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Vernetzt Produzieren : Die Revolution rollt

Die Hannover Messe zeigt eindrucksvoll, dass „Industrie 4.0“ keine Modeerscheinung ist, sondern eine digitale Revolution ausgelöst hat. Die deutschen Unternehmen stellen sich dieser Veränderung erfolgreich.

          Vor fünf Jahren wurde der Begriff kreiert und erstmals auf der Hannover Messe genannt. Viele glaubten an einen weiteren Modebegriff, an eine Managementlehre, die bald wieder vergessen sein würde. Aber „Industrie 4.0“ ist keine Mode; Industrie 4.0 verändert die Wirtschaftswelt nachhaltig. Wie andere Veränderungen vom „Internet der Dinge“ über das „intelligente Heim“ bis zum „autonomen Autofahren“ liegt der neuen industriellen Organisation die Digitalisierung zugrunde.

          Skeptiker wenden an dieser Stelle immer ein, dass es Computer und damit Digitalisierung schon seit Ende der sechziger Jahre gebe. Das ist richtig. Neu und revolutionär sind aber zwei Dinge: die Zusammenführung aller digitalen Anlagen zu einer digital vernetzten Welt bis hinein in die Datenwolke Cloud und die Fähigkeit, größte Datenmengen in kurzer Zeit zu erfassen, auszuwerten und zur Steuerung weiterzuverwenden.

          Opfer der Digitalisierung

          Man muss keine Horrorzahlen über Millionen bedrohte Arbeitsplätze oder angebliche Investitionen in Milliarden- oder Billionenhöhe bemühen. Es reicht der nüchterne Blick in die Realität, um die Gewalt des Umbruchs zu erkennen. Der einstige Weltkonzern Kodak ist an der Digitalisierung gescheitert. Nokia war der Veränderungsgeschwindigkeit im Handybereich nicht mehr gewachsen. Musik- oder Videogeschäfte sind verschwunden, seit die Menschen deren Inhalte zu Hause am Laptop runterladen. Der Dienstleister Uber bedroht das Taxigewerbe, der Vermittler privater Zimmer Airbnb flößt der Hotelbranche Angst und Schrecken ein. Die Deutsche Bank nimmt aus Angst vor Bedeutungsverlust die Dienste von Jungunternehmen in Anspruch.

          Diese Veränderungen machen vor den Fabriken nicht halt. Ganz im Gegenteil: Die seit Jahren entwickelten digitalen Systeme der kaufmännischen Verwaltung, der Steuerung von Produktionsmaschinen und der Forschung und Entwicklung wachsen zusammen und gehen dank des Internets Verbindungen mit den Rechnern der Kunden und Lieferanten ein. Das ist mehr als die logische Erweiterung bisheriger Technik, weil es ganz neue Geschäftsmodelle eröffnet und neue Produkte ermöglicht.

          Permanente Produkt- und Modellerneuerung

          Zum einen müssen alle mechanischen Teile künftig digital vernetzbar sein. Sie müssen einerseits Betriebsdaten erfassen und weitergeben und andererseits digitale Steuerbefehle entgegennehmen und ihr Verhalten entsprechend ändern können. Allein diese Erkenntnis treibt vielen Unternehmern den Schweiß auf die Stirn. Mit Hochdruck arbeiten Tausende Hersteller von Siemens über Bosch bis Continental, Harting, Phoenix Contact, Trumpf und viele andere daran, ihre früher ausschließlich mechanischen Produkte mit Elektronik anzureichern. Wem es nicht gelingt, autonom aktionsfähige Teilsysteme zu liefern, der wird nur noch Zulieferer von geringwertigen und damit austauschbaren Produkten sein. Wem es aber gelingt, sein mechanisches Produkt mit intelligenter Technik aufzuwerten, der muss nicht der Aussage jener Berater folgen, die alle Unternehmen mit weniger als 100 Millionen Euro Umsatz im Jahr für nicht Industrie-4.0-fähig halten. Gerade die Digitalisierung bietet ja auch kleinen Unternehmen die Chance, mit einem klugen Produkt schnell zu wachsen; das beste Beispiel ist Facebook.

          Mit der Digitalisierung ändern sich nicht nur die Produkte, auch die Veränderungsgeschwindigkeit nimmt rasch zu. Maschinenbauer waren es früher wie Autohersteller gewohnt, ein Produkt nach mehreren Jahren durch ein Nachfolgemodell abzulösen. In der Informationstechnologie laufen Produktlebenszyklen aber schon nach wenigen Monaten aus. Internetunternehmen arbeiten permanent an der Erneuerung ihrer Produkte - Vorläufer und Nachfolger gehen praktisch ständig ineinander über.

          Folgen für Mitarbeiter und Organisation

          Die Digitalisierung verändert aber nicht nur die Technik, sondern auch die Arbeitswelt und die Unternehmensorganisation. Beides hat Folgen für die Mitarbeiter. Wenn die Aufträge des Kunden künftig direkt in die Produktionssteuerung einfließen, dort simuliert und in den Ablauf eingespeist werden, erübrigen sich viele Arbeitsplätze heutiger Disponenten. Unternehmen stellen aber auch zunehmend fest, dass die bisher hierarchisch strukturierte Organisation den neuen Anforderungen an Flexibilität und Geschwindigkeit nicht mehr gewachsen ist.

          Die Hannover Messe gibt in dieser Woche eine Fülle von Beispielen, die zeigen, dass die deutsche Industrie auf dem Weg zur vernetzten Fertigung schnell voranschreitet und dass sie sich international nicht verstecken muss. Jetzt scheint es sogar ein Vorteil zu sein, dass sie vor fünf Jahren zunächst einmal mit deutscher Gründlichkeit Fragen formuliert, Begriffe definiert und Entwicklungen analysiert hat. Umso leichter fällt es ihr jetzt, die Digitalisierung bis in die Werkshallen auszurollen. Die nationale Koordination über die Plattform Industrie 4.0, in der Staat, Unternehmen und Gewerkschaften eng und effizient zusammenarbeiten, gilt inzwischen international als vorbildlich. Auch deshalb kommt die internationale Industriewelt nun eine Woche nach Deutschland.

          Georg Giersberg

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Der Betriebswirt“.

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