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Hightech am Körper : Der Chip und das Ich

Die Künstlerin Imogen Heap hat Handschuhe erfiunden, die Musiker ersetzen: Jede Bewegung erzeugt Töne Bild: Fiona Garden

Sensoren in der Kleidung, am Körper, im Kopf - das ist keine Vision mehr. Die Industrie macht sich an ein neues Milliardengeschäft.

          Was wäre, wenn wir tanzen und der Körper dabei Musik erzeugt? Der Traummann an uns vorbeifährt und vor unseren Augen sofort seine Telefonnummer aufpoppt? Das wäre toll, aber wäre das auch dann wünschenswert, wenn wir uns dafür mit Mikrochips und Sensoren verdrahten? Wird der digitale Traum wahr, mag das ein Segen für die Menschheit sein - oder ein Horror, der einen jetzt schon gruseln macht.

          Bettina Weiguny

          Freie Autorin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Unstrittig ist eines: Das Zeitalter der Chips ist nah, keine Phantastereien mehr von Hightech-Freaks. Die Entwickler waren fleißig. Ihre Produkte haben das Zeug, unser Leben umzukrempeln, wenn wir Sensoren mit uns herumtragen, eingenäht in Schuhe oder Kleidung. Wenn wir uns Chips ans Handgelenk schnallen, als Brille auf die Nase setzen oder sie gleich in den Körper implantieren, vielleicht ins Gehirn. Auch das ist möglich.

          „Wearable Technologies“ oder „Wearable Electronics“ nennt sich dieser Trend, der eine ganze Branche befeuert. Intelligente Socken, die mehr Wärme abstrahlen, wenn uns fröstelt, sind nur das simpelste Beispiel für jene Revolution, die da gerade anläuft, mit dem Ausgangspunkt in Kalifornien, wie so oft: In der kommenden Woche treffen sich die Stars der Szene in San Francisco, eine Konferenz, so hochkarätig besetzt wie nie. Die Zeit der Spinnereien ist vorbei.

          Begeisterung für Fitnessbänder

          Das zeigt sich auch daran, dass nicht nur Tausende erfolgshungriger Start-up-Pioniere auf den Trend setzen, längst haben die globalen Technologiekonzerne das große Geschäft erschnuppert: Samsung und LG, Apple und Google. Und wenn solche Firmen sich auf etwas stürzen, dann mit Wucht. Die Chips am Menschen werden von der Industrie zum nächsten großen Ding ausgerufen. Mit Flachbildschirmen und Computern ist das Volk versorgt, Mobiltelefone gibt es mehr als Menschen: Etwas Neues muss her. Da kommen die Chips als Stimulanz gerade recht.

          Konsumforscher überschlagen sich mit Hochrechnungen, was mit „Wearable Electronics“ an Geld zu holen ist. Einen Sechs-Milliarden-Dollar-Markt hat IM Research ausgemacht - schon für das Jahr 2016. Bis zum Jahr 2019, so schätzt Abi Research, werden sich die Absatzzahlen verzehnfachen. Mindestens. Je 140 Millionen medizinische Diagnosegeräte und Sportsensoren werden dann weltweit verkauft, 90 Millionen smarte Uhren und 40 Millionen Datenbrillen.

          Wie schnell der Durchbruch gelingen kann, hat sich an den Fitnessbändern gezeigt: Erst haben Hollywood-Stars sich die bunten Plastikbändern übergestreift, es folgten die Topmanager. Nun füllen die Dinger, vor drei Jahren hierzulande gänzlich unbekannt, die Regale im Elektromarkt und sind der letzte Schrei für Fitnessbewusste.

          Chips übernehmen die Vorsorge

          Die Chips in dem Armband zählen und kontrollieren die Bewegungen des Menschen und rechnen sie in verbrauchte Kalorien um. Sie überwachen alles, was der Mensch tut, auch wie lange und tief er schläft. Daraus errechnen sich Kurven, die zum Vergleich anspornen: Wer ist der Schnellste, wer der Fitteste im ganzen Land?

          Kein Wunder, dass Krankenkassen sich für die Fitnessbänder begeistern: Wer sich mehr bewegt, bewusster lebt, wird seltener krank und schont in der Folge das Gesundheitssystem. Demselben Zweck dienen Geräte namens „Lumo“; das Ding vibriert, sobald der tragende Mensch in sich zusammensackt: Haltung bewahren, bedeutet das Signal. So werden Leute dazu erzogen, aufrecht zu gehen und zu sitzen. Das zahlt sich aus im Alter.

          Was auf den ersten Blick aussieht wie eine Spielerei, hat das Zeug, den Gesundheitssektor durchzurütteln. Wenn Chips die Vorsorge übernehmen, wird der Arztbesuch überflüssig. Sie ersetzen das Schlaflabor, messen Blutwerte, kontrollieren das Gewicht, schlagen Alarm, wenn ein Diabeteskranker Insulin braucht. Sie machen Blinde sehend und Taube hörend - zumindest ein bisschen: „Le Chal“-Schuhe ersetzen den Blindenhund, Brillen sagen, wo es langgeht, oder übersetzen Farben und Räume in Klänge.

          Investoren in Alarmbereitschaft

          Chips warnen, wenn das Herz verrücktspielt. Sie verabreichen, wenn implantiert, Medikamente in der richtigen Dosis und wachen über ungeborenes Leben. Strampler kontrollieren Atmung und Temperatur von Babys, smarte Baby-Socken achten darauf, dass der Säugling die richtige Portion Sauerstoff im Blut hat. Und natürlich gibt es längst Sensoren, die - im Fell plaziert - sicherstellen, dass nur die richtige Katze ins Haus kommt. Auch der Hausschlüssel des Menschen wird überflüssig, wenn die Pforte den Bewohner an dessen digitalen Signalen erkennt.

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