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Herrenschneider : Die neue soziale Maßwirtschaft

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Bei der Maßkonfektion fertigen Maschinen Anzüge anhand von Größe und Umfang seriell, danach sind nur noch kleine Korrekturen möglich Bild: Frank Röth

Die hohe Kunst der Herrenschneider wissen heute nur noch wenige zu schätzen. Spätestens mit Einzug des Casual Friday in den Verwaltungsetagen hat der Abschied vom guten Angezogensein begonnen. Wer kann sich noch an einem handgefertigten Knopfloch erfreuen?

          Kleider machen Leute. An dieses geflügelte Wort mag Gerhard Schröder gedacht haben, als er im Amt des Bundeskanzlers seine zuvor nicht immer geschmackssichere Kleidung gegen die Eleganz der italienischen Modemarke Brioni tauschte. Doch seinen SPD-Genossen gefiel dies ebenso wenig wie seine marktwirtschaftlichen Reformen. Er scheiterte; denn er hatte übersehen, was amerikanische Soziologen schon vor Jahrzehnten feststellten: In demokratischen Massengesellschaften ist das Verbindende mehr angesagt als das Trennende.

          Dieses Diktat des Kollektivs hat auch der neue Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg schon erfahren müssen - jedenfalls in der Frage von Staatshilfen. Seine modische Garderobe hat dem CSU-Aufsteiger augenscheinlich nicht geschadet. Der Freiherr hat offenbar die im Medienzeitalter richtige Passform für einen adeligen Quereinsteiger gefunden. Für ihn gilt wohl, was die österreichische Herrenschneidermeisterin und Philosophie-Magistra Ruth Sprenger in ihrem Buch „Die hohe Kunst der Herrenkleidermacher“ (Böhlau Verlag, Wien, 2009) schreibt: „Ein Maßschneider kleidet Persönlichkeiten, die sich der sprachlichen Wirkung ihrer Kleider sehr bewusst sind.“

          Der Abschied vom guten Angezogensein

          Die Kollegin aus Wien merkt allerdings bedauernd an, dass maßgeschneiderte Kleidungsstücke heute vielfach nur zu jenen sprechen, die einen ausgeprägten Sinn für Kleidung haben. In der Tat: Während Linienführung und ausstatterische Details von Auto-Blechschneidern auf vielfältige, manchmal sogar auf poetische Weise gewürdigt werden, verliert niemand ein Wort über die hohe Kunst der Herrenschneider. Wer kann und will sich schon an der Schönheit eines handgefertigten Knopflochs aus Seidenzwirn begeistern? Wer weiß den vollendeten Sitz eines Anzugärmels zu würdigen? Wer spricht noch über Passform und Qualität in einer Zeit schwindender Bekleidungskultur in der Herrenmode und abnehmenden Formbewusstseins? Selbst in den Verwaltungsetagen der Banken, den letzten Bastionen formeller Kleiderordnungen, hat mit dem Casual Friday der Abschied vom guten Angezogensein begonnen.

          Bei Kiton: Serienprodukte nach höchsten Maßstäben des Schneiderhandwerks

          Es gibt auch kaum noch männliche Modevorbilder oder Stilikonen, wie sie früher Cary Grant mit seiner lässigen Eleganz, Jean Gabin in seinen Rollen als Patron oder Edelgangster oder auch Curd Jürgens, der normannische Kleiderschrank, verkörperten. Die Film- und Fernsehgrößen unserer Tage sind selten stilprägend. Das Gentleman-Ideal und schon gar die Figur des eleganten Herrn erscheinen antiquiert. Das Magazin „Gentleman Quarterly“ heißt nur noch „GQ“, weil darin von Gentle-Männern wirklich nicht mehr die Rede ist. Verschwinden mit den eleganten Herren auch die Herrenschneider?

          Brioni und Kiton: individualisierte Maßkonfektion

          Mode und Bekleidung haben sich gewandelt, seit es sie gibt. Sie leben vom Wandel. Konsumsoziologen haben allerdings festgestellt, dass im Zeitalter des nivellierenden Massenkonsums zugleich die Stunde der kleinen Sondergruppierungen schlägt. Es ist daher kein Zufall, dass die Bekleidungsbranche heute mit Hinweisen wirbt wie „handgefertigt“ oder „schneidermäßig verarbeitet“. Konfektion bedeutet längst nicht mehr die schlechtsitzende Massenware früherer Zeiten. Designer schaffen Massenmode-Marken. Technischer Fortschritt durch computergesteuerte Spezialmaschinen, elektronische Messungen und verfeinerte Größenklassen haben hochwertigste Konfektion und individualisierte Maßkonfektion hervorgebracht. Die italienische Luxusmarke Brioni stellt Serienprodukte nach höchsten Maßstäben des Schneiderhandwerks in entsprechend hohen Preislagen her, ähnlich die italienische Marke Kiton.

          In Deutschland ist es der bayerische Hersteller Regent, der mit Argumenten wie klassischer Schneiderverarbeitung oder meisterhafter Handarbeit wirbt. In München floriert seit Jahren die kleine Firma Maile, die aus einem großen Stoffangebot Anzüge nach Maß in kleinen Konfektionsbetrieben produzieren lässt. Ähnliche Angebote gibt es von der Stoffmarke Scabal bei Herrenausstattern. In großen Bekleidungshäusern wie P & C werden für Konfektionsmarken wie Dressler individualisierte Anfertigungen angeboten. Anders gesagt: Trotz Massenproduktion ist der Wunsch nach einem individuelleren, besseren Kleidungsstück nicht abgestorben.

          Spitzenkonfektion besser als schneiderisches Mittelmaß

          Allerdings schreibt Sprenger zu Recht: „Maßstab der Konfektion bleibt bis zum heutigen Tag die Qualitätsarbeit der besten Herrenschneider. Das Handgenähte ist Gegenstand der Imitation, und nur selten wird das Maschinelle betont oder dekorativ eingesetzt.“ So hat die Maßschneiderei eine neue soziale Maßwirtschaft hervorgebracht und damit die Ausbreitung ansprechender modischer Bekleidung ermöglicht. Spitzenkonfektion ist sogar besser als schneiderisches Mittelmaß. Es scheint auch, als ob der Wunsch, gut gekleidet zu sein, wieder zunimmt. Anzüge sind wieder gefragt. Und wenn schon Jeans, dann teure.

          Gleichwohl werden die Freizeit mit ihren geschmacklichen Freiräumen und das Verblassen gesellschaftlicher Normen die Bekleidungsgewohnheiten auch in Zukunft mehr prägen als das Bewusstsein für Passform und Verarbeitungsqualität. Das zeigen die Bilder von Stars und Sternchen in zerknautschten Klamotten nur allzu deutlich. Auch die zunehmende Nachlässigkeit älterer Generationen lässt verstehen, dass Ästheten von „modischer Sonnenfinsternis“ (Sprenger) sprechen.

          Diese Entwicklungen bedrängen das Maßschneiderhandwerk von allen Seiten. Doch so wie die Kochkunst großer Köche der geschmacklosen Massenabfütterung trotzt, wird sich auch die Maßschneiderei als Maßstab individueller Bekleidungswünsche erhalten. Geht man die Liste der Preisträger der deutschen Maßschneider der letzten sechzig Jahre durch, wird deutlich: Sie sind noch überall zu finden, die Herrenkleidermacher. „Vielleicht steckt in jedem über Jahrzehnte tragbaren und getragenen Modell eines Maßschneiders die eingenähte Sehnsucht nach Dauerhaftigkeit inmitten alltäglicher menschlicher Wechselhaftigkeit“, schreibt Sprenger zu Recht.

          Gewusst wie

          So kommt der Mann zu seinem Traumanzug:

          1. Nachdenken

          Wünsche wissen. Was für ein Anzug soll's denn sein? Ein täglicher fürs Büro oder ein besonderer für die Oper? Vor den Kollegen darf's ruhig dezent sein, rät Schneidermeister Bernd Lotte.

          2. Nachmessen

          Passen Sie in Standardgrößen, die in Kaufhäusern hängen und online zu bestellen sind? Oder zwickt's dann am Bauch? Schlackert's an den Schultern? Wiegen Sie mal mehr, mal weniger, sollen also Sakko und Hose mitwachsen und schrumpfen? In diesen Fällen hilft nur der Schneider. Einen guten erkennen Sie an den Urkunden in seinem Atelier. Und daran, dass dort unfertige Anzüge herumliegen. Das bedeutet, dass er sie selbst näht, nicht der Arbeiter im Billiglohnland.

          3. Nachzählen

          Einen Zweireiher von der Stange gibt es schon von 100 Euro an. Dagegen müssen Herren mindestens 1000 Euro für eine Maßkonfektion zahlen. Anhand Ihrer Größe und Ihres Umfangs fertigen Maschinen die Klamotte seriell. Große Änderungen sind danach nicht mehr möglich. Bei individualisierten Angeboten im Internet handelt es sich meist um Maßkonfektionen.

          Knöpfe und Taschenformen aussuchen, dazu Stoff aus Schurwolle oder Kaschmir wählen, der den Körper umfließt: Träumen Sie von einem Einzelstück, sollten Sie sich für Maßschneiderei entscheiden. Dann erhalten Sie Handarbeit, die mehr als 2.500 Euro kostet, da auch Geübte schon mal 50 Stunden an einem Anzug arbeiten.

          4. Nachsorgen

          Zeit für den Zwirn nehmen. Im Vorgespräch sollten Sie Extras formulieren. Ein guter Schneider freut sich über Herausforderungen! Dann nimmt er Maß, von Kopf bis Fuß. Die erste Anprobe dauert etwa eine viertel Stunde. Der Anzug ist noch im Rohzustand, ohne Innenfutter. Auch bei der zweiten Anprobe darf ein klassischer Maßanzug nicht fertig sein. Die Ärmel sind nur geheftet und nicht genäht. Sonst wäre wenig anzupassen, was ein Zeichen für maschinelle Fertigung ist.

          Nach etwa sechs Wochen ist der Anzug perfekt. Dampfbügeln statt Reinigen hilft bei Falten und Schweiß. So kann er Jahre in Form bleiben. Mit der richtigen Stoffwahl ist er dann auch noch tragbar. (anka.)

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