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Hans-Werner Sinn : Der Dickschädel unter den Wirtschaftsprofessoren

Wenige Wochen später hatte Sinn die Detektivarbeit so weit abgeschlossen, dass er einen ersten Artikel mit den Salden-Zahlen für die „Wirtschaftswoche“ verfasste. In der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ ließ er die inhaltliche Erklärung folgen.

Sinns Befund war ebenso erschreckend wie umstritten: Viele Länder Südeuropas haben über „Target 2“ hohe Schulden bei der Europäischen Zentralbank aufgebaut. Umgekehrt habe die Bundesbank gewaltige Forderungen gegen die EZB. Sinn warnte, das könnte dramatische Folgen haben, wenn ein Land aus dem Euroraum austreten sollte oder der Euro zerbreche: Im ersten Fall wären „nur“ die Schulden des austretenden Landes weg. Die Ausfälle würden auf die restlichen Länder umgelegt. Zerbreche aber der Euro selbst, würden womöglich alle Forderung der Bundesbank gegen das System hinfällig. „Deutschland könnte rund eine halbe Billion Euro verlieren“, sagt Sinn.

Die Darlegungen der Professors sorgten für Aufsehen - und viel Widerspruch. Er übertreibe, sagten die einen. Er habe grobe Fehler in der Analyse gemacht, sagten die anderen. Sinn aber kämpfte weiter. Sinn ließ sich nicht beirren, schrieb Gastbeiträge, gab Interviews und blogt ohne Ende im Internet.

Ende vergangener Woche nun konnte Sinn vermelden: „Das ist der Durchbruch. Die Bundesregierung kann über das Thema nun nicht mehr hinwegsehen.“ Was war passiert? Bundesbankpräsident Jens Weidmann hatte in einem Brief an den Präsidenten der Europäischen Zentralbank, Mario Draghi, vor den Gefahren aus „Target 2“ gewarnt. Er fordert konkrete Schritte und strengere Sicherheitsregeln, damit die Risiken nicht immer größer würden.

Selbst Bundeskanzlerin Angela Merkel habe die Target-Salden jetzt im Blick, hört man aus Berlin. Aus Sinn, dem nervigen Professor, ist in der öffentlichen Wahrnehmung nun Sinn, der kluge Warner, geworden.

Wieder einmal, muss man sagen: Ein Gefühl für relevante Themen zeigte „Deutschlands klügster Wirtschaftsprofessor“, wie die „Bild“-Zeitung ihn einst getauft hat, in den mehr als 20 Jahren seines öffentlichen Wirkens immer wieder. Einen Ruf als fachlich versierter Ökonom hatte Sinn seit langem - in Deutschland wie international.

Martin Feldstein von der Harvard University etwa ist stets voll des Lobes für „Hans-Wörnör“. Und ein junger Professoren-Kollege, der nicht genannt werden will, nennt Sinn sogar den „größten deutschen Ökonomen seiner Generation“.

Doch hohes Ansehen innerhalb der akademischen Welt war ihm nie genug. Sinn hat früh die Rolle des ökonomischen Stichwortgebers der Republik ergriffen: „Basar-Ökonomie“ heißt eine dieser handlichen Formeln, die besagt, dass deutsche Produkte immer mehr ausländische Wertschöpfung enthalten. 1991, nach der Wiedervereinigung, hat er zusammen mit Ehefrau Gerlinde, einer Ökonomin, mit der er seit 1971 verheiratet ist, unter dem Titel „Kaltstart“ wirtschaftspolitische Fehler bei der deutschen Vereinigung anprangert. In dem Bestseller „Ist Deutschland noch zu retten?“ forderte Sinn später eine grundlegende Reform des Arbeitsmarktes. Er sieht sich damit heute - in der ihm eigenen Bescheidenheit - als wahren Vater von Gerhard Schröders „Agenda 2010“.

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