropos Wasser: Zwischen Rostock und Passau, aber natürlich auch in den europäischen Nachbarstaaten, treibt die Hitze die Menschen scharenweise in die Freibäder.

          Der Sommer der Premiumprodukte?

          Im Würzburger Dallenbergbad beispielsweise erfrischten sich in diesem Jahr schon mehr Menschen als im gesamten Vorjahr. In München stieg die Zahl der Besucher der Freibäder von Anfang Mai bis Mitte Juli gegenüber der vergleichbaren Zeitspanne des Vorjahres um 170 000 auf 805 000. Doch selbst unter den Freibädern gibt es nicht nur Gewinner. In Bremen etwa lassen die Besucherzahlen nach den Angaben eines Mitarbeiters des Vegesacker Bades noch immer zu wünschen übrig.

          Auch der Klimaanlagenhersteller Carrier ist alles andere als euphorisch. "Letztlich hängt unserer Geschäft an der Baukonjunktur", sagt eine Unternehmenssprecherin. Und die ist ja bekanntlich schlecht. Sehr viel besser als im Flutsommer 2002 ist hingegen die Stimmung beim Eishersteller Langnese. "Unser Absatz läuft ausgezeichnet und viel besser als im vergangenen Jahr", sagt der Langnese-Marketingleiter Harald Melwisch. Dabei würden die Konsumenten beim Eiskonsum immer anspruchsvoller, doch habe die Entwicklung hin zu sogenannten Premiumprodukten nicht grundsätzlich etwas mit dem Sommer zu tun.

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