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Frankfurter Zeitung 4.12.1922 : Die Regierung Cuno muss jetzt handeln

  • Aktualisiert am

Wilhelm Cuno während eines Englandbesuchs im November 1922. Bild: picture alliance / ASSOCIATED PRESS

Frankreich erwartet die Ausgabe deutscher Anleihen zur Finanzierung der Reparationen. Aus der Frankfurter Zeitung vom 4. Dezember 1922.

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          Das neue Reichskabinett hat sich jetzt zehn Tage Zeit genommen, um sich mit den Regierungsaufgaben vertraut zu machen. Gestern ist nun, anlässlich des diesjährigen Empfangs der Berliner Presse, Reichskanzler Cuno zum zweiten Mal mit einer größeren Ansprache an die Öffentlichkeit getreten. Es handelte sich um einen repräsentativen Akt. So waren die Ausführungen des Kanzlers auch dieses Mal nur allgemeiner Natur.

          Das ist nicht zu tadeln, aber es wäre an der Zeit, dass die neue Regierung Deutschlands ihre Taten erkennen ließe. Denn wir befinden uns nur noch wenige Tage vor der Londoner Zusammenkunft der Premierminister der Entente, auf der die politischen Grundlagen für die Regelung der Reparationsfrage geschaffen werden sollen. Bis dahin kommt es darauf an, eigenen Handlungswillen zu zeigen. Denn sonst wird man über uns verfügen wie über ein willenloses Objekt. Man wird uns diktieren, anstatt uns selber unseren Weg zur Gesundung und zur Rückkehr zur Zahlungsfähigkeit finden zu lassen, man wird uns Kontrollmaßnahmen auferlegen, die der Würde eines großen Volkes widersprechen und Poincaré wird mit seinen auf die Zerstörung der deutschen Reichseinheit gerichteten Pfänderforderungen leichteres Spiel haben. Die Lage ist in der Tat hoch ernst und Eile tut bitter Not.

          Es hilft uns nichts, uns den bequemen Gefühl hinzugeben: Wir sind am Ende unserer Kräfte, wir können nicht zahlen, und wir können nicht gesunden, solange die Siegergruppe sich nicht zu einer Politik der Vernunft bekannt hat und bereit ist, entsprechende Entscheidungen zu treffen. Dieses an sich gewiss entschuldbare Gefühl der Apathie müssen wir abschütteln. Denn im Ausland wird es falsch gedeutet und hat dort bereits, in Frankreich sowohl wie auch in England, eine Atmosphäre geschaffen, die für Deutschland nichts weniger als günstig ist. In den Pariser Korrespondenzen unserer Zeitung ist bereits darauf hingewiesen worden, dass die französische Öffentlichkeit zur Zeit so gut wie geschlossen hinter den Forderungen der Gewaltpolitik Poincarés steht.

          Man ist in Frankreich enttäuscht

          Wir sind zwar an die Erfahrung gewöhnt, dass die Mehrheit des französischen Volkes gegenüber Deutschland stets für die Methoden der rohen Gewalt zu haben ist, aber nicht alle Franzosen huldigen dem Geiste, dem Poincaré dient, und noch vor wenigen Tagen zeigte man in Paris nicht übel Lust, den derzeitigen französischen Premierminister, der noch nichts Greifbares geleistet, dafür aber Frankreichs Aussichten auf Reparationszahlungen ungeheuer verschlechtert hat, fallen zu lassen. Jetzt ist aber darin fürs Erste ein völliger Umschwung eingetreten. Man ist in Frankreich enttäuscht. Man ist enttäuscht, weil in den bisherigen Kundgebungen des Kabinetts Cuno kein Zeichen für die Bereitwilligkeit Deutschlands, eine größere internationale Anleihe zu suchen, gesehen wird, eine internationale Anleihe, die nicht nur zur Sanierung der deutschen Finanzkraft, sondern auch zur Linderung der zweifellos bestehenden ernsten französischen Geldnot zu dienen hätte.

          Wir haben bereits darauf hingewiesen, dass das französische Gefühl der Enttäuschung auf einem Irrtum beruht. In dem Punkt 8 der deutschen Note vom 13. November, die sich auch das Kabinett Cuno zur Richtschnur seiner Politik gemacht hat, ist der Gedanke der Aufnahme auswärtiger Anleihen, die in den Dienst der Reparationen gestellt werden sollen, ausdrücklich ausgesprochen worden. Auch das Kabinett Cuno plant also, mit internationalen Anleihen zu arbeiten, um den französischen Bedürfnis nach Geld entgegen zu kommen. Ob freilich der von unseren Pariser Korrespondenten skizzierte, von ausgleichsfreundlichen Pariser Kreisen ausgedachte Weg beschreitbar sein wird, ist eine Frage für sich.

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