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Hans-Werner Sinn : Der Dickschädel unter den Wirtschaftsprofessoren

Auch zum Klimaschutz meldete der begeisterte Hobby-Gärtner Sinn sich zu Wort. In dem Buch „Das grüne Paradoxon“ kritisierte er, Energiesparen sei nutzlos, solange die Ölscheichs stur blieben und ihr Angebot nicht verknappten. Die Energie werde dann schlicht woanders verbraucht. Es fiel auf, mit welcher Akribie der Ökonom sich dabei in Details etwa der Windradtechnik hineingefuchst hat. Auch das gehört zum Dickkopf - Hartnäckigkeit bei der Recherche.

In Sinns Buch „Kasino-Kapitalismus“ bekamen es 2009 die Banker ab. Wobei Sinn nie zu erwähnen vergaß, dass er vor der Finanzkrise immer schon gewarnt habe - nämlich in seiner Doktorarbeit, Ende der siebziger Jahre.

Sinn pflegt den Habitus eines öffentlichen Intellektuellen, der mit einer gesicherten Professorenstelle im Rücken wenig taktisch-politische Rücksichten nehmen muss - anders als die immer ängstlich auf ihre Wiederwahl bedachten Politiker. Konfliktscheu ist er jedenfalls nicht: „Einen guten, sachlichen Streit kann ich genießen“, sagt er.

Auch zum Klimaschutz meldet Sinn, der Hobby-Gärtner, sich gerne zu Wort

Natürlich sind Sinns öffentliche Auftritte auch Marketing - für sich, seine Bücher und sein Institut. Und wenn er unpopuläre Themen wie „Target 2“ aufgreift, steckt darin die Spekulation, daraus könnte etwas werden. So hartnäckig aber, wie Sinn das betreibt, geht das nur mit einem gewissen Sendungsbewusstsein. Als junger Mann habe er eigentlich Missionar werden wollen, hat Sinn einmal erwähnt. Darauf soll seine Frau entgegnet haben: „Aber Hans-Werner, das bist Du doch.“

Eine gewisse Liebe zur Provokation jedenfalls ist ein durchgängiges Motiv in Sinns Leben. So ist „HWS“, wie er gern unterschreibt, für viele eine Reizfigur. Vor allem Politiker aus dem linken Spektrum sehen in dem Talkshow-Dauergast den Inbegriff des verhassten Neoliberalismus: Jemanden, der ökonomische Prinzipien absolut setzt und es im Gegenzug an Empathie und Herz fehlen lässt.

Sinn selbst bezeichnet sich als Sympathisanten der ordoliberalen Lehre. Zugleich weiß er von wechselhaften Lob und Tadel aus den verschiedenen politischen Lagern zu berichten. „Für die aktivierende Sozialhilfe wurde ich von vielen Linken kritisiert, für das grüne Paradoxon von den Grünen“ sagt er. „In dem Buch ,Kasino-Kapitalismus’ dagegen trete ich für mehr Regulierung ein - das entsprach dann wieder eher linken Positionen.“

In der Debatte um die Euro-Schuldenkrise warnt Sinn vor allem vor den Gefahren für Deutschland. Früh kokettierte er mit einem Euro-Austritt Griechenlands. Der Professor übernimmt damit die ansonsten weitgehend vakante Rolle eines Kämpfers für deutsche Ersparnisse und Zukunftchancen der jungen Generation. Eine Position, die ihm die Kritik einbrachte, die Welt aus einem nationalen Blickwinkel zu betrachten. Dem widerspricht Sinn nicht. „Als Beamter habe ich sogar einen Eid darauf geleistet, möglichst Schaden vom deutschen Volke abzuwenden.“

Der Mensch
Hans-Werner Sinn wird 1948 im westfälischen Brake geboren. Erste Erfahrungen mit Wirtschaft macht er im väterlichen Taxi-Betrieb. Nach dem Abitur studiert Sinn Volkswirtschaftslehre in Münster, wird in Mannheim promoviert und habilitiert sich. Seit 1984 ist er Wirtschaftsprofessor in München. Er leitet dort mittlerweile auch das Ifo-Institut und das von ihm aufgebaute „Center for Economic Studies“(CES). Von 1997 bis 2000 war Sinn Vorsitzender des Vereins für Socialpolitik. Zu seinen bekanntesten Büchern gehören „Kaltstart“ (1991), „Ist Deutschland noch zu retten?“ (2003), „Die Basar-Ökonomie“ (2005), „Das grüne Paradoxon“ (2008) und „Kasino-Kapitalismus“ (2009).

Das Ifo-Institut
Das Ifo-Institut wurde 1949 als Informations- und Forschungsstelle (Ifo) für Wirtschaftsbeobachtung mit Mitteln des bayerischen Innenministeriums gegründet. Als Hans-Werner Sinn dort 1999 die Leitung übernahm, war das Institut praktisch pleite. Der Wissenschaftsrat hatte das Institut von einer reinen Forschungseinrichtung in den Status einer forschungsbasierten Serviceeinrichtung umgewandelt, was einen Verlust von 25 Prozent der Zuschüsse bedeutete. Sinn führte das Institut dichter an die Universität heran und konzentrierte die Arbeit auf politisch bedeutsame Bereiche wie Sozialpolitik und Konjunktur. Bekannt ist vor allem der Ifo-Geschäftsklimaindex.

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