https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/historische-hyperinflation/eine-krankheit-in-ihrem-letzten-stadium-frankfurter-zeitung-von-1922-18502660.html

Frankfurter Zeitung 2.12.1922 : Eine Krankheit in ihrem letzten Stadium

  • Aktualisiert am

Mitarbeiter während der Produktion von Getrieben im Daimler-Benz Werk in Untertürkheim bei Stuttgart im Jahr 1925. Bild: picture-alliance / dpa

Die Mark verliert weiter an Wert, solange Frankreich die Vernichtung Deutschlands anstrebt. Damit zerstört Frankreich auch seine Wirtschaft. Aus der Frankfurter Zeitung vom 2. Dezember 1922.

          6 Min.

          Der deutsche Währungswert gleicht in diesen Tagen dem Schiff, das mit gebrochenem Steuer einem Sturm auf hoher See preisgegeben ist. Hilflos, keinem Willen gehorchend, ist die Marktvaluta jedem politischen Wechselfall, jedem Ungefähr aus dieser oder jener Richtung unterworfen. Wir sahen in kurzen Tagen einen Dollarpreis von 9200 Mark, einen solchen von 6200 und wieder einen von 8000 Mark. In der Frist einer Börsenstunde wechselte der Dollarwert von 7200 auf 7900 Mark. Jedes Anzeichen vermehrter politischer Belastung der Lage vom Westen her wirft den Dollarpreis um Hunderte und Tausende von Mark in die Höhe, nachfolgende Stagnations-Perioden meist sehr kurzfristigen Charakters ließen dem Marktwert wieder etwas Luft gewinnen, bis die sich erneuernden Sorgen um den kommenden Tag die Devisen wieder hoch wieder hoch und höher treiben.

          So zeigt die Markwährung den Charakter einer Krankheit in ihrem letzten Stadium. Leicht aufflackernde Hoffnung macht immer von neuem umso schwerer Apathie Platz. Tatsächlich kann keine vorübergehende Markwertbesserung, die ja nur uns, die wir an den Hundert- und Tausendbeträgen des Dollarwertes messen, nur selten aber uns die Geringfügigkeit der umgerechneten Schwankungsbeträge auf Sechzehntel oder Zweiunddreißigstel der amerikanischen Werteinheit vergegenwärtigen, uns von der schweren und niederdrückenden Skepsis befreien, die in diesem Vorstadium vor der Brüsseler Konferenz, der, falls sie zustande kommt, Reparationsproblem und internationale Verschuldungskrise gleichzeitig zur Lösung gestellt sind, war die Gewalt-Fanfare des französischen Kriegsrats, die einer vollendeten Pression gleichkommende Drohung mit der Zerreißung Deutschlands, mit der Besetzung des wesentlichen Teils des Ruhrbezirks mit seinen Kohlenschätzen.

          Wen die Götter verderben wollen

          So unterstreicht Frankreich seine, jedes mögliche Maß übersteigenden Forderungen an Deutschland, so seinen Willen, in die deutsche Staatshoheit, tief auch in die deutsche Wirtschaft und deren feinmaschiges Gewebe einzugreifen. Es gibt keine Hoffnung für Deutschland, keine Hoffnung für das unter den Nachwehen des Kriegs sich windende Europa, solange ein Kriegsrat in Paris das Programm der französischen Delegation für diese Wirtschafts- und Finanzkonferenz vorschreibt. Was wir in diesen Jahren aus Paris gehört haben, war der Wille und die Entschlossenheit zur Vernichtung Deutschlands. Ist die Hoffnung erlaubt, dass noch vor den entscheidenden Tagen von Brüssel sich in Frankreich jener Umschwung ähnlich der in England schon lange eingetretenen Entwicklung vollziehen werde, der die Überleitung von einer politisch-chauvinistischen Behandlung der Reparationsfrage zu einer wirtschaftlichen Einstellung bring? Weil nach allen Erfahrungen diese Hoffnung unendlich gering geworden ist, ist der Markwert zu der trostlosen Verfassung herabgeglitten, hat sich die Weltwirtschaft und die Weltfinanz von Deutschland mehr und mehr isoliert und überlässt uns in unserer Hilflosigkeit uns selbst.

          Weitere Themen

          Warnstreiks bei der Post gehen weiter Video-Seite öffnen

          Frankfurt : Warnstreiks bei der Post gehen weiter

          Verdi fordert 15 Prozent mehr Lohn für die rund 160.000 Tarifbeschäftigten in Deutschland bei einer Laufzeit von zwölf Monaten. Die Post hatte die Gehaltsforderung bereits mehrfach als realitätsfern abgewiesen.

          Topmeldungen

          „Anfang einer neuen Ära“: Open-AI-CEO Sam Altman während der Vorstellung der Kooperation mit Microsoft

          ChatGPT trifft Bing : Microsoft sagt Google mit Open AI den Kampf an

          Der Softwarekonzern nutzt eine neue Variante von ChatGPT für seine Suchmaschine Bing – und will ihr damit endlich zu mehr Relevanz verhelfen. Auch andere Microsoft-Produkte werden mit KI aufgerüstet.
          Kaum schweres Gerät: Anwohner und freiwillige Helfer versuchen in Idlib, Verschüttete aus den Trümmern zu bergen.

          Erdbeben in Nordsyrien : Erst die Bomben, jetzt das Beben

          In Nordsyrien trifft das Desaster eine traumatisierte Bevölkerung, die von islamistischen Milizen beherrscht wird. Hoffnung auf internationale Hilfe hegt hier kaum jemand. Auch politisch ist das Land ein Katastrophenfall.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.