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Hilfspakete in Corona-Zeiten : Das Spiel mit dem vielen Geld

Mit der Staatsverschuldung nach dem Ersten Weltkrieg kam 1923 die Hyperinflation – und die Deutschen stapelten im Keller ihr Geld. Bild: Getty

Die Hilfspakete in der Corona-Krise werden immer teurer. Wie viele Schulden können wir uns leisten? Diese historisch neue Situation ist verführerisch.

          6 Min.

          Die Niederländer haben es eigentlich nicht so mit dem Schuldenmachen. Das hat sich ihre Regierung auf die Visitenkarte geschrieben. In der EU gehören sie zu den „sparsamen Vier“. Ihr Regierungschef Mark Rutte wird gern deutlich, wenn der Süden mal wieder nach Geld verlangt. Zu Hause machen die Niederländer vor, wie disziplinierte Haushaltsführung geht. Ihre Schuldenquote, also das Verhältnis der Schulden zur Wirtschaftsleistung, drückten sie zuletzt sogar auf unter 50 Prozent. Nun ist aber alles anders: Zusätzliche 46 Milliarden Euro will die Regierung dieses Jahr ausgeben, hat der Finanzminister in seiner traditionellen Rede am „Prinsjesdag“ in dieser Woche angekündigt. Die Schuldenquote springt damit auf 62Prozent.

          Maja Brankovic

          Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, zuständig für „Der Volkswirt“.

          Nach Jahren des Sparens brechen überall die Dämme. Geld ausgeben, als gäbe es kein Morgen, lautet die Devise. An die Rechnung denken wir später. Die Bundesregierung holt die „Bazooka“ raus, der Bundestag nickt eine Neuverschuldung in Rekordhöhe von 218 Milliarden Euro ab. Und die EU legt 750 Milliarden Euro für den Wiederaufbaufonds obendrauf. Eine solche staatliche Geldschwemme wie jetzt in der Corona-Krise gab es noch nie. Und keiner protestiert dagegen.

          Die neue Freigiebigkeit ist dringend nötig. Darüber sind sich Fachleute einig. Würde der Staat die Wirtschaft jetzt nicht stützen, wären die Folgen katastrophal. Unternehmen würden reihenweise pleitegehen, die Arbeitslosigkeit würde rasant steigen.

          Doch die Rettung gibt es nicht umsonst. Die Schuldenquoten schießen gerade überall in die Höhe. Deutschland steht mit einem erwarteten Anstieg von 60 auf bis zu 80 Prozent noch vergleichsweise gut da. Die Vereinigten Staaten haben im Juni die 100-Prozent-Schwelle überschritten. Seither ist ihr Schuldenberg also größer als ihr jährliches Bruttoinlandsprodukt. In Italien erwartet die Regierung einen Anstieg von 135 auf 160 Prozent. Und in Griechenland dürfte die Schuldenlast nach Schätzung der Europäischen Kommission auf 196 Prozent der Wirtschaftsleistung steigen.

          Schreckgespenst Hyperinflation

          Es drängt sich deshalb die Frage auf: Können die Staaten immer weiter Geld ausgeben? Oder kommt irgendwann der Punkt, an dem sie unter der Last ihrer Schulden zusammenbrechen?

          Eine einfache Antwort darauf gibt es nicht. Mehrfach haben Ökonomen versucht, eine „goldene Regel der Staatsverschuldung“ zu finden, allerdings ohne Erfolg. Die Geschichte zeigt, dass man nicht an einer einzelnen Zahl festmachen kann, ob einem Staat die Pleite droht oder eben nicht. Japan kommt seit Jahren mit einer Schuldenquote von mehr als 200 Prozent zurecht. Griechenland geriet vor zehn Jahren mit weitaus weniger Schulden in die Zahlungsunfähigkeit. Und in Deutschland denkt man mit Schrecken an die Hyperinflation vor einem knappen Jahrhundert zurück, als man den Ersten Weltkrieg unter anderem mit der Ausgabe von „Kriegsanleihen“ finanziert hatte und dann das Unheil seinen Lauf nahm: Die Schulden wuchsen, manche Güter wurden knapp, die Preise schnellten in die Höhe, die Reparationszahlungen beschleunigten diesen Prozess. Bis irgendwann Geldscheine in Umlauf waren, die zehn Milliarden Mark wert sein sollten, für die aber nicht viel mehr als ein Laib Brot zu bekommen war.

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