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Hannover Messe : Von Störsendern und besonders dicken Wälzern

  • -Aktualisiert am

Am Stand des Unternehmens SEW Eurodrive Bild: Pilar, Daniel

Das vernetzen von mobilen Geräten, Maschinen und Fabriken war das große Thema der Hannover Messe. Im Vergleich zur Industrieschau vor zwei Jahren kamen zwar etwas weniger Besucher, dennoch endet die größte Industrieschau der Welt mit zufriedenen Mienen.

          So mancher Messebesucher und Aussteller wird dieser Tage von der Zahlenkombination 4.0 sogar geträumt haben. In welche Halle man auch eintrat, überall war das Thema der wachsenden Vernetzung von mobilen Geräten, Maschinen und Fabriken, kurz: Industrie 4.0, präsent. Auch die Messegesellschaft fand zum Abschluss noch einen Dreh, um das Leitmotiv in ihre Schlussbewertung einzubeziehen. Die diesjährige Hannover Messe habe sich „als Treiber für die vierte industrielle Revolution gezeigt“, sagte Jochen Köckler, Mitglied des Vorstandes der Deutschen Messe AG. 6552 Aussteller aus 62 Ländern bedeuteten einen neuen Rekord, 225.000 Besucher dagegen einen kleinen Rückgang im Vergleich zur Industrieschau vor zwei Jahren, die mit einem ähnlichen Programm aufwartete.

          Der Zentralverband der Elektroindustrie (ZVEI) erklärte, die Messe habe die Erwartungen erfüllt. Industrie 4.0 sei „ein exzellenter Schwerpunkt gewesen und habe zu einer regen Diskussion zwischen Revolution und Evolution der Industrie geführt“, sagte der ZVEI-Präsident Friedhelm Loh. Auch die Maschinenbauer hatten nach fünf langen Tagen nichts zu mäkeln. „Die Hannover Messe als Konjunkturbarometer lässt uns also optimistisch in das zweite Halbjahr blicken“, sagte Hannes Hesse, der Hauptgeschäftsführer des Maschinenbauverbands VDMA.

          Wenig begeistert schaute dagegen Eberhard Veit, der Vorstandsvorsitzende des Esslinger Automatisierungsspezialisten Festo AG, zum Auftakt der Messe drein. Ausgerechnet beim Besuch des russischen Staatspräsidenten Wladimir Putin am Festo-Stand stürzte die vielgepriesene künstliche Libelle seines Unternehmens ab. Kein gewöhnlicher Vorführeffekt, wie sich im Nachhinein herausstellte; im Tross des russischen Gastes wurde offenbar auch ein Störsender mitgeführt, der jegliche Attacken auf den Präsidenten verhindern sollte - auch solche eines Leichtbauflugapparats. Trösten konnte Veit diese Erklärung nur wenig. Da half es seiner Laune schon mehr, dass der Modelleisenbahnhersteller Märklin, bei dem Veit einst als Ingenieur gearbeitet hatte, in dieser Woche unter das Dach der Simba-Dickie-Gruppe schlüpfen durfte.

          Viele Unternehmen hätten den russischen Präsidenten gerne auf seinem Messerundgang begrüßt, für Putin war die Wunschliste, die im Bundeskanzleramt einging, offenbar besonders lang. Dort wurde letztlich die Abfolge der Standbesuche festgelegt. Freude darüber, zu den Besuchten zu gehören, herrschte beim Ventilatorenhersteller EBM Papst, der die Stippvisite Putins filmen und auf die eigene Internetseite stellen ließ. Der Schaeffler-Konzern hätte den russischen Gast auch gerne begrüßt, wurde aber nicht erwählt. Zu weit weg von der Halle mit den russischen Ausstellern sei der Schaeffler-Stand, hieß es, so viel Lauferei wollte man Putin und Bundeskanzlerin Angela Merkel dann doch nicht zumuten.

          Eine russische Herkulesarbeit könnte nun auf den VDMA-Verlag und den Verlag Deutsche Standards Editionen zukommen. Der Maschinenbauverband präsentierte in Hannover das erste Lexikon des deutschen Maschinenbaus - knapp 1200 Seiten dick und mehrere Kilogramm schwer. Mehr als 2000 Maschinenbaubetriebe werden darin porträtiert, von A wie A.u.K. Müller (Ventiltechnik) bis Z wie Zühlke Engineering (Ingenieurdienstleistungen). Ob es das dicke Werk vielleicht auch auf Russisch geben wird?, wollten Besucher aus Russland wissen.Käme es dazu, dürften sich einige Übersetzungsbüros wohl die Hände reiben.

          Die Windenergieunternehmen können sich auf der Hannover Messe gegenseitig besonders gut unter die Lupe nehmen, weil sie in einer einzigen Halle dicht an dicht ihre Stände errichten müssen. Aber kurze Wege können auch nützlich sein, zumindest wenn es um einen kleinen „Snack“ geht. Der neue Vestas-Europa-Chef Thomas Richterich wurde am Stand seines alten Arbeitgebers Nordex, wo er jahrelang den Vorstand geleitet hatte, herzlich zum „Snacken“, sprich: einem Cappuccino und einem Plausch, begrüßt. Der Kuchen am Nordex-Stand, befand Richterich, sei besser als der von Vestas. Einen Vergleich der Windturbinen beider Konzerne unterließ er wohlweislich.

          Die Lippen fest geschlossen hielt die gesamte Windenergiebranche in Hannover zu dem leidigen Thema, ob ihre Leitmesse 2014 nun in Hamburg oder abermals in Husum stattfinden wird. Es werde darüber gesprochen, hieß es lediglich. Angesichts der bisherigen Schlammschlacht der beiden Messeplätze eine wohltuende Ruhe. Nichtsdestotrotz muss bald eine Entscheidung her, will man im nächsten Jahr nicht zwei Windleitmessen in derselben Woche erleben.

          Ein wenig die Orientierung verloren hatte auch der neue niedersächsische Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) bei seiner Premiere zum Auftakt der Messe. Er wünsche „der Industrie in Hannover eine gute Zukunft“ sagte er - bevor er dann rasch korrigierte: „natürlich der Industrie in Europa“. Sechs Jahre auf dem obersten Rathaussessel in der Landeshauptstadt prägen eben doch, „meine Metamorphose ist noch nicht ganz abgeschlossen“, räumte Weil ein.

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