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Frankfurter Zeitung 26.11.1922 : Gegen die Tanzwut

  • Aktualisiert am

Tanz in den Behrens Festsälen in Berlin. Bild: AKG

Die Regierung will gegen den Alkoholmissbrauch vorgehen. Die in wirtschaftlicher Not befindlichen Gastwirte wehren sich gegen den Vorwurf der Leichtfertigkeit und klagen geheime Kneipen an. Aus der Frankfurter Zeitung vom 26. November 1922.

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          Im Rathaussaal zu Elberfeld fand zwischen Kommissaren des Ministers des Innern und des Oberpräsidenten der Rheinprovinz, ferner den rheinischen Regierungspräsidenten und Polizeipräsidenten und Vertretern der Gastwirteorganisationen, der Geistlichkeit aller Konfessionen, sowie Angehörigen der freien und christlichen Gewerkschaften und der Hirsch- Dunckerschen Gewerkvereine eine Besprechung statt, in welcher Richtlinien für die gleichmäßige Erteilung von Genehmigungen zur Abhaltung öffentlicher Tanzlustbarkeiten im besetzten und unbesetzten Gebiet aufgestellt werden sollten. Der Minister steht auf dem Standpunkt, dass das Tanzen unter allen Umständen eingeschränkt werden muss, und zwar soll es demnächst für ganz Preußen in den Kabaretts, Bars und Dielen verboten werden. Ebenso zielt der Minister auf eine erhebliche Einschränkung des Alkoholausschanks durch ein Rahmengesetz, das den Ausschank alkoholischer Getränke unter Berücksichtigung der örtlichen Verhältnisse regeln soll.

          Die Aussprache über die vom Vertreter des Ministers aufgeworfenen Fragen gestaltete sich äußerst lebhaft. Die Sprecher der Gastwirte- und Saalbesitzerorganisationen verlangten für Städte über 50 000 Einwohner die Freigabe der öffentlichen Tanzlustbarkeiten an allen Sonn- und Feiertagen, am zweiten Oster-, Pfingst- und Weihnachtstage und an den Karnevals- und Kirmestagen, für die übrigen Städte und das platte Land an zwei Sonntagen im Monat und wie bisher an den hohen Feier- und Kirmestagen, und zwar unter Ausschaltung der ortspolizeilichen Erlaubnis.

          Sie wiesen dabei auf die bedrängte wirtschaftliche Lage des Wirte- und Saalbesitzergewerbes hin und hoben hervor, dass ihre Organisationen immer bestrebt gewesen seien, etwaige Ausschreitungen in den regulären Tanzlokalen zu unterbinden. Zu Alkoholexzessen komme es nur selten in den reellen Gastwirtbetrieben, sondern meist in den unkonzessionierten Geheimkneipen, die obendrein die Steuern hinterzögen. Dem Alkoholmissbrauch werde auch Vorschub geleistet durch den Schnapsverkauf im Detailhandel und durch die Reichsmonopolverwaltung, die trotz der Vorstellungen der Wirte die Herstellung von mindestens 35prozentigem Branntwein gutheiße.

          Regierungspräsident Grützner (Düsseldorf) gab zu, dass die Wirte an dem Alkoholmissbrauch weniger Schuld trügen als die Schnapsindustrie und das Reichsmonopolamt und erklärte, dass er sich erst kürzlich im Volkswohlfahrtsministerium mit den schärfsten Worten gegen das unverantwortliche Treiben des Reichsmonopolamts gewandt habe. Es sei aber nicht zu leugnen, dass zwischen Tanzlustbarkeiten und Alkoholmissbrauch ein Zusammenhang bestehe, und dass es den Gastwirteorganisationen nicht gelungen sei, ihren Willen, die Auswüchse in den Tanzlokalen zu unterbinden, durchzusetzen. Mit dem guten Willen allein sei es eben nicht getan. Die Frage der Tanzlustbarkeiten sei von der Alkoholfrage gar nicht zu trennen, und es unterliege keinem Zweifel, dass übermäßige Tanzlustbarkeiten bei der jüngeren Bevölkerung und auch bei jungen Ehepaaren, die ohne die sittliche Reife geheiratet hätten, zu Trinkexzessen führen.

          Er müsse sich deshalb ganz entschieden gegen die hier von den Gastwirtsvertretern erhobenen weitgehenden Forderungen wenden. Gewiss verkenne er nicht die schwierige Lage dieses Gewerbes, aber man dürfe nicht vergessen, dass viele, ja die meisten Berufe unter den gegenwärtigen Verhältnissen schwere und schwerste Opfer zu bringen hätten. Auch der Wirtestand müsse seine Interessen denen der Allgemeinheit unterordnen. Die Abhaltung öffentlicher Tanzlustbarkeiten müsse von der Erlaubnis der Ortspolizeibehörde abhängig gemacht werden, weil dadurch am besten den örtlichen Verhältnissen Rechnung getragen werde und eine einheitliche Regelung in den benachbarten Gemeinden gewährleistet sei. Freilich sei eine wirkliche Einschränkung dieser Lustbarkeiten nur zu erreichen, wenn die Ortspolizeibehörden ihre Pflicht täten. Zu berücksichtigen sei namentlich im besetzten Rheinland auch das politische Moment der Frage. Niemand könne bestreiten, dass gerade die übermäßigen Tanzlustbarkeiten uns außenpolitisch eminent geschadet hätten. Er habe sich immer nachdrücklich dafür eingesetzt, dass der rheinischen Bevölkerung ihre althergebrachten Volkssitten und Gebräuche erhalten bleiben, und er wisse auch, dass der Minister des Innern seinen Standpunkt teile. Deshalb nehme er die Gelegenheit wahr, die dem Minister böswillig unterschobene Äußerung, er gebe nichts auf die rheinische Volksseele, die im Düsseldorfer Regierungsgebäude gefallen sein soll, als unwahr auf das entschiedenste zurückzuweisen. Die übermäßige Tanzwut aber habe mit den althergebrachten rheinischen Volkssitten nichts zu tun. Sie müssen überall im deutschen Vaterlande, nicht etwa nur am Rhein, eingedämmt werden.

          Die durch katholische und evangelische Geistliche vertretenen Jugendorganisationen sprachen sich ebenfalls energisch gegen die übermäßigen Tanzveranstaltungen aus und redeten der Hinführung der Jugend zu idealen und geistigen Genüssen das Wort. In ähnlichem Sinne äußerte sich der Vertreter der christlichen Gewerkschaften. Die Sprecher der beiden anderen Arbeiterorganisationen legten das Schwergewicht auf die Eindämmung des Bar- und Dielenunwesens und waren im Übrigen der Ansicht, dass die Tanzlustbarkeiten des kleinen Mannes infolge der wirtschaftlichen Notlage bald von selbst zurückgehen würden. Am Schlusse der Aussprache wurde eine gemischte Kommission aus den Anwesenden gebildet, die den Vertretern des Ministers und des Oberpräsidenten Richtlinien für die zu erlassenden Verordnungen mit auf den Weg gab.

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