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Studie zu Hartz IV : Billigarbeit fördert den sozialen Aufstieg

Eine Reinigungskraft desinfiziert einen Ticketautomaten in der Rheinbahn Bild: dpa

Viele Hartz-IV-Bezieher bleiben lange arbeitslos. Mit Aufstocker-Jobs gelingt der Sprung in Normalarbeit besser – es gibt allerdings Ausnahmen.

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          Vielen Kritikern der Arbeitsmarktreform Hartz IV gilt es als ein besonders dunkler Fleck der Sozialpolitik: das sogenannte Aufstocken. Wer eine Arbeit hat, die nicht zum Leben reicht, kann damit wie ein Arbeitsloser Hartz IV beziehen – nur wird der selbsterzielte Lohn dann großenteils mit der Sozialleistung verrechnet. Die Kritik zielt jedoch zumeist nicht auf diesen Punkt. Vielmehr sei das Aufstocken eine grundsätzlich falsche „Subventionierung von Lohndumping“, wie es die Linkspartei formuliert. Es stifte Arbeitgeber an, zu niedrige Löhne zu zahlen. „Prekäre“ Arbeit werde damit „zementiert“. Auch Sozialminister Hubertus Heil (SPD) hat dies schon so vertreten. Es stützt die politischen Forderungen nach einem gesetzlichen Mindestlohn von mindestens 12 Euro je Stunde.

          Dietrich Creutzburg
          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Forscher der Freien Universität Berlin kommen nun aber mit einer neuen, noch unveröffentlichten Studie zu ganz anderen Ergebnissen. Kurz gefasst: Selbst wenn die ausgeübte Arbeit nur einen Nebenverdienst zum Hartz-IV-Bezug darstellt, sei dieses Aufstocken „das wirksamste arbeitsmarktpolitische Instrument überhaupt“. Es mache den Aufstieg hin zu auskömmlicher Arbeit wahrscheinlicher als jede noch so aufwendige Fördermaßnahme klassischer Art. Verglichen mit arbeitslosen Hartz-IV-Beziehern, haben Aufstocker demnach zweieinhalbmal höhere Chancen, wieder eine ungeförderte, auskömmliche Arbeit zu finden.

          Alleinerziehende und Ältere im Nachteil

          Herausgeber der Studie, die der F.A.Z. vorab vorliegt, ist die CDU-nahe Konrad-Adenauer-Stiftung. Das Besondere daran ist, dass sie die Geschicke von Leistungsbeziehern mit einer sogenannten Längsschnittanalyse untersucht – sie kann aufzeigen, was im Zeitablauf aus den einzelnen Mitgliedern einer Personengruppe wird. Konkret ging es hier um mehr als 12.000 Bezieher von Hartz-IV-Leistungen, deren Erfolg auf dem Arbeitsmarkt anhand wissenschaftlich anerkannter Datensätze für die Zeit von 2007 bis 2017 untersucht wurde.

          Die Ergebnisse fallen vor allem für arbeitslose Hartz-IV-Bezieher ernüchternd aus, also für diejenigen, die im Ursprungszeitpunkt nicht einmal eine geringfügige Arbeit haben: Ein Jahr später hatten nur 9 Prozent von ihnen den Aufstieg hin zu ungeförderter Arbeit geschafft. Selbst nach fünf Jahren waren es nur 23 Prozent. Umgekehrt waren 80 Prozent nach einem Jahr noch immer arbeitslose Hartz-IV-Bezieher, und auch nach fünf Jahren traf dies noch auf 57 Prozent zu. Den meisten übrigen Probanden, im Verlauf bis zu 16 Prozent, gelang ein kleiner erster Schritt – sie wurden Aufstocker.

          Nicht mustergültig, aber doch weitaus erfolgreicher schlugen sich indessen jene, die schon zu Beginn der Betrachtung Aufstocker waren, also zumindest eine geringfügige Arbeit hatten: Aus dieser Gruppe hatten 23 Prozent schon nach einem Jahr den Aufstieg in auskömmliche Arbeit geschafft – also gut zweieinhalbmal so viele wie unter den arbeitslosen Hartz-IV-Beziehern. Und nach fünf Jahren hatten immerhin 47 Prozent der ehemaligen Aufstocker eine ungeförderte Arbeit gefunden.

          „Jegliche Form von Beschäftigung – auch wenn diese mit einem Leistungsbezug verbunden ist – verbessert die Chancen, sich am Arbeitsmarkt zu etablieren“, fassen die Autoren ihre Erkenntnisse zusammen. Einschränkend sei allerdings festzuhalten, dass dies nicht für alle Leistungsbezieher in gleichem Maße gelte: Vor allem Alleinerziehenden und älteren Betroffenen hilft das Aufstocken demnach seltener als Sprungbrett. Im Fall von Alleinerziehenden liegt es oft daran, dass fehlende Kinderbetreuung einen Umstieg von Teil- auf Vollzeitarbeit erschwert.

          „Hartz IV ist besser als sein Ruf“

          Insgesamt gab es laut Bundesagentur für Arbeit zuletzt eine Million Hartz-IV-Bezieher, die einer Erwerbstätigkeit nachgingen. Je ein Drittel dieser Aufstocker hatten eine Teilzeitstelle oder einen Minijob. Zwölf Prozent hatten eine Vollzeitarbeit; bei den Übrigen handelte es sich um Lehrlinge und Selbständige. Die neue Studie dazu stützt sich zwar auf Daten aus der Zeit vor der Corona-Krise, überholt ist sie aber deshalb nicht. Die Frage nach wirksamen Rezepten für eine sogenannte aktivierende Arbeitsmarktpolitik dürfte sich angesichts gestiegener Arbeitslosigkeit bald sogar mit neuer Schärfe stellen.

          Hermann Gröhe (CDU), stellvertretender Vorsitzender der Unionsfraktion wie auch der Adenauer-Stiftung, leitet daraus schon zentrale politische Orientierungspunkte ab. „Hartz IV ist besser als sein Ruf“, sagte Gröhe der F.A.Z. „Und es wird deutlich, dass Aufstocker eben nicht regelmäßig in subventionierter Niedriglohnarbeit hängenbleiben.“ Das häufig kritisierte Aufstocken eröffne vielen Betroffenen „eine Chance auf mehr Einkommen und mehr Lebenszufriedenheit“.

          Einigen Verbesserungsbedarf sieht er aber durchaus – vor allem sei bessere Unterstützung für Alleinerziehende und ältere Arbeitsuchende nötig. Der Schlüssel dazu sei zum einen ein durchgängiges Angebot an Ganztagsbetreuung auch für Schulkinder. Zum anderen müsse man mit gezielter Förderung auch Älteren einen guten Zugang zu Weiterbildung offenhalten.

          Außerdem sei Hartz IV dort zu verbessern, wo es direkt die Aufstocker betrifft: „Hinzuverdienste müssen attraktiver werden, auch das gehört auf die Tagesordnung“, betont Gröhe. Bisher wird mit jedem selbstverdienten Euro die Sozialleistung im Gegenzug um 80 bis 90 Cent gekürzt; nur die ersten 100 Euro Arbeitslohn sind frei. Unmittelbar bringt es Betroffenen also bisher kaum finanzielle Vorteile, sich aus der Hilfebedürftigkeit herauszuarbeiten. Eine mildere Verrechnung könnte daher mehr Hartz-IV-Beziehern den Weg zu den längerfristigen Vorteilen des Aufstockens weisen, welche die Studie aufzeigt.

          Auch diese Vorteile lassen sich in Euro beziffern, wie das Forscherteam um den Finanzwissenschaftler Timm Bönke verdeutlicht: Die anfangs arbeitslosen Hartz-IV-Bezieher brachten es im Gesamtzeitraum von 2007 bis 2017 nur auf Arbeitsverdienste von 81.000 Euro brutto pro Kopf. In der Vergleichsgruppe der Aufstocker erzielten die Probanden dagegen 160.000 Euro – also fast das Doppelte. Wer 2007 eine ungeförderte Stelle hatte, schaffte freilich im Durchschnitt sogar gut das Vierfache: 340.000 Euro bis zum Jahr 2017.

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