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Vor dem Auftakt : Eine ganz besondere Hannover-Messe

Ein Mann montiert Scheinwerfern auf einem Messestand bei den Aufbauarbeiten für die Hannover Messe 2022. Bild: dpa

Hannover ist bereit: Hier wird die weltgrößte Industriemesse eröffnet. Die Erwartungen von Ausstellern und Kunden sind nach zwei Jahren Corona-Pause trotz vieler Lieferkettenprobleme und des Kriegs in der Ukraine sehr hoch.

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          Die Lieferketten sind unter Stress, die Energieversorgung ist auf der Kippe, die Digitalisierung ist mit der Tür ins Haus gefallen: Die deutsche Wirtschaft sieht sich mächtig unter Druck. Da kommt die Hannover-Messe gerade recht. Am Sonntagabend wurde sie eröffnet.

          Stephan Finsterbusch
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Bis Mitte der Woche wird es auf der größten Industrieschau der Welt nach coronabedingter Zwangspause viel zu klären, zu verhandeln und zu sehen geben: Roboter, die vollautomatische Produktionsstraßen bedienen; Maschinen, die mit Maschinen sprechen; künstliche Intelligenz (KI), die wie von Geisterhand ganze Fabriken lenkt.

          Auch aus anderem Grund wird die Messe eine ganz besondere. Aufgrund des Angriffskriegs Moskaus sind keine Russen in Hannover vertreten. Und Peking hat durch seine fehlgeschlagene Pandemie-Politik die Weltmetropole Schanghai abgeriegelt, die Häfen geschlossen und keine Chinesen nach Deutschland auf die Messe gelassen. Dennoch dürfte die diesjährige wirtschaftliche Leistungsschau der schönen neuen Welt des industriellen Internet (IoT) und der Industrie 4.0 ein paar kräftige Impulse geben.

          Technik zwingend für Transformation

          Denn Technik ist angesichts des Klimawandels, der wachsenden Ressourcenknappheit und der global steil steigenden Preise nicht Teil des Problems sondern der Lösung. Sind doch alte Industrien umzubauen, ganze Wirtschaftszweige komplett zu elektrifizieren und zu digitalisieren. Es geht um Effizienz und Sparsamkeit, eine neuartige Recycling- und Kreislaufwirtschaft, Wohlstand und Nachhaltigkeit, Umweltschutz und Modernisierung.

          Tausende Kohlekraftwerke in aller Welt werden über die kommenden Jahre abgeschaltet und durch Millionen von Windradparks und Solarzellenfelder ersetzt. Hunderttausende Kilometer an Straßen und Schienenwege werden auf nahezu allen Kontinenten verlegt, erneuert oder ausgebessert. So stehen nach Einschätzung des Beratungshauses McKinsey über die kommenden zehn Jahre Investitionen in Infrastrukturprojekte und Ausrüstungsgüter aller Art von mehr als 130 Billionen Dollar an. Das ist in etwa das Doppelte von dem, was nach dem Fall des Eisernen Vorhangs während der neunziger Jahren in der Welt in Versorgungs-, Verkehr- und Produktionsinfrastrukturen investiert worden war.

          Diese Investitionswelle würde für die auf Ausrüstungsgüter spezialisierte deutsche Wirtschaft gewaltige Möglichkeiten eröffnen. Allein der Markt für sogenannte IoT-Produkte wird nach Angaben der Analysten von Marktes and Markets von derzeit rund 70 Milliarden Euro im Jahr auf deutlich mehr als 100 Milliarden Euro Mitte des Jahrzehnts steigen. Bis dahin aber ist es noch ein weiter Weg.

          Verschläft Industrie das Thema?

          Einer Studie des Beratungshauses IDC zufolge arbeitet in Deutschland derzeit nur jedes zehnte Unternehmen des verarbeitenden Gewerbes wirklich engagiert an den industriellen Strukturen der Zukunft. Die übergroße Mehrheit der Unternehmen hat das Thema noch gar nicht auf der Agenda oder ist in Sachen vernetzte und hochautomatisiertes Arbeiten bestenfalls im Recherche- und Planungsstadium. Dabei war auf der Hannover-Messe im Jahr 2011 das Konzept der Industrie 4.0 von drei deutschen Wissenschaftlern faktisch aus der Taufe gehoben und vorgestellt worden.

          Angesichts der derzeitigen Herausforderungen und des sich abzeichnenden Wandels in der Welt sieht der Verband der Elektro- und Digitalindustrie ZVEI hierzulande nicht nur enormen Nachhol- sondern auch drängenden Handlungsbedarf: seitens der Wirtschaft, der Politik und auch der Gesellschaft. Deutschland habe nach wie vor erstklassige Industriebetriebe, einen global wettbewerbsfähigen Mittelstand sowie Spitzeninstitute der Grundlagen- und Anwendungsforschung. Doch Verwaltungen arbeiteten oft zu langsam, Bürokratien seien vielfach aufgebläht und zu viel Innovations-Potenzial liege brach.

          Zu wenig Neugründungen

          In Deutschland werden zwar Jahr für Jahr zahlreiche bahnbrechende Produkte und Dienste entwickelt, aber zu wenige Start-ups gegründet und zu viele Innovationen ins Ausland verkauft. Dort werden sie dann nicht selten zur Reife und auf die Märkte gebracht, zum Erfolg und zu Verkaufshits gemacht. So war es etwa mit den Standards für Komprimierungssoftware, so war es mit der Basis der digitalen Plattformökonomie, der Datencloud und den Grundzügen des maschinellen Lernen künstlicher Intelligenz. Vor allem die Digitalisierung, quasi die Säule der Industrie 4.0, hat es in Deutschland nicht leicht.

          Mittlerweile hat Deutschland nach Einschätzung der Expertenkommission Forschung und Innovation in Sachen Digitalisierung im Vergleich zu den Vereinigten Staaten und China deutlich an Boden verloren. Mittlerweile hinkt ganz Europa selbst nach Einschätzung der EU-Kommission in Brüssel auf zentralen technologischen Gebieten wie etwa der Halbleiterfertigung den globalen Entwicklungen hinterher. So sind nach Einschätzung des Berliner IT-Branchenverbandes Bitkom hierzulande mittlerweile viele landwirtschaftliche Betriebe besser digitalisiert als zahlreiche Industriefabriken – und die sollten nach Einschätzung des ZVEI in Hannover mehr als nur die aktuell am drängendsten erscheinenden Krisen im Blick haben.

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