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Hilfspaket : Briten zwingen Banken zur Kapitalerhöhung

  • -Aktualisiert am
          3 Min.

          Die britische Regierung hat einen umfassenden Rettungsplan für ihre Bankensystem verkündet, der sechs britischen Großbanken und Hypothekenbanken mit Kapital, Liquidität und einer Garantie für die mittelfristige Refinanzierung unter die Arme greift.

          Judith Lembke
          Redakteurin im Ressort „Wohnen“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Nachdem die britische Regierung bereits die strauchelnden Hypothekenbanken Northern Rock und Bradford & Bingley mit Staatshilfe stützen musste und die Bankenkrise dennoch immer weiter eskalierte, reagierten Premierminister Gordon Brown und Schatzkanzler Alistair Darling in Absprache mit Notenbankgouverneur Mervyn King, dem Chef der Finanzaufsicht Adair Turner und den Vorstandsvorsitzenden britischer Großbanken mit einem „kühnen Plan“, wie es Brown betonte. „Die Finanzmärkte haben aufgehört zu funktionieren“, rechtfertige Brown seinen Rettungsplan, der kapitalschwache Banken zwingt, eine Staatsbeteiligung zu akzeptieren.

          Im Gegensatz zu bisherigen Rettungsansätzen handelt es sich bei den Briten nicht nur darum, Risikopositionen von den Banken aufzukaufen, einzelne Banken zu retten oder die Einlagensicherung zu erhöhen. Nach bisher nicht veröffentlichten Zahlen verlangt der britische Staat, dass das Kernkapital der Banken (Tier 1) bis Ende des Jahres auf etwa 7,5 Prozent erhöht wird. Während die Kernkapitalquote bei der Deutschen Bank etwa 10 Prozent beträgt, liegt diese bei den meisten britischen Banken viel niedriger: bei der Royal Bank of Scotland (RBS) sind es zum Beispiel etwa 5,7 Prozent und bei Barclays 6,8 Prozent.

          Um den hohen Risiken des Bankgeschäftes derzeit jedoch gewachsen zu sein und das Kreditgeschäft an die Realwirtschaft fortsetzen zu können, müssen die Banken ihr durch die jüngsten Verluste reduziertes Kapital aufstocken. Der britische Staat verlangt, dass die Banken dies bis Ende des Jahres allein tun oder eine Kapitalzuführung des Staates gegen verzinsliche Vorzugsaktien in Form von einer Staatsbeteiligung akzeptierten. Der britische Staat stellt für diese Maßnahme 25 Milliarden Pfund, umgerechnet mehr als 30 Milliarden Euro, zur Verfügung. Weitere 25 Milliarden Pfund können bei Bedarf zu ähnlichen Konditionen abgefragt werden.

          Außer der HSBC und Standard Chartered, die bereits verkündeten, sie verfügten über ausreichend Kapital, werden sich an dieser Kapitalerhöhung mit Hilfe des Staates offenbar Abbey, Barclays, HBOS, Lloyds TSB, die Nationwide Building Society und die Royal Bank of Scotland (RBS) beteiligen. An all diesen Banken dürfte künftig also der britische Staat beteiligt sein.

          Wer wieviel Geld bekommt, ist noch unklar

          Die Banken in Großbritannien teilten noch nicht mit, welche Bank wie viel Kapital vom Staat aufnehmen wird. Sollte Barclays zum Beispiel, wie vermutet, das Eigenkapital mit Staatshilfe um etwa 5 Milliarden Pfund aufstocken, was am Markt derzeit erwartet wird, würde dies eine Beteiligung des britischen Steuerzahlers an Barclays von etwa 25 Prozent bedeuten. Die Beteiligungen an der RBS und HBOS würden mit mehr als 50 Prozent möglicherweise wesentlich höher ausfallen. Dies erklärt den dramatischen Kurseinbruch der britischen Bankaktien in den vergangenen Tagen, als über das Rettungspaket am Markt bereits spekuliert wurde.

          Nehmen die Banken an dem Rettungskonzept teil, müssen sie einer Beschneidung ihrer Dividenden zustimmen und einer geringeren Entlohnung ihres Managements. Gleichzeitig zahlen die Aktionäre für die Staatshilfe mit einer starken Verwässerung ihres Aktienanteils. Der britische Staat selbst könnte sich später, wenn der Markt sich beruhigt hat, von seiner Beteiligung mit einem Gewinn trennen - ähnlich wie es der schwedische Staat nach der Bankenkrise in den neunziger Jahren tat.

          Um die mittelfristige Refinanzierung der britischen Banken zu ermöglichen, bietet die Regierung den Banken, die einer Kapitalerhöhung zustimmen, eine Garantie ihrer Schuldtitel an. Dies erleichtert es den Banken, nach der Tilgung ihrer in wenigen Monaten fälligen mittelfristigen Finanzierung, neues mittelfristiges Kapital aufzunehmen. Die Regierung ist bereit, Schuldtitel der Banken in Höhe von bis zu 250 Milliarden Pfund zu garantieren. Dies betrifft Schuldenaufnahme in Pfund, Dollar oder Euro und zwar in unbesicherten, vorrangigen Schuldtiteln. Die Bank von England führte zudem einen Strauß von technischen Maßnahmen ein, mit denen die kurzfristige Geldaufnahme der Banken bei der Notenbank erleichtert und ausgeweitet wird.

          Obwohl Barclays und RBS am Dienstag noch betont hatten, sie hätten die Regierung nicht um eine Kapitalerhöhung gebeten, zeigten die Banken am Mittwoch gute Mine zum bösen Spiel. Sie verkündeten, das Paket der Regierung helfe dem Geld- und Kapitalmarkt, und sie würden sich an der Rettung beteiligen, „um das System zu retten“.

          Auch Spanien stützt die Banken

          Auch der spanische Präsident Zapatero verkündete am Montagabend, die einheimischen Banken zu stützen. Die Regierung stelle 30 Milliarden Euro bereit, die im Notfall auf 50 Milliarden Euro aufgestockt werden könnten, sagte Zapatero in Madrid. Mit dem Geld solle die Liquidität der Banken sichergestellt werden, damit sie die spanischen Bürger und Unternehmen auch weiterhin mit Krediten versorgen könnten. Die spanische Regierung will den Fonds nutzen, um illiquide Risikopositionen aus den Bankbilanzen aufzukaufen.

          Im Gegensatz zu den Vereinigten Staaten sollen jedoch keine unbesicherten Wertpapiere übernommen werden. Außerdem teilte die Regierung mit, die Einlagengarantie auf 100.000 Euro zu erhöhen. Die EU-Staaten hatten zuvor eine Mindestsicherung ihrer privaten Spareinlagen von 50.000 Euro garantiert. Bislang haben sich die spanischen Banken in der Finanzkrise gut geschlagen, noch keine große Bank ist umgekippt. Allerdings haben sie in der jüngeren Vergangenheit sehr viel stärker Kredite von der Europäischen Zentralbank in Anspruch genommen, was auf einen Liquiditätsengpass schließen lässt.

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