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Harter Brexit : Gehen Großbritannien Lebensmittel und Medikamente aus?

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Lastwagen stauen sich aufgrund schlechten Wetters im Hafen von Dover. Bild: Picture-Alliance

Der Streit um ein mögliches Handelsabkommen ist einer der größten Knackpunkte zwischen Großbritannien und der EU. Jetzt zeigen geleakte Dokumente, was ohne ein solches passieren könnte.

          Die künftigen Beziehungen zwischen Großbritannien und der Europäischen Union müssen bis zum 29. März 2019 ausgehandelt sein, ansonsten droht ein unkontrollierter Brexit. Was das für den Finanzplatz London bedeuten würde, wurde schon mehrfach durchgespielt. Ein Team britischer Beamter hat sich einem Bericht der „Sunday Times“ zufolge auch den konkreten Auswirkungen eines solchen harten Austritts für die Bevölkerung gewidmet. Wie die Zeitung berichtet, drohen Großbritannien dramatische Versorgungsengpässe mit Lebensmitteln, Kraftstoff und Medikamenten, sollte das Land die EU ohne ein Handelsabkommen verlassen.

          Im neugegründeten Ministerium für den Austritt aus der Europäischen Union seien demnach drei mögliche Szenarien erstellt worden: ein glimpfliches, ein heftiges und eines mit dem düsteren Namen „Armageddon“. Schon Stufe Zwei würde die Insel den Beamten zufolge ins Chaos stürzen: Der Hafen von Dover würde „an Tag eins kollabieren“, in den Supermärkten in Cornwall und Schottland gäbe es innerhalb weniger Tage keine Lebensmittel mehr und in den Krankenhäusern würden nach zwei Wochen die Medikamente knapp.

          Nur wenige Menschen kannten die Szenarien

          Um die Versorgung hunderttausender Menschen in entlegenen Regionen sicherzustellen, müsse die Regierung Flugzeuge chartern oder sogar die Royal Air Force einsetzen. Laut der „Sunday Times“ sind die Sorgen um Versorgungslücken in Dover auch der Grund für die Pläne des britischen Straßenbetreibers Highway England, in Kent „einige oder mehrere“ Lkw-Halteplätze zu bauen, um „den Stau durch Störungen auf dem Kanal zu reduzieren“.

          Dem Medienbericht zufolge wurden die Papiere mit den Krisenszenarien für eine Arbeitsgruppe vorbereitet, die wöchentlich zusammenkommt, um den Austritt vorzubereiten. Einer der Beamten sagte, die Szenarien seien so heikel, dass nur wenige Minister damit vertraut und die Unterlagen in einem Safe verstaut seien. Dennoch seien Details aus den Arbeitspapieren durchgesickert, weil einige der involvierten Offiziellen der Meinung seien, die Konsequenzen eines harten Brexit würden immer noch verharmlost.

          Ein Sprecher des zuständigen Brexit-Ministeriums bestätigte nach Erscheinen des Berichts zwar, dass solche Diskussionen stattgefunden hätten, erklärte jedoch, dass keines der Szenarien eintreten werde.

          Innenminister: Kenne die Papiere nicht

          Die britische Regierung will im Falle eines harten Austritts ihre eigenen Märkte für den Handel offen halten. Viele Politiker befürchten jedoch, die EU und vor allem Frankreich werde es Großbritannien nicht gleich tun. „Wir sind vollkommen abhängig davon, dass Europa unser Vorhaben erwidert, nichts zu tun, was den Güterstrom behindern könnte. Sollte Europa, aus welchem Grund auch immer, die Versorgung verlangsamen, sind wir aufgeschmissen“, zitiert die „Sunday Times“ einen hochrangigen Offiziellen. Brexit-Minister David Davis versuche daher, Strippenzieher von Schlüsselhäfen wie im französischen Calais und im belgischen Antwerpen davon zu überzeugen, auf ihre Zentralregierungen einzuwirken.

          Nun werden auch Stimmen laut, die Dokumente über mögliche Auswirkungen eines harten Brexit müssten von der Regierung veröffentlicht werden. Es sei jetzt ersichtlich, dass die Regierung die britische Bevölkerung in ein Desaster steuere und das auch noch bei vollem Bewusstsein, sagte eine Liberaldemokratin der Zeitung.

          Der britische Innenminister Sajid Javid teilte mit, er kenne die geleakten Krisenszenarien nicht. Er sei tief in die Vorbereitungen sowohl eines harten als auch eines weichen Austritts involviert und sei überzeugt, dass es einen Deal geben werde, sagte Javid am Sonntag in einer britischen Radiosendung. Er glaube nicht, dass es zu den in Aussicht gestellten Auswirkungen kommen werde.

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