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Umweltverschmutzung : Rodungen erzeugen beißenden Rauch über Südostasien

Im Jahr 2015 war das schlimmste Haze-Jahr bislang. Bild: Reuters

Ohne Rücksicht zünden Unternehmen und Bauern Dschungel und Torf an, um Monokulturen anzulegen. Die Regierungen handeln nur pro-forma. Dabei protestierten sie gerade erst gegen Brüssels Bann des Palmöls.

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          Während des Nachrennens der Formel-1 in Singapur werden die Fahrer weniger sehen als üblich. Denn über der Stadt hängt beißender Rauchnebel. Die Lungen schmerzen, Husten setzt ein. Der ansonsten so saubere Stadtstaat und weite Teile der Nachbarländer Indonesiens und Malaysias leiden unter dem „Haze“.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Er entsteht, wenn Bauern und Konzerne Tropendschungel abbrennen, um auf dem Land dann Palmen und Akazien anzubauen, aus denen sie Öl und Papier produzieren. Mehr als zwei Millionen Schüler verpassten in der vergangenen Woche in Südostasien schon den Unterricht, weil sie nicht in geschützten Räumen sitzen konnten. Singapur drohe am Sonntagabend „zunehmenden Haze“ zu erfahren, warnte die Umweltbehörde Singapurs.

          In den vergangenen Stunden wiesen die Messgeräte „ungesunde Werte“ aus, unter denen die eingeflogenen Formel-1-Athleten in ihrer Nacht, die Bürger aber rund um die Uhr leiden. Jedes Jahr ist es dasselbe Ritual: Die Unternehmen lassen die Kleinbauern und beauftragte Brandstifter den Dschungel anstecken und waschen ihre Hände anschließend in Unschuld.

          Die Menschen leiden, Schulen müssen schließen, es wird über sterbende Babys berichtet und am Ende tritt der indonesische Präsident Joko Widodo vor die Kameras und erklärt, seine Regierung tue das Menschenmögliche, die Brände einzudämmen. Dann werden Flugzeuge in den Himmel geschickt, die mit Chemikalien die Wolken melken sollen, damit Regen die Brände lösche. Und Soldaten sollen im schwelenden Schwemmland die Feuer austreten und -schlagen.

          An der Börse im reichen Stadtstaat, dessen Politiker sich empören, werden die Aktien der Palmölkonzerne indes weiter gehandelt. Und in Indonesiens Hauptstadt Jakarta und dem malaysischen Kuala Lumpur schreiben Spitzenbeamte am nächsten Brandbrief für Brüssel, in dem sie gegen dessen Bann des Palmöls protestieren, weil es so umweltschädlich, wie in Europa vermutet, nicht sei.

          Vor vier Jahren kam es zu Milliardenschäden

          Die Feuer lassen nun die Sorgen aufkeimen, es drohe ein weiteres Jahr 2015: Damals ließen die Unternehmen fast 3 Millionen Hektar – knapp die Fläche Belgiens – in Indonesien abbrennen. Die Schäden wurden von der Weltbank später auf mindestens 221 Billionen Rupiah (14,2 Milliarden Euro) geschätzt – rund 2 Prozent des Bruttoinlandsproduktes der größten Volkswirtschaft Südostasiens.

          In diesem Jahr wurden auf Satellitenbildern schon dreitausend Feuer gezählt, die bis jetzt rund 330.000 Hektar Torf- und Tropenwald zerstören. Die Dürre aber soll anhalten, und der Klimawandel verspricht auch in den nächsten Jahren keine Erlösung, greift die Politik nicht ein. Um die Nachbarländer zu beruhigen und ein wenig Aktivität zu zeigen, hat die indonesische Regierung inzwischen rund 200 Menschen verhaften lassen, die für Feuer verantwortlich sein sollen.

          Harte Strafen haben ihnen nie gedroht, und die wirklich Verantwortlichen werden nicht gefasst. Zugleich versiegelten Beamte die Tore von 29 Unternehmen, auf deren Ländereien Feuer ausgemacht wurden. Dazu zählen auch solche, die in Malaysia und Singapur ansässig sind, unter ihnen die in Singapur notierte Sampoerna Agro, die der Familie des indonesischen Milliardärs Putera Sampoerna gehört, aber auch ein Tochterunternehmen der im Westen bekannten Sime-Darby-Gruppe.

          Der Index für Luftqualität fällt in Singapur auf Dreijahrestief

          Die Folgen für mehr als 300 Millionen Menschen in den betroffenen Ländern werden dadurch nicht gemindert. Hunderte von Schulen hat Indonesien inzwischen schließen müssen, damit die Kinder dem vergifteten Rauch nicht noch stärker ausgesetzt werden. In Malaysia haben mehr als 350.000 Schüler wegen der giftigen Luft frei. Sie wird als „sehr ungesund“ eingestuft, genauso wie in der benachbarten Finanzmetropole Singapur. Deren Index für die Luftqualität ist auf den schlechtesten Stand seit drei Jahren gefallen.

          Damals wurden die Atemschutzmasken in der Stadt knapp. Nun erklärten die Umweltbehörden, sie hätten schon Mitte September zusätzliche Kontingente der Atemmaske N95 an die Drogerien ausliefern lassen, um – kurz vor der anstehenden Wahl im Stadtstaat und der Brandsaison – eine weitere Versorgungsschlappe zu vermeiden. Die Armee wurde angewiesen, Manöver unter freiem Himmel einzuschränken, Motorradfahrer sollen ihr Licht einschalten und Schülern wurde zugesagt, Examen wiederholen zu dürfen, sollten die Schulen geschlossen werden müssen. Statistisch betrachtet kostete die 40 Tage über der Metropole hängende Rauchwolke 2015 jeden Bürger des Stadtstaates knapp 470 Singapur Dollar (310 Euro).

          Auf der riesigen Insel Borneo, die zu Indonesien, Malaysia und dem Sultanat Brunei Darussalam gehört, haben die Behörden inzwischen eine „gefährliche Umweltbelastung“ ausgerufen. Indonesische Fluggesellschaften sind gezwungen, Flüge umzuleiten oder zu streichen, um dem Rauchnebel zu entgehen. Nach einem Besuch auf dem qualmenden Torfland zählte Widodo einmal mehr auf, wie seine Regierung reagiere.

          Anstatt aber im Vorfeld der alljährlichen Brandsaison zu handeln oder anschließend wenigstens hart durchzugreifen, tut sie sei Jahren nichts, als zu löschen, wenn es längst zu spät ist. Sie zieht sich darauf zurück, dass die Brandstifter arme Kleinbauern seien, die keinen anderen Weg zum Roden kennten. In diesem Jahr versuchte der wiedergewählte Präsident Sympathien zu gewinnen, als er nach dem Besuch der Amrulloh Moschee auf Pekanbaru zu Protokoll gab: „Wir beten auch.“

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