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EU-Austritt Großbritanniens : Wem ein harter Brexit weh tun wird

Wenn die Verhandlungen mit der EU scheitern, könnte ein harter Brexit gravierende Folgen haben. Bild: RAIN/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Weil die Verhandlungen zwischen Brüssel und London stocken, könnte ein „No Deal“-Brexit mit neuen Zöllen drohen. Die Konsequenzen für den Handel wären gravierend.

          5 Min.

          Im März 2019 ist es so weit: Großbritannien verlässt die Europäische Union. Die Austrittsverhandlungen laufen zäh. Ein Handelsabkommen, das die Briten weiterhin eng an die europäische Zollunion bindet, ist in weite Ferne gerückt. Angenommen, es gibt bis dahin keine Einigung: Was droht dann? Wie schwer könnte ein solcher „No Deal“-Brexit die deutsche Exportwirtschaft treffen?

          Maja Brankovic

          Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, zuständig für „Der Volkswirt“.

          Marcus Theurer

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Für Großbritannien ist die Antwort einfach: Das Königreich fiele aus EU-Sicht auf den Status eines Drittlandes zurück. Das hieße erst einmal: gleiche Zölle und gleiche Regeln wie für Äthiopien, China oder Amerika. Unklar ist indes, was die britische Regierung für Importregelungen plant. „Wie die EU ist Großbritannien Mitglied der Welthandelsorganisation WTO und muss sich auch nach einem harten Brexit an die Regeln der Organisation halten“, erklärt Gabriel Felbermayr, Außenhandelsforscher am Münchener Ifo-Institut. Die WTO gebe zwar nicht vor, welche Zölle ihre Mitgliedstaaten auf einzelne Waren konkret erheben sollen, diese müssen in komplizierten Verhandlungen mit Zustimmung aller Mitglieder festgelegt werden. Die WTO stelle aber einen Rahmen, innerhalb dessen sich die Importbedingungen der Mitgliedstaaten bewegen müssten.

          „Je raffinierter die Wertschöpfung, desto höher sind die Zölle“

          Die Mehrheit der Fachleute geht davon aus, dass sich die Briten an den Zöllen orientieren, den die EU aktuell gegenüber Drittländern erhebt. Dieser liegt über alle Warengruppen hinweg im Durchschnitt bei 5 Prozent. „Pauschal lässt sich sagen: Je raffinierter die Wertschöpfung, desto höher sind die Zölle, die die Länder festlegen“, sagt Holger Bingmann, Präsident des Außenhandelsverbandes BGA. Das bekannteste Beispiel sind Autos, auf die die EU für Drittländer aktuell einen Zoll von 10 Prozent erhebt. Für die deutsche Autoindustrie wäre ein solcher Zoll, den die Briten erheben könnten, besonders bitter, exportierte sie doch im vergangenen Jahr Fahrzeuge und Fahrzeugteile im Wert von 30 Milliarden Euro nach Großbritannien. Die Zölle für die Maschinenbauer, die 2016 Waren im Wert von 9 Milliarden Euro an die Briten verkauften, liegen je nach Maschine zumeist zwischen null und 4 Prozent. Hoch sind die EU-Zölle gegenüber Drittländern auf Textilien, Schuhen oder Lebensmittel. Für Kabeljau von der britischen Küste könnten künftig zum Beispiel 8 Prozent Zoll anfallen, für tiefgefrorene Scholle wären es 15 Prozent. Auf Fleischimporte werden fast 50 Prozent fällig. Gar nichts ändern würde sich dagegen für die Liebhaber von schottischem Whisky, der ist nach WTO-Vereinbarungen zollfrei.

          Inwieweit sich die Zölle in höheren Preisen für Unternehmen und Verbraucher auf beiden Seiten des Ärmelkanals niederschlagen werden, ist nur schwer zu bestimmen. „Die Preisveränderungen hängen davon ab, wie sich das Pfund im Verhältnis zum Euro entwickeln wird“, erklärt Holger Görg vom Institut für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel. Im Moment werden Importe aus Großbritannien billiger für deutsche Kunden. Bliebe das so, würde das den Effekt der Zölle auf den von den Unternehmen und Verbrauchern zu zahlenden Preis für die Importe dämpfen. Zweitens sei wichtig, wie hoch der Wettbewerbsdruck auf dem jeweiligen Markt sei, sagt Görg. „Land Rover oder Jaguar aus Großbritannien würden etwa mit europäischen und asiatischen Modellen konkurrieren und könnten sich vielleicht eine Weitergabe der hohen Zölle an den Konsumenten nicht leisten.“ Der Außenhandelsverband BGA betont, dass deutsche Waren in Großbritannien in erster Linie aus Qualitätsgründen nachgefragt würden. Deshalb rechnet der Verband zwar mit Absatzeinbußen für die deutschen Autobauer. „Den Handel mit Großbritannien zum Stillstand bringen werden sie aber nicht.“

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